Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 26 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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102 — VI. Zu Hause. Als Rosa nach anstrengender Fahrt ihr Heim erreicht hatte und von all' den Ihrigen, die ihre so baldige Rückkunft noch nicht erwartet hatten, »nt offenenArmen enipfangcn wurde, da erst athmete sie wieder freier auf. Hier war sie, alle-? ccremoniellcn Zwanges ledig. in ihrem Lebcnsclcmcnt, hier ward ihr wieder wohl, hier fand sie Vertrauen, Liebe, herzinnige Zusammengehörigkeit, und war auch AllcS im Hause noch so einfach, erinnerte auch Nichts an die Pracht jenes Hanfes, daS sie verlassen, sic fühlte sich doch so glücklich, als sei sic ans einem Eispalast, in dem Alles sie angcfröstelt, in die blühende Flora exotischer Gegenden versetzt worden. Schwer ward es der guten Frau, den Gatten auf die Mittheilnng vorzubereiten, die sie ihm machen mußte. — Wußte sic ja, daß sic seinem gläubigen, gottvertraucnden Herzen damit einen Dolchstich versetzte. Als das herbe Wort endlich gesprochen war, sah sie, wie Leo kreidebleich ward und sich ait der Stuhllehne festhalten mußte, um nicht nmzusinken. „O, Vater, Mutter," rief er bebend, „wie wohl ist Euch, daß Ihr das nicht erleben mußtet!" Danu watikte er, ein gebrochener Mann, hinaus, seinen Schmerz über den verlorenen, bethörtcn Bruder anszuweinen.— Leah wollte ihm folgen, doch die Mutter winkte ihr zu: „Laß den Vater," sprach sie ernst: „ivie ich ihn kenne, muß er in sich selbst zur Ruhe kommen, sein Gottvertrauen wird ihm »traft gebe», das Unabänderliche mit Fassung zu ertragen." „Das Unabänderliche'?" fragte Or, Lchner. „Noch hat der Onkel seinen Ucbertritt nicht bewerkstelligt, noch wäre cs vielleicht Zeit, ein ernstes Wort mit ihm zu reden!" — „Du kennst ihn nicht, lieber Adolf," sagte Frau Rosa, „er ist die Unfehlbarkeit in eigener Person, auf ihn hat Niemand Einfluß und — daß ich es ehrlich sage: An ihm verliert das Judenthum nichts. All' jene Gehässigkeiten, die in dem Antisemitismus unserer Tage gipfeln, sind durch derartige Charaktere genährt und groß gezogen worden. Dieses protzcnhafte Gcckenthum, diese Prahlerei und ekelhafte Sucht, mehr zu scheinen, als man ist, muß ja bei allen reell Denkenden Widerwillen erregen. Gar bald heißt es dann: Seht, das ist der Jude, der sich so benimmt, so hcrvordrängt, der so falsche Begriffe von Recht und Pflicht vertritt! Mag er sich lieber nicht Jude nennen und Hunderte seines Gleichen. Es wäre ein Gewinn für die echten, glanbenstrcuen Juden, die ihre Religion in Ehren halten und ihr zu Lieb' Verfolgung und Feindschaft über sich ergehen lassen, ehe sie auch nur einen Schritt vom Pfade des Rechts abgchen," Noch lauge discntirte die Familie über den eigenen, eben so überraschenden, wie betäubenden Fall, Keiner dieser braven Menschen konnte sich in die Ideenwelt desjenigen hineindcnken, der es mit feiner gesellschaftlichen Stellung nicht vereinbar fand, seinem Gott treu zu bleiben. Als etwa eine Stunde hernach Leo Braun sein Zimmer verließ, schien er ein alter Mann; seine Augen waren glanzlos, die fest zusammen gekniffenen Lippen zeugten von harten, Seelenkampf. „Ich habe keinen Bruder mehr," sagte er tonlos; „Gott der Allmächtige wird mir helfen, daß ich den Schmerz um den Verlorenen ertrage!" „Vater," erwiderte Or. Lchner, des gebeugten Mannes beide Hände ergreifend, „wenn dennoch ein Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, gemacht würde, wenn Sie mir gestatten wollten, in ihrem Aufträge, als Verwandter, als Seelsorger mit ihm —" „Eher wirst Du, mein Sohn," entgegncte ernst Leo Braun, „10,000 Heiden zur Religion unserer Väter bekehren, als diesen Hochmllthigen zu ihr zurück führen! Ich kenne ihn, doch," fuhr er warnend seine Hand erhebend fort, „Glück wird es ihm nicht bringen!" VII. Der Hochzeitstag. Am Hochzeitstage Leah's langte von, Onkel ans Pest ein kostbares, silbernes Tafel-Service an, das nncröffnct zurückgesandt wurde. — Die junge Braut saß in Andacht versanken, vor ihrem Gebetbuche, heißes Flehen zu Gott cmporrichtend, er möge ihr Kraft geben, dem geliebten Manne ein Weib in der edelsten Bedeutung des Wortes zu sein, da ward ihr ein Brief übersandt, der ihr das Blut in den Avern erstarren machte — ein Brief von Jlka. Sie schrieb: „Theure Cousine! Ich flüchte mich zu Dir — Du wirst mich verstehen, wirst mir, der aus dem Vaterhause Verstoßenen Aufnahme in Deinem Hause gewähren. — Deine Mutter hat Dir sicher erzählt, in welchem Conflikt ich mit mein en Eltern lebte; mein Vater hat mir die Wahl gestellt, entweder mich mit dem alten GrafZandor zu verloben, oder — sein HauS zu meiden. Ich habe das Letztere gewühlt, lebe seit 3 Tagen in Preßburg im Hanse meiner ehemaligen Erzieherin Miß Dum, finde aber doch, da mein Ellimar mich besuchen will, daß die Welt mein Verhalten vcrnrtheilen könnte. — Theuerste Leah! Suche es bei Deinem Verlobten durchzusctzcn, daß er unsere Bereinigung fördert; eine religiöse Trauung ist, ich weiß es wohl, nicht bindend, doch die Eltern werden ihre Einwilligung gebe», wenn sie hören, daß unsere Trannng stattgefunden. Ellimar Sanders, der Mann, dem mein Herz in reinster, lauterster Liebe entgegenschlägt, genießt in allen gut bürgerlichen Kreisen die höchste Achtung; ich werde es nie bereuen, ihm meine Hand gereicht zu haben. Theuerste, beste Leah, Du, die Du selbst jetzt das Glück echter Liebe kennst, hilf mir, daß uuser Bund legalisirt werde.— Ewig werden wir's Euch danken, wenn unsere Zusammengehörigkeit durch Euch gefördert werden. Deiner baldigen Zuschrift entgcgcnschend, küßt Dich tausendmal Deine Jlka." „Was thnn?" fragte sich Leah. Entschieden mißbilligte sic es, daß Jlka es zu einem offenen Bruch mit ihren Eltern hatte kommen lassen, »och mehr, daß sic aus dem Elternhause geflohen, vielleicht gar, um geheime Zusammenkünfte mit jenem Manne zu halten, dem sie nicht angehören sollte. In hochgradiger Aufregung ging sic, obschon sic sich vorgcnommen, den Vormittag allein in stillem Gebet zu verbringen, in das Wohnzimmer, um mit deu Ihrige» zu berathcn. „Das ist Gottes Finger!" sagte ernst Leo Braun; „wird Alois Jlka's Flucht dafür ansehcn, daß Gott ihm den Abfall von der Religion seiner Väter nicht verzeihen will?" - „Schwerlich," entgegncte die Gattin; „er wird sie zur Rückkehr, zur Vermählung mit dem Grafen, zur Taufe zwingen." „Da sei Gott vor," ries entschieden Leo Braun, „meines Bruders Kind soll sich nicht vergeblich an uns gewendet haben!" Und sogleich nahm er Hut und Stock, forderte von Leah den Brief, um zu vr. Lchner zu gehen und mit ihm zu erwägen, was zu thun sei. Die Weihe und stille Heiligkeit des Tages schien durch Jlka's Schreiben wesentlich^ gestört. Um Leah's Ruhe war es vollends geschehen, sic vergegenwärtigte sich Jlka's Seclenzustand und bedauerte die trotz ihres Rcichthums arme unglückliche Cousine von Herzensgrund. Jetzt erst erkannte sie klar, welches Glück es für sie gewesen, daß ihre Eltern vorurtheilslos und edel genug dachten, ihrer Neigung, die auch zuerst nicht ihre Billigung hatte, keine ernstlichen Schwierigkeiten entgcgenznstellen. Wie, wenn man man sie gezwungen hätte, statt des makellosen Cultnsbcamten den reichen, ihr widerwärtigen Bankier zu hcirathcn? Wäre sie nicht im gleichen Falle wie Jlka gewesen? Je länger sie nachdachtc, desto versöhnlicher ward sie gegen die Cousine gcstiinmt. (Aortsepmig folgt.)