Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 28 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 — Sonntag, wic bereits erwähnt, machte er sich auf die Wanderung und kehrte erst Donnerstag »ach Hanse zurück, mit einigen Silbcrmünzen in der Tasche, mehreren Gläsern Schnaps im Kopfe und in der Regel auch mit einem halbausgerupften Barte und einigen Blntschrammen im Gesichte. „Wir haben nur so mitsammen gescherzt, ich und der Graf" pflegte er alsdann zu sagen, und da hat der Graf in lustiger Laune seinen großen Hund, den Azur, auf mich losgehetzt, der mich ein bischen gekratzt hat. . ." Was verstand sie davon? Sic wußte, daß die Herrschaften eben Herrschaften sind und daß ihr Mann ein armer, jüdischer Spiclmann sei. Sic, eine fromme Jüdin, wußte an Wochentagen dreimal des Tages zu beten und an Sabbath- und Feiertagen, außer dem dreimaligen Gebete, Nachinittags in frommer Einfalt das „Dcutschchumcsch" zu lesen. Was soll eine arme Frau, ivie sie, mehr verstehen? Wann kamen Mann und Frau dazu, ihre Gedanken auszutauschcn, in traute Gespräche einzugehcn? Aller Verkehr zwischen ihnen beschränkte sich auf seine Frage: „Ist da essen?" und ans ihre Antwort: „geh' wasch dich!*)" So verstrich Tag um Tag, Jahr um Jahr, in stiller grauer Einförmigkeit. Da kam wie ein Frühlingssturm ein freudiges Ercigniß und brachte dieses stillstehende, sumpfige Leben in Fluß und Bewegung — Sara gebar eine Tochter. Das erste Mal athmcte sic in ihrem Leben voll und sici auf. Niegeahntes durchwogte ihre Brust, etwas ängstlich Süßes, wonniglich Weiches. Sie empfand das Gefühl, als trüge sie Ketten, weiche, süße Rosenkettcn, die sie allimmer nur tragen und nie mehr ablegen möchte, das erste Mal erwachte in ihr das Bewußtsein, daß sie nicht blos für das große, breite Gebetbuch, für den Schleier und den angeerbten Bctsitz in der Synagoge geschaffen sei, sondern auch ihren Antheil, ihren vollen menschlichen Antheil am Leben und an der Gesellschaft habe. Was waren das für glückliche, sonnige Tage für sie! «Fortsetzung folgt.) Versöhnt! » Origiiial-Rommi von Jda Barbcr. (Fortsetzung.) Unter Rede und Gegenrede, höflichen Toasten und Bechcrklirren nahte die Stunde des Abschieds. Leah hatte sich unbemerkt auf kurze Zeit entfernt und erschien jetzt in cinfacher grauer Rcisctoitettc, um all' ihren Liebe» Lebewohl zu sagen. Gar manche Thrüne stahl sich in die von echtem Herzeusglück verschönten Augen Leah's. „Dank, tausend Dank für alles Gute, das Ihr mir erwiesen," stammelte sie, als sie jetzt Vater und Mutter küßte und wieder küßte und nicht von ihnen loskommen konnte. „Nie werde ich Euch vergelten können, was Ihr mir gethan." „Du warft die Freude unseres Herzens, Kind," cnlgegnete gerührt die Mutter, „Gott hat Dich uns geschenkt, damit wir täglich neu einen Beweis seiner Güte vor Augeii haben. Ueberreich hast Du uns bereits vergolten, was wir Dir gethan und nun ziehe mit Gott und möge es Dir vergönnt sein, eine Frau im besten Sinne des Wortes zu werden." Von Rührung überwältigt, fiel die junge Frau der tief bewegten Mutter um den Hals und erst der Mahnung des Vaters, daß man de» Zug versäumen werde, bedurfte cs, daß sie Kraft fand, sich von der Mutter zu trennen. Unten im Vestibüle vernäh:» man Gesang gut geschulter Kinderstimmen: „Euren Ausgang segne Gott, Euren Eingang gleichermaßen!" ertönte cs. Leah's Fuß war wie sestgebannt. Es ward ihr doch schwerer, als sie gedacht, das Elternhaus zu verlassen. Und die daheim blieben, sie Alle empfanden, als das junge Paar geschieden war, eine Leere, die durch keinerlei *) Es ist religiöser Brauch bei den Jude» vor jedem Esse» sich zu waschen. Unterhaltungsmusik gebannt werden konnte. Das Fest hatte mit der Entfernung der Neuvermählten einen schrillen Abschluß erhalten. Frau Rosa war es, als hielt es sie nicht in den engen Räumen. Sic blickte auf die Uhr; cs war noch eine halbe Stunde bis zum Abgang des Zuges: ihr Gatte mochte ihre Gedanken errathen haben. „Fahren wir hinaus, Rosa?" fragte er sie. „Doch die Gäste?" entgegnetc die Frau. ,Sie kommen mit!" Und sogleich wurden Wagen herbcigcholt. Die ganze Hochzeitsgesellschaft machte sich auf, zehn Minuten später war man am Bahnhof. DaS Braun'sche Ehepaar betrat zuerst den Wartesaal; ihre spähenden Blicke gewahrten die Kinder nicht. Sollten sie schon eingestiegen sein? Sie gingen hinaus, den Perron auf und ab, alle Waggons musternd, in keinem die Gesuchten findend. Da, da hob sich ein blauer Vorhang und Leah's liebreizendes Gesichtchen kam zu:» Vorschein. „Die Eltern! die Eltern!" rief sie hocherfreut, auch Lehner sprang aus den» Wagen, dankte für die Aufmerksamkcit, indem er sagte, es sei ihm heut, da er in einer so freudigen Aufregung, nicht möglich gewesen, da im Wartesaal unter gleichgültigen, theilnahmlvsen Menschen zu weilen. Onkel Claus konnte nicht umhin, einige saftige Redensarten anzubriugen und die freiwillige Zurückgezogenheit anders zu deuten, indeß schon ertönte das Signal, nochnials herzliche Umarmung, Tücherschwenkcn und der Zug sauste mit so rasender Geschwindigkeit davon, als wäre er sich bewußt, zwei Menschen, die auf Flügeiu des Windes ihrem Glücke zueilen wollten, mit sich zu führen. VIII. Das andere Brautpaar. Wenige Stunden später sah man das Braun'sche Ehepaar wieder an der Bahn. Es galt der unglücklichen Nichte, die unter so ganz anderen Verhältnissen wie ihre Leah das Vaterhaus verlassen, ein Heim zu bieten, damit sie der Verirrung nicht anheim falle. Frau Rosa, obgleich sehr erschöpft, wollte cs sich nicht nehmen lassen, die Nichte selbst an der Bahn zu begrüßen. Sie wähnte eine tief Unglückliche vor sich zu sehen, die man auch nicht durch den Schein, als ließe man es an der nöthigen Freundschaft fehlen, verletzen dürfe und war erstaunt, als da ei» munteres, seclensrohes Mädchen aus dem Wagen sprang, das, kokett gekleidet, auffallend frisirt, in keiner Weise die vcrmuthete Unglückliche erkennen ließ. „Habe ich das nicht recht gemacht, Tantchen?" rief sie in fast frivolem Ton, nachdem die erste Begrüßung vorüber. „Ich denke, so am besten an's Ziel zu gelangen, der Vater wird nachgeben müssen, die Mutter wird schließlich froh sein, mich wieder zu haben, und was meinen Schatz anbelangt —" „Aber liebe Jlka," unterbrach sie die Tante, „bedenke wohl, daß Du ein gewagtes Spiel spielst. Wie nun, wenn Deine Eltern bei ihrer Meinung beharren? Du bist selbstverständkich eine Weile in unserem Hause geborgen, Dein Ruf bleibt gewahrt, gefehlt war es aber doch —" „Bestes Tantchen," unterbrach Jlka, „nur keine Moralpredigten, sonst mache ich gleich wieder Kehrt! Ich that, was ich thun mußte, mein Vater hätte sonst nie seine Einwilligung gegeben. Ucbcr all' jene kleinlichen Rücksichten setze ich mich hinweg; was die Leute sage», tangirt mich gar nicht, mögen sic sagen, ich sei aus dem Elteriihause geflohen, ich habe mit Elliinar geheime Zusammenkünfte gehabt, oder was sonst, — ich denke, Jeder ist seines Glückes Schmied." Inzwischen war man am Braun'schen Hause angelangt. Jlka musterte dasselbe mit spöttischem Blicke, es schien ihr doch gar klein und fast ärmlich im Vergleich n»t dem Palais, das der Vater erbaut und fast gcringschützend fragte sie: „In diesem Hause wohnt Ihr?" „Ja," entgegnetc bedeutungsvoll Frau Rosa, „und wir fühlen uns, Gott sei Dank, in demselben so glücklich, daß wir es mit keinem modernen Prachtbau vertauschen möchten!"