Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 28 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r / ft Jüdisches 1883. u*üi Herausgegebcii 1/^// Inhalt: Herausgegcben von Vr. Rahmcr in Magdeburg. Jur Werhultuus u. Kelehrmg für die israelitische Jugend. Eljahu auf b™ Berge JinrmcI. Von vr. I. Golds chm idt - Wcilburg. — Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan A amu-ly. (Fortsetzung.) - Versöhn,. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) - Jüdi,ch-deut,che Redensarten. Von ^eyrcr F. H erzbcrg. - Allerlei sür den Fami li ent isch: Hamburg. Wien. Petersburg. T,der,as Marocco.- Jw« bem Lpruchschap des Talmud. Poetisch übertragen von MaxWeinberg. — Unsterblichkeit. — Räthiel-Ausgabcn undRathscl Los Häuschen war ihre Wohnung, und ihre Nahrungsmittel bestanden in einem Stückchen Gcrstenbrot für sich und in einem bischen Milch mit Eindruck für ihr kleines Esterchen. Mit Ausnahme der Sabbaltagc kam nie ein Bissen Fleisch in ihren Mund. Und Kleider? Wozu ihr auch Kleider? Habe sie denn die Absicht zu heirathen, pflegte sie immer zu sagen, daß sie sich wie eine Puppe zieren solle? Und ihr Kind, ihr Esterchen? Was hat denn ein Brillant Aufputz nöthig, der ja aus dem Schlamme hervorleuchtet? Geschah es bisweilen, daß ihr auch das trockene Stückchen Brod ausging, dann war der Verlegenheit bald geholfen. M>t zwei ihrer Kopfkissen begab sic sich in das Gemeindehaus und ließ dieselben gegen eine geringe Summe, die man ihr dort ausborgte ,' bis auf bessere Zeiten in Versatz zurück. Auf alle jüdischen Feiertage erhielt sie unter den anderen Armen der Stadt ihren Theil an milden Gaben. So lebte sie still und zufrieden, war sie doch nie an ein besseres Leben gewöhnt. Wohl hörte man sie oft seufzen und klagen: „Ach, da war's besser, als mein Joseph noch am Leben war!" Allein das war eine Redensart. Ueberfluß hatte sie auch während der Lebzeit ihres Mannes nicht. Sein Erwerb war ein schwerer, bitterer, oft auch lebensgefährlicher. Sie wußte freilich wenig davon. Wann kam sie dazu, mit ihrem Manne sich näher zu besprechen? Jeglichen Sonntag machte er sich auf die Wanderung, durchstrich die umliegenden Dörfer und wo ein herrschaftlicher Palast zu sehen war, dort fragte er nach, ob man nicht seine Dienste brauche. Erst gegen Donnerstag kehrte er von seiner Wanderung zurück und brachte den schwer erworbenen Verdienst seiner Frau, die damit den Sabbatbedarf und den der ganzen kommenden Woche zu bestreiten hatte. Es war ein seltsanier Erwerb. Joseph war Spielmann. So ein Spielinann hatte vormals bei den Grafen und sonstigen Edclleuten eine eigenthümliche Aufgabe zu erfüllen — sie zu belustigen, ä borrb pris zu belustigen. Nicht eher brachten sic ihre Bälle und Festabende zuni Zenith, bis nicht so ein jüdischer Spielmann oder Lustigmacher zugegen war. Dieser Pflegte den illustren Gästen einige altjüdische Gesänge vorzuspielen, mitunter auch einige kleinrussische Lieder, mußte sich als Zielscheibe zu allen derben Späßen hergeben, sich ins Gesicht speie» und, wenn es den Herrschaften Freude machte, sich ein wenig beim Barte herumzerren lassen. Kurz, er war für diesen Festabend ein willenloses Zeug, ein Stück Inventar, ganz zum Gebrauche und zur freien Benützung der hohen Herrschaften. Zum Lohne dafür erhielt er mehrere Gläser voll Branntwein, einige Silberstücke und zu guter Letzt wurde ihm die Kuhmagd, die Janusche oder Mansche, in die Arme geschoben, mit welcher er zur Belustigung der hohen Gesellschaft einen wilden „Kasack" tanzen mußte. Drei oder vier solcher Wandermusikanten pflegten gewöhnlich in einem herrschaftlichen Hofe zusammenzutreffen, so daß seither das jüdische Terzett oder Quartett sprüchwörtlich geworden ist. Ein solcher Wandermusikant war Joseph. Eljahu auf dem Berge Karmel. (Zum Wochen-Abschnitt Pinchas). *) D-BSDH TUT DTID1B DOS 'NB *TC? (Könige, I, 18, 21. „Was hinket ihr herum auf beiden Zweige» Zerrissen Stückwerk nennt ihr Religion? Hcnt wollt ihr euch dem Eine» Gotte »eigen, Und morgen vor des Baal Eötzcnthron? Ihr möchtet gerne jedem Rechnung trage», Ihr paart das Höchste »nd das Allcrdiimmste; Ihr seid zu feige, »m de» Kampf zu wagen: Wißt, eure Halbheit ist das Allerschlimmste! „Was hinket ihr herum ans beiden Zweigen?" Ein Formelwesen nennt ihr Religion? Gedankenlos iibt ihr die Heilgen Zeichen, Weil fich's vererbt vom Vater auf de» Sohn. Einschläfer» wollt bequem ihr das Gewissen, Das es nicht störe euch in euren Ränken; Der Menschheit AdelSbricf habt ihr zeriffen, Dem Göttlichen in euch entsagt: dem Denkcn! „Was hinket ihr herum auf beiden Zweigen?" Viel besser wär's, ihr träft bestimmte Wahl, Denn ob vor Gott sich eure Köpfe beugen, Mit leerem Herzen dient ihr doch dem Baal. Begcist'ruug für die Wahrheit ist erhaben, Auch wenn der Geist vom Irrthum ist umnachtet; Verächtlich ist nur, wer der Wahrheit Gaben Engherz'gen Sinns mit kalter Brust verachtet". — „Was hinket ihr herum auf beiden Zweigen?" O käm' ei» Eliah auch unstrer Zeit! Die Menge denket nicht; die Führer schleichen Rathlos und still und fürchten Kampf und Streit. Die Sklaven herrsche»; der Lehrer fragt den Schüler; Was soll ich lehr'« die Baalöpropheten Hetze»- £> Elyahu, gottdurchglühter Wühler, O komm, die Wahrheit auf den Thron zu setze»! *' NI DWB. Dr. I. Goldschinidt - Wcilburg. 2, Eine dunkle Erinnerung. Von Rathan Saiuuely. (Fortsetzung) Sie war einst glücklich, sehr glücklich, diese arme, wahnsinnige Frau, doch nicht im Wohlstände und in klingendem Reichthum bestand dieses Glück. Sie war ja nur eine arme Wittwe, die, um ihre geringen Bedürfnisse für sich und ihr einziges Kind zu bestreiten, schwer und hart arbeiten mußte — aber dieses einzige Kind eben war der volle Inhalt ihres Glückes. Im Winter schliß sie Federn zum Gebrauche für Bettdecken und im Sommer saß sie auf dem Markte als Obstverkäuferin. S. ist ztvar ein kleines, winziges Städtchen von nur wenigen wohlhabenden Einwohnern, allein auch ihre Bedürfnisse waren zu gering, als daß sie dieselben von ihrem Erwerbe nicht hätten bestreiten können. Ein kleines Dachstübchen in einem entlegenen, auf dem Felde befindlichen