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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 27 (1885) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
27 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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Diese Worte, mehr zu sich selber gesprochen, begleitete mein Vater mit einem tiefen Seufzer, „Vater, lieber Vater," drang ich in ihn im Tone kindlicher Neugierde, „lag auch mich ihre <55efcf)ic^te hören!" „Geh, Kind, das ist nichts für Dich, Du wirst kaum ein Wort davon verstehen. Was soll ein Kind vom Leben wissen, vom Leben, das an uns mit Sturmesflügeln hcranbrausl. Das Leben und nicht der Rabbi war es, das diese arme Frau zerschmettert hat, das Leben, dessen Stimme sie nicht verstand. Doch das sind Dinge, die für Dich zu hoch sind. Geh, lass cS jetzt, Kind, wirst noch Zeit genug habe», es zu erfahren!" Und ich erfuhr es. Ich lernte es von Angesicht zu Angesicht kennen, jenes sturmathmende Leben mit seinen grausamen Schickungen, Ich erfuhr später die Geschichte jener armen Wahnsi nnigen, die ich dem Leser hier wicdercrzählen will. Es ist eine tieftraurige Geschichte, (Fvrtschimg folgt,) Versöhnt! „ Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Als der Vater von Dr. Lehner zurückkam, ward wiederum Familicnrath gehalten. Man beschloss, an Jlka zu telegraphiren, sic möge selbst noch eine Aussöhnung mit ihren Eltern versuchen, wenn diese aber nicht möglich, das- Haus ihres Onkels als ihr Vaterhaus betrachten, — Leah hatte während des ganzen Vormittags lveder Speise noch Trank zu sich genommen, Ihr war der Tag, der sie dem geliebten Mann verband, ein heiliger, bedeutungsvoller, keine irdische Regung sollte befriedigt werden. Es war gegen Mittag, da die Mutter sie mahnte, sich nun festlich, wie es die Weihe des Festes verlangte, zu schmücken. Im Nebenzimmer lag auf Stühlen ansgebreitet das lange, weiße Atlaskleid, der duftige Schleier, auf demselben ein Kranz von blühenden Myrthen. Dem jungen Mädchen traten die Thrünen in die Augen, als sie sich jetzt anschicklc. den bräutlichen Schmuck anzulegen „Du weinst'?" fragte die Mutter erstaunt, „Es sind Thrünen der Freude, Mütterchen," sagte sic, i ihren Arm um die Mutter schlingend. „Ist mir doch, als müßte ich aufjanchzen vor innerem Glück und Gott dem! Allmächtigen danken, der cs so gut mit mir gemeint, Und weil ich keine Worte finde, den Gefühlen meines übervollen Herzens genügend Ausdruck zu geben, tritt die Thräne als stummer und doch beredter Zeuge in das Auge) sie entstammt dem innersten Herzensquell und mag Dir, beste Mutter, sagen, daß Dein Kind so glücklich ist, wie es nie zu werden hoffte. Und reichlicher rannen die Thrünen, als Mutter und Tochter jetzt in stummer Umarmung eiirander in den Armen lagen. Herz an Herz fühlten sic die Wonne der Zusammengehörigkeit, das Glück der seelischen Ucbercinstimmung, „Wie Du ein gutes Kind gewesen, meine Leah," sagte die Mutter gerührt, „so wirst Du mit Gottes Hilfe eine brave, pflichtbewußte Frau werden! Laß cs mich Dir sagen in dieser feierlich ernsten Stunde, daß Du mit DeinemAustritt aus dem Eltcrnhause ernste Pflichten übernimmst. Die Ehe wird Dir manche Entsagung aufcrlegeu, Kind; bleibe standhaft und treu, auch wenn Prüfungen über Dich kommen, auch dann, wenn Dein Gatte, was Gott verhüte, Dir nicht das sorgenfreie Leben bereiten kann, dessen Du Dich zcithcr erfreutest!" — „Mit ihm werde ich immer glücklich sein," cnlgegnetc Leah fest; „wir haben eine Fülle des Glückes in uns, daß wir auf die von außen kommenden Güter keinen Werth zu legen brauchen!" Noch lange sprach die Mutter eingehend mit der Tochter; als sie sich dann, wie sic sagte, Alles vom Herzen herunter geredet, trat sie an ihren Schreibtisch, nahm alis einem Schubfach ein in rothem Sammet gebundenes Gebetbuch, und es der Tochter reichend, sagte sie: „Dies von mir, inein Kind: es sei in allen freudigen und schweren Stunden Dein Begleiter, und daß wir es würdig einweihcn, laß uns zusammeu das Gebet lesen, das der heutigen Stimmung entspricht. Und die Tochter dicht an sich ziehend, so daß sie ihren Athem fühlte, lasen sie Beide in stiller, gottgcweihter Andacht Seite auf Seite, und als sie geendet, da fühlten sie Beide in seelenvoller Umarmung, was sie sich zeither gewesen. Der Geist des Friedens, des heiligsten Glückes durchschwebte den stillen Raum, in dem die Mutter für das Glück ihres Kindes gebetet, das Kind der Mutter tausend Dank für alle ihr bisher bewiesene Liebe gesagt Freudigen Herzens machte sich Leah jetzt daran, ihren Brautschmuck anztilegeu. In strahlender Schöne stand sic, umgeben von ihren Freundinnen, als ihr Verlobter eine Stunde später den Salon betrat, um sie zur Trauung abzuholen. „Leah," sagte er, ihr die Hand reichend und sic an sein Herz ziehend. Die Worte versagten dem sonst so beredten Manne; der übliche Glückwunsch wollte ihm nicht über die Lippen. Weshalb auch ein Gefühl in todien Worte» ausdrückcu, das in jeder Fiber, in jedem Pulsschlag lebt und athmct. Als Lclnier seine Braut aus dem Eltcrnhause hinwegführtc, da fühlte er bei alll dem namenlose» Glück, welches seine Seele durchströmte, weiche Verpflichtungen er übernehme und er gelobte sich vor Gott, sie treu und redlich zu erfüllen. Die Trauung wurde von einem Freunde, der ihm seit der Jugend nahe gestanden, vollzogen. Das Gotteshaus war dicht gefüllt; als Leah am Arm Lehners den Tempel betrat und der Vorbeter den Gesang iutonirte, schien es, als ob heilige, tief ernste Andacht Alle gefangen nahm, die vielleicht nur zu müßigem Schauen hergekommen waren Das junge Paar war tief ergriffen: Leah, weiß wie eine Lilie, schritt gesenkte» Blickes zum Altar: ihr war es, als stände sic vor Gott und in diesem Bewußtsein legte sie das Gelübde ab, das der Prediger von ihr forderte, Ihr „Ja" war mit echtem Hcrzenslaul gesprochen, sie wußte kaum, daß sie es gesagt und doch fühlte sie, daß sic eS mit tausend Eiden bekräftigt. Nach beendigter Ceremonie gab es ein Glückwünschen und Küssen, eine so herzinnige Freude, daß selbst Fernstehenden die Thrünen in die Augen traten. Weiß gekleidete Mädchen, Schülerinnen des vr. Lehner, streuten dem jungen Paare, als cs den Tempel verlassen wollte, Blumen auf ihren Weg, daheim warteten im Vorsaal des Hauses eine Anzahl armer Frauen, die Leah zeither unterstützt hatte, jede einzelne brachte der jungen, jetzt glückstrahlenden Frau ihr Angebinde dar und freundlich hatte Leah für jede ein Wort; sie lud sie ein mit hinauf zu kommen, es würde wohl auch für sie ein Imbiß da sein, und während man vorn im Salon für die geladenen Gäste das Hochzeitsmahl auftrug, ordnete Leah an, daß auch in einem Hinterzimmer ihrer Arme» gedacht iverde. Als sic dann au der Seile ihres Gatten an der Hochzeitstafel Platz genommen, war sie doppelt glücklich, als sic, einen Blick durch die Nebenthür werfend, wahrnahm, wie eS ihren Schutzbefohlenen mundete, wie wacker sie zusprachen und wie die gute Mutter selbst dafür sorgte, daß reichlich aufgetragen wurde und Jedes noch sein Päckchen nach Haus mitnchmen konnte, Reden und Gesänge würzten das Mahl, Alles ichien Freude und Leben, Depeschen wurden eine Unzahl verlesen, sie alle brachten Glückwünsche von Nah und Fern, „Aus Preßburg," sagte Lcah's Bruder, als er jetzt wieder ein Couvert öffuete, „Ich treffe mit dem Abendzuge bei Euch ein," las er halblaut, „Tausend Dank, I l k a,"

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