Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 29 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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— 114 Angst. Und als sic daS Kind zu sich cmporblickeu sah, die liebende, lauschende Mutter, da überströmte sie wie eine uan einem Damme befreite Quelle in tausend Koseworten und Schmeichelnamen. „Du Zuckerpüppchen," sprudelte cs aus ihr heraus, „Du mein Herzblättchen, mein kleines Spiclvögelchen, ja, mein Goldkiudchcn, jetzt bin ich fünsunddrcißig Jahre alt und bis Du mir ein großes, ausgewachsenes Töchterchen wirst, werde ich fünfzig Jahre alt sein — o, daß mich Gott daS erleben lasse!" Das Kind begann just damals von sich Zeichen zu geben, die geeignet waren, daS Herz der Mutter mit unsäglichen Wonnen zu schwellen. Wunderlich war cs auzuseheu, wenn cs singen oder spielen hörte, wie cs gleich einem Schwimmenden mit Hündchen und Füßchen arbeitete, mit den vorgcueigtcn Ohren die Töne gleichsam einsog und mit den Augen, in welchen eine wunderbare Verklärung flammte, an dem Sänger oder Spieler hing . . . Doch wer in einem jüdischen Getto sollte alles das beobachten? Dem tiefblickenden Auge der Mutter entging freilich kein einziger Zug, keine einzige Bewegung des Kindes, allein daS erinnerte sie höchstens an die Worte ihres Mannes: „Wie schade, daß ans diesem Kinde kein Knabe geworden ist. Was wäre das für ein berühmter Vorsänger geworden!" So ahnte auch Niemand in der alten Welt, daß Gott diesem Kinde einen Funken, einen leuchtenden Funken seiner Gnade ins Herz gelegt, der geschützt und bewacht, eine leuchtende Sonne, vernachlässigt und sich selbst überlassen, ein verzehrendes Feuer werden mußte. Mittlerweile verstrich Jahr um Jahr und das kleine tLstherche» wuchs zu einem thaufrischen, schlanken Waldröschen heran. Jetzt verließ die Wittwe nur selten ihr kleines Dachstübchen.^ Sie saß wie eine emsige Biene, nähte ihrem Kinde ein weißes Mullkleidche» und bereitete ihm ein warmes, frisches Mahl. Derweil flatterte daS Töchterchen wie ein flügge gewordenes Vögelchen in hcn Gassen herum mit einem Korb voll Baumfrllchte um die schlanke» Husten und ries mit einem süßmelodischen Sümmchen nach Käufern aus: „Aepfel! Birnen! Wer kauft schöne, rothe Aepfcl, volle, saftige Birnen?" Und als cs Abends hcimkehrtc, das schöne, blühende Estherchcn, flog ihr die Mutter hochklopfcnden Herzens entgegen und schloß sic stürmisch an ihre Brust. „Esthcrchcu, meine Königin Estherchcn!" rief sie mit zitternder Stimme, „warum bliebest Du heute so lange weg? Gestern kamst Du früher »ach Hause. Eslherchen, Du mein süßes, goldnes Estherchen! O, wenn Du wissen inöchtest, wie sich mein Herz nach Dir sehnet, wie es mir bange durch die Seele geht, wenn Du so lange ausbleibst, Du würdest mich gewiß nicht so lange warten lassen. Da erzählte ihr das Kind Alles, was sich ihm auf der Straße begab, was ihm der lange Chaiem, den man den Philosophen nennt, alles Schöne gesagt und wie ihm die Studenten alle heute so lieb gethan und wie sic es gebeten, ihnen etwas von seinen schönen Liedern vorzusingen. Hierauf legte das Kind seinen schönen Krauskopf in den Schvoß der Mutter und fast überqucllend sang es aus ihm heraus alle jüdischen Melodien und das schöne Vvlksliedchen „Mein Herz, was ist Dir so weh?" Da wollte der Mutter das arme Herz fast platzen vor lauter schwellender Seligkeit. Das war die Zeit, in welcher sie so glücklich war, so maßlos glücklich, in welcher ihr trunkenes Mutterherz dem langsamen Schritte der Zeit voraneilte und sie ihr Kind groß, blühend, eine strahlende Jungfrau sah, an der Seite des stolzen, glücklichen Bräutigams. Noch sieben, sechs, noch fünf Jahre. „O, Du guter, barmherziger Gott," seufzte sic, wie ist doch die Zeit so unermeßlich lang!" Und von dieser unermeßlich langen Zeit haspelten sich die Stunden, die Tage, die Monate und endlich die Jahre wie ein Faden vom Knäuel ab. Ach, was hätte sie nicht Alles hingegeben, die arme Mutter, ivcnn sic ctvig angedauert hätte, jene schöne Zeit voll ungestillter Sehnsucht, voll gvldner Träume und süßberauschender Hoffnungen! Die Zeit war um. Das Kind trat aus dem Dunstkreise der mütterlichen Träume als Jungfrau hervor, als wirkliche, schöne, verführerische Jungfrau, fast erschreckend wirklich — und vor dem Hauche dieser Wirklichkeit platzten und verschwanden alle schimmernden Seifenblasen der Hoffnung . . . Die Dinge nahmen einen seltsamen Verlauf.... cFortsetzuug folgt.) Versöhnt! Lriginal-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Der Onkel Leo hielt eS gar bald selbst für ein gvttwohlgefälliges Werk, seine Nichte in aller Stille mit Demjenigen zu verbinden, für den sie eine schwärmerische Liebe zu hegen vorgab. Alle Erkundigungen, die Brauns über ihn eingezogen, lauteten dahin, daß Or. Ellimar Sanders ein wenngleich mittelloser, doch sehr talentvoller junger Adoocat sei, dessen Familie hochgeachtet dastehe: ihm selbst prophezeite man, da er sich bereits als brillanter Redner hcrvorgethau, eine bedeutende Earrisre. — Als Dr. Sanders einer Einladung Brauns folgend, die Jlka durch Schmeicheln und lütten zu provociren wußte, acht Tage hernach zum Besuche im Braun'schcn Hause eintraf, hatte er gleich in der ersten Stunde die allgemeine Sympathie für sich. Er war ein schöner, stattlicher Mann mit schwarzem Vollbane, feurigen Augen, gefälligem Wesen, der, ohne als Schmeichler zu gelten, Jedem etwas Angenehmes zu sagen wußte; sein Urtheil über Welt und Menschen >var von seltener Schärfe, die eingestreuten Bemerkungen geistreich, jede Redewendung von Gefühl und Witz zeugend. Jlka hing mit schwärmerischer Begeisterung an ihm, cs ivar, als wollte sie jedes Wort von seinem Munde küffen. „Es wäre Frevel, sie von ihm zu trennen," sagte Leo Braun, als er mit seiner Gattin allein war; „er hat entschieden eine Zukunft; ich zweifele keuien Augenblick, daß sic au seiner Seite eine glückliche Frau werden wird." Frau Rosa, die die seltene Tugend besaß^ in Allem ihrem Manne beizustimmeü, warf sogleich ^die Frage auf: „Was können wir nur thun, um ihre Verbindung herbeizuführcn?" Leo dachte eine Weile ernst nach, dann sagte er: „Ich glaube, Alois wird cs uns dereinst danken, wenn wir das Unsrige thun, Jlka's Ruf zu wahren. Sie ist so leidenschaftlich wie Sanders; bei derartigen Naturen sind langandauernde Verhältnisse von nachtheiligster Wirkung auf Gemllth, Phantasie und Gesundheit. Jlka selbst will keinen langen Brautstand, unter gegebenen Verhältnissen wäre ein solcher auch vom Uebel. Wen:! Du sie, da Du ja doch iu einigen Tagen nach Marieubad reich mitnehinen willst, so rge dafür, daß Lehucr die geeigneten -schritte tyue, weuigitens eine synagogale Trauung zu ermöglichen. Ist sie ihm vor Gott angetraut, so crgiebt sich alles Uebrige von selbst; vr. Sanders wird sich uns gegenüber verpflichten müssen, gleich nach der Trauung abzureisen und Jlka erst dann als seine Frau hcimzuführen, wenn er die Einivilligung ihres Vaters erlangt hat." „Das wird er nicht thun!" cntgegncte die Gattin. „Er wird es, wenn er ein Ehrenmann ist," erwiderte Braun fest; liebt er Jlka wahrhaft, so vermag er cs auch, ihren Ruf zu ehren. Sein Weib darf sie erst sein, wenn der Vater selbst sie ihm zuführt!" — ... „ Und wie Leo Braun erwartet, so willigte Or. Sanders wenngleich nach hartem Kampfe ein. „Jlka," rief er nach der Unterredung, die er diesbezüglich mit ihrem Onkel gehabt, „ich soll der Glücktichüe der Sterblichen werden, der gute Onkel will unsere Trauung durch Lehncr ermöglichen, doch verlangt er, daß ich Dich in sklb lasst eicrgel cinei sond Itui tagt'1 uns zngek Eide: bene liebte sagte eine Jlla um Elte de» barg „baß Leute mir mar, die ja der gefati i: Berus i Man das? dahin dort verboten Klauen besitz, reinen Eich Md r ubiuer habe Abschi kam, gute tra Hunden ' dm S(Ul iutni9in Tugend "ich au H »ich; eure %