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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 29 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
29 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1 29. Jüdisches 1883. .'öcviuiägcflcbon von l)r. Rahmer in Magdeburg. ZN l(ufn Ifcliitii ß n. Kklkhrrnig fiir die israelitische Jugend. Ter Biitcr Erbe. Bon vr. I. G vldschmidt-Wcilburg. — Eine dunkle Ermiienmg. Von Nathan Sanincly. (Fortschnng.) — C.'llhfllt> Strfäbnt. Original-Roman von Ido Barbcr. (Fortsetzung.) — Jüdisch-deutsche Redensarten. Von Lehrer I. Herzbcrg. — . Allerlei snr den Familientisch; Jüdische Schristslcllcrinncn »nd Dichterinnen. Jerusalem. Luneville. Ein Traum. Von Adolf Waldauer. Ans dem Spruchschatz dcsTalmnd. Poetisch übertragen von M a x W ei n b c rg. — Räthsel-Aufgabcn und Räthscl-Lösnngcn. Der Bäter Erbe. (Zinn W.-A. '’SCÜ-' Px-T"1 ip2T rmsx NLL w« '2 (IV B. Moses 30,7,) Was mühvoU d» mit deinen eignen .Hände» Gern» ge» hast als GigentI,»»«, Das da rfst du »ach Belieben auch verwende». NidKt schmälert'» deinen Anhm. Doch was du ans der Väter -Hand empfangen. Das stehet unter höherem Befehl. . . . „Fest soll am Grbc seiner Väter hange» Gin jeder Man» in Israel." Dein Denken wechselt auch im Flug der Stunde»; Der Zweifel dich umschleicht, lind was dn heut' gedaclit »nd tief empfunden. Das Morgen raubt'» vielleicht. Doch der de» Ahne» herrlich aiifgcgangc», Der Glaube — wurzle tief in deiner Seel. . . . „Fest soll am Grbc seiner Väter hangen Gin jeder Man» in Israel." Als vor Jahrtausenden die Mensche» irrten Im grausen Gvhcnwahn, Da alle Laster, .hast »nd Lng, »mschwirrten Der Menschheit dunkle Bahn: Aus Israel hinaus die Strahle» drangen, Da brannte» hell des Glaubens reines Del .... „Fest soll am Erbe seiner Väter hangen Gin jeder Mann in Israel." Die Menschheit, fic erhob fich au» dem Staube Mit hohem .Himmelsflug: Dein Glaube war'«, der wahre EottcSglanbe, Der fic zur .höhe trug! D Israel, dein Glaub' wird ruhmvoll prangen, Wie mancher Wicht auch neidisch auf dich schmäl'.. „Fest soll am Grbc seiner Väter hange» Gi» jeder Man» in Israel." Die Treue strahlt in hellstem Sonnenlichte, Die keine Schclsucht trübt, »nd wer nicht liebt die eigene Geschichte, Der nichts auf Grde» liebt! Und wie in Treue unsre Ahne» rangen, .stein Droh'», kein Loh» je »ns die Treue stehl'. . . „Fest soll am Grbc sciiicr Väter hangen Gin jeder Man» in Israel." Dr. I. Goldschmidt - Wcilburg. ») Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuelh. (Fortsetzung) War der Vater Spiclmann, was Wunder, daß das Kind schon früh etwas von feinem Talente verrieth und ein Helles, klingendes Sümmchen wie ein Silberglöckchen hatte? Dazu blühcte es unrer den Augen der Mutter voll, frisch und duslig wie ein blühendes Knöspchcn auf. Was schccrt sich darum eine so glückliche Mutter, wie sie, daß ihr Kind ein minder schönes Kleidchen, als dessen Gespielinnen anhalte? Waren denn jene auch so schön, so klug, so herzlieb, goß ihnen Gott denn auch so ein süßes Lerchenstinnnchen in die Kehle? Uebrigens kehrte sich auch das kleine Esthcrchen nur wenig an ihre Gespielinnen und saß, während jene sich mit ihrem Spielzeuge zu schaffen gaben, immer sinnend und träumerisch in einem Winkelchcn. Jeden Donnerstag, so oft Joseph von seiner Wanderung heimkehrte, nahm er sein Töchtercheu zu sich auf den Schovß, spielte oder sang ihm waS von seinen Liedern vor und da mußte ihm das ganze Herz auflachcn, wenn so das kleine Estherchen ihm jeden Ton vom Munde oder von der Geige weglauschtc und ihn dann mit seinem süßen, metallenen Stimmchen ivunderbar wiedergab. „Sic wird einst den größten Vorbcrcr beschämen," Pflegte der glückliche Vater immer auszurufen, „o, wie schade, daß mir Gott aus diesem Kinde keinen Knaben gemacht — was wäre das für ein berühmter Vorbcter geworden!" Da fuhr es Plötzlich wie ein Wetterstreich aus heiterem Himmel über diese so stille, heitere Familie — Joseph starb. Er starb an einem sonderbaren Unfall — a» der Gnade eines seiner Grafen. Merkwürdig jedoch! Fast schien es der verlviltwcten Mutter, daß der Tod ihres Mannes gar keine Leere in ihr zurllckgclaffe» hätte, ja, dieser vielniehr dazn nöthig war, damit sich die überschwängliche Liebe zu ihrem Kinde, welche das schwache Gefäß ihres Herzens früher fast zu zersprengen drohte, jetzt mehr ausdchncn, mehr ansbreiten könne und sie nun den ganzen Inhalt ihres Lebens einzig und allein in ihrem Kinde suchen. Wohl stürzten anfangs Thräucn aus ihren Augen, wohl rang sie verzweifelt die Hände, jammerte und betheuerte, daß seit Jerusalem zerstört wurde, noch Niemandem ein so großes und schweres Unglück wie ihr zugestoßen sei — allein das waren nur so Gebärden, mechanische Laute, erzeugt unter dem ersten Axtschlag des Schicksals. Kaum, daß der erste Eindruck vorüber war, fing sie sich selber an »üt jenen überquellende» Worten zu trösten, die nur einem Mutterherzen entströmen. _t „Gab mir nicht Gott zum Ersatz ein Töchtercheu," sagte sie sich. „Glücklich die Mutter, die ein solches Töchtercheu hat. Ich bin also glücklich, unsäglich, grenzenlos glücklich!" Und so fuhr sic ohne Unterlaß fort, zu sich selber zu reden, als ob sie sich erst jetzt klar geworden wäre, wie lieb, wie unaussprechlich lieb sie ihr Kind habe, als wäre ihr bis jetzt das Herz zu eng gewesen, jene große, allmächtige Liebe zu fassen und als ob dasselbe sich jetzt in unendliche Räume gedehnt hätte, die von dieser einzigen, allgewaltigen Mutterliebe ausgefüllt wären ... Es war fast ein Rasen, eine Mutterliebe, ausgeartet in eine wilde, unheimliche Leidcnschaft! . . . Wenn das Kind mitten in der Nacht ans dem Schlafe erwachte, sah cs seine Mutter splitternackt zu seinen Füßen sitzen und in ihren Augen, welche unverwandt auf sein Gesicht gerichtet waren, lag etwas, was es nicht verstand; Die Mutterliebe mit all ihrer zittrigen Seligkeit und wonniglichen 9

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