Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 25 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Er hatte dem Sünder aus dem Talmud »achgewiesen, das; mau den Frevler so lange abstrafen müsse, bis man Prügel von ihm empfange, — und auf diese Prügel wartete Reb David immer noch. Einstmals, als er eben dem Reb Jekefchen eine lange Strafpredigt gehalten hatte, ivvrin er ihm bewiesen, daß sein — Reb Jekeschens — Lebenswandel doch schließlich ins Gehinnom (Holle) führen müßte, sprach dieser ganz gelassen: „Thut nichts, wird sich Alles schon machen, Reb David, Wie es Euch doch am besten bekannt sein wird, seid Ihr Jaevb und ich bin Esow, d, h, Ihr seid der Fromme und ich bin der Sünder, Wenn »vir null Beide sterbe» werden, so kommt Ihr selbstverständlich in's Ganeden (Paradies) und ich in's Gehinnvm. Wenn man mich nun sechs Tage lang gegeißelt und gebrannt haben wird, so werde ich dann ivie alle Reschoime (Frevler) am Sabbath in's Ganeden gebracht werden. Ihr wißt, ich trinke gern ein Gläschen Branntwein, und wenn man insvnders sechs Tage lang so bearbeitet worden ist, wird es sicher nicht ausbleibe», daß mir die Kehle trocken sein wird. Ich werde mich daher nach einer Schankwirthschaft umsehen. Allein im Ganeden, wo doch sicher noch Sabbath streng gehalten wird, werden sie wohl alle geschlossen sein. Was nun thun? Nun, ich werde mir dann den Rath geben, und zu Euch gehen, Reb David, denn Ihr verkauft ja doch — hintenherum!" Lir Julius Benedict. Der in London im 81. Jahre seines Lebens gestorbene Musiker, Dirigent uiid Compvnist Benediet ist am 24, Deebr, 1804 in Stuttgart geboren. Sein Vater, ein reicher jüdischer Bankier, ließ ihm die sorgfältigste wissenschaftliche Ausbildung geben, und als der Sohn Talent für das Clavierspiel offenbarte, wurde der Coneertmeister Abeille sein Lehrer, der ihn in überraschender Kürze zieinlich weit brachte. Obwohl B. als Clavierspieler bereits in seinem zwölften Jahre Aufsehen erregte, mußte er doch erst das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen, ehe man zu seiner wirklich tonkünstlerischen Ausbildung schritt, Sv kam es, daß er erst 1819 ein Jahr über bei Hummel in Weimar die höhere Technik des Clavierspiels und seit 1820 bei C, M, v. Weber in Dresden Compositivn studieren durfte. Das Glück, sich des Letzteren Schüler nennen zu dürfen, ist fast Niemandem zu Theil geworden, und Weber selbst gewann den hochstrebenden Jüngling so lieb, daß er ihn zum Reisegefährten auf seinen Ausflügen nach Berlin und Wien machte. In letzterer Stadt wurde er auf Webers Empfehlung hin 1823 als Capellmeister an der deutschen Oper des Kärthnerthor - Theaters angestellt, welche bedeutenve Stellung er bis 1825 verwaltete. In letzterem Jahre reiste er durch Deutschland und Italien, um schließlich die musikalische Direetivn am großen Theater San Carlo in Neapel zu übernehmen. Dort schrieb er auch zwei Opern „Crnesto e Giavinta" und „Die Portugiesen in Goa", welche letztere 1831, als B, seine Heimath besuchte, auch in Stuttgart zur Ausführung kam. Beide Partituren, obwohl Nachbildungen Rossini'scher Schreibweise, bekunden doch unleugbar den Berns zum dramatischen Coinponislen, der B. mit Unrecht später manchmal abgesprochen wurde. Nach einigen Jahren weiteren Aufenthaltes in Italien wandte sich B, nach Paris, 1838 nach London; die englische Weltstadt wurde mit wenigen Unterbrechungen durch Kunst- und Besuchsreisen sein bleibender Wohnsitz, und er hat sich daselbst zuerst als Clavierspieler sehr vvrtheilhaft eingeführt. Man fand in seinem höchst fertigen und glänzenden Spiele die Vorzüge seiner Lehrer vereint wieder, einestheils Weber- Fülle und Feuer, anderntheils Hummeis leichte Ruhe und Deutlichkeit bei einem ungezierten Anschläge und gefühlter Tongebung, In England wandte sich B. wieder der dramatischen Cvmpositivn zu und ließ in den dort entstairdenen Werken C, M, v, Weber's Vorbild frei und von keinen Rücksichten gehemmt aus sich einwirken. Er, der in der Werkstätte des „Freischütz" und der „Euryanthe" mitgesessen, der die ersteir Aufführungen dieser Opern mit erlebt, durste sich allerdings für berechtigt halten, diesen Ereignissen die Gestalt einer künstlerischen Tradition zu geben, untermischt von den auf großen Reisen gewonnenen eigenen Anschauungen _ und Erfahrungen, So entstand eine ganze Reihe englischer und deutscher Opern, welche als Vorzüge reiche und fließende Melodik, leichte, angenehm überraschende Modulation und eine umsichtige und gewandte Instrumentation aufweisen, in der dramatischen Cvnstruetion aber mehr oder weniger verfehlt sind, woher es einzig und allein erklärlich, daß nicht eine seiner talentvollen Partituren Repertoireoper geworden ist. Nachdem er mit den Opern „Der Zigeunerin Warnung" und „Der Alte vom Berge", gegeben in Stuttgart und Hamburg, in Deutschland nicht durchzudringen vermocht, obgleich letztere Oper sehr schöne Partien hat und sich z, B, in Stuttgart — allerdings durch die unerreichte Wiedergabe der gen, Titelrolle durch den Baritonisten Pischek — als Zugoper erwies, schrieb er für die nationale Opernbühne in London „Die Bräute von Venedig", „Die Lilie von Killarney" und „Die Rose von Erin", von denen die letztere, ein liebliches Tonwerk, auch auf dem Continent fast allenthalben gegeben wurde (1862 auch in Berlin), sich aber gleichwohl nicht hielt, Aehnlich ist der Erfolg seiner zahlreichen Claviereompositionen, bestehend in Coneerten, Sonaten, Variationen, Fantasien, Rondos und Salonstllcken gewesen, die zwar brillant und formgerecht, aber ohne nachhaltige Tiefe geschrieben sind. Einen größeren Ausflug von London aus hatte B, ui den Jahren 1850 und 1851 unternommen, wo er der Begleiter der berühmten Sängerin Jenny Lind auf ihren Kunstreisen in Amerika gewesen war und als Clavierspieler glänzende Anerkennung erhalten hatte Als solcher, so wie als Coneert- und Orchesterdirigent blieb er auch in England hoch angesehen und gefeiert, Ueberall auf den englischen Musikfesten hat er dirigirt. Er gründete musikalische Gesellschaften, gab vielfach Coneerte, unterrichtete in den ersten englischen Familien und entwickelte eine erstaunliche Vielseitigkeit und Arbeitskraft, Deutschen Musikern, die nach England kamen, stand er mit Rath und That bei. Bei Hof und bei der Aristokratie war er sehr beliebt. Eine große Anzahl von Orden und Auszeichnungen aller Staaten schmückten seine Brust, u, A, war er Ritter I, Kl, des Ordens der Württ, Krone und Komthur II, Kl. des Württ, Friedrichsordens, Die Königin von England erhob ihn 1871 zum Ritter, Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zum Thell auf ihren Ursprung zurückgcfiihrt von Lehrer I. Herzberg, 5, „Cfr kennt kein Zelem (Kreuz) vor dem Sleph." Ursprünglich wurde der Buchstabe re mit einem dem Kreuze ähnlichen Zeichen geschrieben, und zwar X- Dies hatte zur Folge, daß des Hebräischen Unkundige beide Zeichen mit einander verwechselten. Mit der Anwendung obiger Redensart will man andeuten, daß man einen des Lesens und Schreibens Unkundigen vor sich habe, der ein solcher fHNil KJ (Unwissender) sei, daß er ein dem Zelem (Kreuze) ähnliches Zeichen für ein X hält, 6. „Kr schreit Opi TI!“ Die Worte Dpi TI finden sich in dem Jozer, welches in die Schacharis Latnuous sssrs der Festtage und sonstiger hervorragender Sabbathe eingeschaltet, und sind durch beson» deren Druck hervorgehoben. Sie lauten vollständig: Dpi TI tUHpl DHD1 SOU. Dieser Satz wird auch heute noch in den Synagogen, wo es leider noch au Ordnung und feierlicher Stille fehlt, mit solcher Kraftanwendung gerufen, daß dem Hörer die Ohren gellen und der Nichtbetheiligte in den Glauben versetzt wird, als wäre dieser Schrei ein Angstruf,