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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 27 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
27 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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V. 27 1885. Jüdisches \icviuiSgogd>i'ii von l)r. Rahmcr in Diagbcburg. Zur zlnlttljullmig 11. Belehrung fiit die israelitische Jugend. Ter Tod der glvmiiicii. (Zum Wochenobschnitt Lnlnle.) Von Or. I. Goldschneidl-Weilbnrg. — iftttc bmifk Lnmtcnnig. flrlf t * Bon 'l.'allniH Leine eiein. — Pcejöbnt. (Drigiual-Romun von Jda Parder. (Fortsetzung.) — (£iii Permächtiiitz. ^Pon M. Tenener- Knnzlaii. — einerlei für d e n sraeni l icnl isch: (branden,;. Paris. London, Warschall. Fernsalem. ^ereesaieeii. — rlns dein Lprnchfchatz der- Teeleneed. Poetisch übertragen von Mar Weinberg. — Räthsel-4lusgaben nnd Rätbsel-Lösungcn. Ter Tod der Frommen. (Zum Wochcnnbschnitt Balak.) a’n?' ma tbi man (IV MoseS 23,10.) Was, Vater, deine Hand mir auch zntheilet, Cb mich umstrahlt des Glückes Sonnenschein, Cb Lturmgcwölke über mir hineilct — Ich will nicht murren, will zufrieden sei». Kommt auf des Lebens Meere sturmbcwcgt Auch Wog' au Woge dräuend angefchwomme», Nur ei» Gebet stch mir im Buse» regt! „C da st ich sterbe» möcht' den Tod der Frommen!" Wen» gegen Kraft stch Kraft im Kampfe stemmet; Wenn Leidenschaft den Busen mir zerwühlt, Und »ur der Tugend Majestät mich hemmet, Daß Siegeskranz mir nicht das -Haupt umspielt, Wenn stch ansstrcckt der Sünde Ricscnhand, Da mühsam ich bescheidne höh' erklommen: C Vater, schütze mich am Abgrunds Rand! „C daß ich sterbe» möcht' den Tod der Frommen!" Gerecht, o Vater, ist dein himmlisch Walte», Wie auch den Guten Leide» oft umdroht! Und hat das Leben ihm nicht Wort gehalten, Ihm hält, getreu, was er versprach, der — Tod. Der Böse stirbt, und alle Siegstrophä'n Der Sünde find für immer ihm genommen; Der Gute stirbt, verklärt für ew'ge höh'»: „C dafi ich sterbe» möcht' den Tod der Frommen!" Br. I. Goldschmidl-Weilburg. Eine dunkle Erinnerung. Kon Not ha» Somucly. Am stillen, wanne» Herde, unter dem Einflüsse non tausend fuukelndcn Augen, die aus der Asche hervorsprühen, träumt cs sich gar wunderbar von alten verschollenen Zeiten, treten die Erinnerungsbilder wie aus den Wänden hervor und stehe» lebendige Gestalten vor uus, greif- und faßbar. — So taucht auch jetzt, wie ich da traumscltg am Herde sitze und dem funkelnden Brillantcnspiel der flimmernden Kohlen zusche, das kleine Städtchen S. vor meinen Blicken auf, mit seiner ehrwürdigen, alten Synagoge, an welche so viele Wundersagen sich knüpfen; alle meine Gespielen und Gespielinnen erscheinen vor mir, ernste, alte Männer mit grauen Bärten, verwitterte Häuser, traurige Gäßchen und mitten unter ihnen die große, lange Brücke mit ihren mächtigen Stützpfeilern, auf welche sich die gewaltigen Weichsclflurhen stürzen, schäumend, ’oulenb, wie rasende Bestien, die sich um ihre Beute reißen lind die auch in der That jenes Städtchen in zwei Thei.e zerrissen, in eine „neue" und eine „alte Welt". Dieselbe 3J?eicJ)fet aber, welche die Stadt cntzweiriß, riß auch die Menschen auseinander. Die Juden nämlich durften zur damaligen Zeit in diesem Städtchen nirgend anders, als in der alten Welt wohnen. Ein einziger Jude blos, Moschko Wassermann genannt, erhielt die Erlaubniß, in der „neuen Welt" zu wohnen und dort sein Ansschanksgcschäft betreiben zu dürfen. — teo oft ich an diese Brücke denke, sehe ich noch das wahnsinnige, alte Weib, welches anr Ende derselben immer zusammengekauert lag. stille, regungslos, so daß man cs für eine todtc Masse halten mußte, wenn die Lippen sich nicht von Zeit zu Zeit bewegt hätten. In früheren Tagen pflegte sich diese Wahnsinnige gespcnstartig in den Gassen herumzutrciben, fast immer von einem Hansen Gassenbuben begleitet, der schreiend und lärmend vor und neben ihr herlief. Später jedoch gab jte* das Hcrumschleichen auf und hockte beständig am Fuße der Brücke, rnit verglasten Augen glotzend, das Haupt gesenkt und die Hände hinter ihren knieenden Beine», so einem leblosen Klumpen ähnlich sehend. Einmal, als ich an der Brücke vorbeiging und die Wahnsinnige am Ende derselben zusammengekauert liegen sah, drängte es mich, nachzusehen, ob der lange Jtzik, mein Schuleollege, Recht habe, der mir gesagt, daß der Rabbi von Sadagura diese Frau durch seinen Fluch in eine Steinmasse verwandelt hätte. Leise und vorsichtig schob ich mich an sie heran und berührte mit den Fingerspitzen ihren Nacken. Da schnellte cs wie ein Kautschukballen auf und bevor ich mich versah, fühlte ich den heftigen Schlag einer knochigen Hand auf meiner Wange. Erschrocken lief ich die Straße hinunter bis ins Cheder, und als ich meinen Melammcd gewahrte, da Platzte es aus mir heraus: „Wer ist denn, Rabbi, jenes Weib, das am Ende der Brücke immer zu sehen ist?" „Die Wittwe Sara meinst Du?" „Meinetwegen die Wittwe Sara!" „Hm," machte der Rabbi verlegen, „eine Wahnsinnige ist sie, wie viele andere Wahnsinnige!" „Warum sagen die Leute, daß der Rabbi von Sadagnra sie verflucht habe?" „Ganz einfach, weil dem so ist. Sic war eine Ketzerin und darum hat der heilige Rabbi von Sadagura sie verflucht." Ich gab mich mit dieser Antwort zufrieden. Als ich später nach Hause kam, klagte ich meiner Mutter das Geschehene, die mich zu besänftigen suchte. Mein Vater jedoch, dem ich später ebenfalls den Vorfall klagte, schalt mich derb aus. „Recht ist Dir geschehen, wilder Junge," sagte er, „Du hättest die Unglückliche nicht reizen sollen." „Ist sie nicht eine Ketzerin?" widersprach ich lebhaft, „hat sie nicht auch deshalb der Rabbi von Sadagura verflucht?" „Wo hast Du den» diese Albernheit her, dummer Junge?" „Soeben hat's mir der Melammed erzählt." „So, der Melammed?" sagte mein Vater mit einem trüben Lächeln, „was soll er davon wissen?"

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