Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 30 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585213--0406-9585214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 30 188S. Jüdisches Hermisgegebcn voll I>N. Rahmer in Magdeburg. Jur Untkrhaltung u. Belehrung für die israelitische Jugend. Abschied vom Sinai und Zion. (Zum Wochen-Abschni Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Allerlei siir den Familicntisch: Der erschlichene Räthscl-Ausgabcn und Räthsel-Lissungen. Abschied vom Sinai und Zion. (Zum Wochen-Abschnitt vtzbururr) NN NN2 rc» onb 2N (5. 58. Mos. I, tt.) I. An dem Sinai, de» die Wüste umzieht, Wo glühend die Strahlen brenne», Da weilt Israel mit frommem Gcmiith, Es kan» sich vom .Berge nicht trennen: — „Vcrwcilt nicht z» lange am Berge!" — Sic habe» die heilige GottcSlehr' An diesem Berge empfangen, De» Ort zu verlassen fällt ihnen schwer, Wo ihnen das -veil aufgegangen: — „Verweilt nicht zu lange am Berge!" — Was klebt ihr am Berge? der Berg ist Ort: Ist Gott wohl an Grenze» gebunden? Die ihr der Wahrüeit ewiges Wort A» diesem Berge gefunden — „Verweilt nicht zu lange am Berge!" Nnd strahlet des Sinai Glorienschein Für alle Geschlechter und Zeiten — Ihr sollt selber der Sinai der Menschheit sein, Allüb'ratl die Lehre verbreite» — „Verweilt nicht zu lange am Berge!" II. Vom Sinai ging es ins heil'ge Land Gehorsam nach Gottes Befehle, Auf Zions Gipfel der Tempel erstand, Es schuf ihrem Leib sich die Seele. > . . „Verweilt nicht z» lange am Berge!" Als gegen die Seele im Laufe der Zeit Vermesse» der Leib sich empöret, Da wurde die Lehre vom Tempel befreit, Jerusalem wurde zerstöret . . . „Verweilt nicht z» lange am Berge!" Und Israel wandert von Ort zu Ort; Befreit von der irdischen Schwere, Ein Prediger gegen Gcistesmord, *1 Lebt ewig die Gottcslehrc . . . „Verweilt nicht zu lang« am Berge!" Dr. I. Goldschmidt- Weilburg. *) DTisna nnsi JkS. 1,21. «, Eine dnnlle Erinnerung. Von Nathan Samuelh. (Fortsetzung) Ein voller, würziger Lufthauch wehet über die neue Welt, die von den Krystallarmen der Weichsel umschlungen, sich mit ihren grünen Wäldern und ewig blauen Bergen in der Sonne spiegelt, welche hierher ihre schönsten, breitesten Strahlen hinübersendet. Die „alte Welt" hingegen liegt in ihrem Schlamme, den die Weichsel hierher absondert, kaum von der Sonne eines kargen, flüchtigen Lichtblickes gewürdigt. tt Osbarim.) Bo» Dr. I. G oI d sch m id t - Weilburg. — Eine dunkle — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Ehefegen. — Scherzfrage und Antwort. — Zw» S. Ab. Von A. Sabor. Die armen Juden jedoch merken und beachten es kaum, weil ja die Todten von nichts wissen. . . . Stolz und prächtig reihen sich die Häuser der neuen Welt aneinander, zu einem herrlichen Viereck gebildet. Gegenüber dem St. Anna-Kloster ist das größte, schönste Gebäude zu sehen, das schon von der Ferne sich durch ein obenauf hängendes, breites Blechschild bemerkbar macht, welches mit colorirten, stechenden Buchstaben jedem Vorübergehenden entgegen zu schreien scheint: Schankhaus des Moschko Wassermann. In demselben Gebäude befinden sich alle Sehenswürdigkeiten der „neuen Welt": Die vierklassige Nvrmalschule, die Apotheke und das städtische Casino mit dem grvßmächtigen, weiträumigen Saale, in welchcin während eines TheilS des Sommers Theatervorstellungen gegeben werden. Wohl ist S. ein kleines, von der Cultur nur wenig belecktes Städtchen, jedoch fehlt es nicht an einer Kunstlergesellschast, die sich jährlich in den letzten Sommermonaten hier cinfindet. Das hat man dem Kreishauptmann, dem Herrn Piawski, zu verdanken, wenigstens nach seiner eigenen Behauptung. Als er dazumal von Paris herüberkam, erzählt allezeit Herr Piawski, fand er seine Landsleute auf einer sehr niedrigen Culturstusc. Sein Bestreben war es daher, in ihnen den Geschmack der große» Welt, den Sinn für Tanz, Musik und Gesellschaftsspiel wachzurufcn. Zu diesem Zwecke berief er eine Künstlergesellschaft. Die Künstler jedoch wären bei dem damaligen, unter seinen Landsleuten herrschenden Mangel an Kunstsinn in Hunger verkommen, hätte nicht er aus seiner damals noch gut gespickten Börse ihnen manches schwere Goldstück zukoinmcn lassen. Und so hat man hier Alles, schließt Herr Piawski seine Erzählung, sich stolz in die Brust werfend, so hat man hier Alles inir, dem Kreishauptmann, dem Herrn Piawski zu verdanken! Herr Piawski ist aber auch, das muß jeder, der ihn nur einmal gesehen hat, zugeben, kein gewöhnliches Menschenkind. Untersetzt und kugelrund, ist er der glückliche Besitzer eines in zwei geschweifte Spieße aufgedrehten Schnurrbartes, oberhalb dessen eine Nase sich präscntirt, die darauf Anspruch machen könnte, ein Originalstück der Schöpfung zu sein. Dick, breit und knottig war diese Nase, mit einer holden Purpurröthe übergossen und trug auf sich eine blühende, haarbewachsene Warze, die ein üppiger Nachwuchs zu werden versprach. Herr Piawski stammt nach seiner eigenen Behauptung von altadcligem Geblüte ab und soll einstmals, wie er ebenfalls behauptet, irgendwo in einer Stadt, die nicht genau anzugeben ist, weil sie jeden Tag in seinem Munde anders lautet, Kreishauptmann gewesen sein. In jenen guten alten Tagen erhielt auch seine Nase diese so schöne Ausbildung, die er als theueres Andenken hoch in Ehren hält und immer mehr zu entwickeln sucht. Moschko Wassermann sorgt dafür, daß es diesem exotischen Gewächse nie an der nöthigen Pflege und Anfeuchtung fehle. Moschko Wassermann soll aber auch — ebenfalls nach der Behauptung des Herrn Mawski — es einzig und allein