Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 23 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Am berllckenbste» war bieses Auge, wenn ein Schalk brin kicherte, wobann ihr Munb, ber zwei Reihen von wahren Perlenzähne» zeigte, in kinblicher Herzlichkeit zu scheckern verstaub urtb allerliebst zu lachen. „Wie kommst Du nur hieher, Marie?" schwebte mir aus ben Lippen bie Frage, doch ehe ich biese aussprechen konnte — siehe, ba strömen Lichter ins Zimmer hinein, viele Helle, grelle Lichter, und schon sehe ich mich von vielen Freunben unb Verwanbten umringt, die mit lautem Lachen unb heiterlärineirben Rufen niich umbrängen unb zwischenburch klingt bie melvbische Stimme jener so reizenben Frauengestolt. „Das nenne ich aber einen langen Schlaf — vom Jahre 1884 bis zum Jahre 1885!" Ich fuhr jählings empor und riß weit bie Augen auf, bernt jetzt war ich mir bewußt, baß alles was ich bisher gesehen — ein Trau m war. Jene reizenbe Frauengestalt war meine Cousine, in bereit Wohnung ich mich befanb. Die heitern Ruse nahmen mir um so mehr zu, als ich mich gähnenb unb lägernb von meinem Lager erhob. „Bei einem so schönen Gesang schlafen zu können!" ries Einer. „Bei biesem Klirren unb Anschlägen mit ben Gläsern!" ein Zweiter. „Bei biesen Lichtern, mit welchen wir ihn einige mal umringten! „Bei biesem Schieben unb Rücken mit bei» Sopha, auf welchem er lag!" „Bei biesem bvnnernben Knall ber entkorkten Champagnerflaschen!" „Unb bei biesem Runbgesang, mit welchem wir bie zwölfte Stunbe bes neuen Jahres begrüßt haben — ber hätte einen Tobten aufwecken können!" So hatte jeber etwas zu sagen, was mir jeboch nur die Ursache vor Augen führte, die meinen Traum immer mehr entwickelt hatten, der im Grunde genommen, von einigen Traumgestalten abgesehen, die erst später im tiefen Schlafe auftauchten, eine wirkliche Begebenheit meiner Kindheit abspiegelte. „Aber schau her," rief meine Cousine, ein beschriebenes Blatt Papier, das vor mir aus dem Tisch lag, ergreifend, „da hast Du ja hier, wie ich sehe, eine neue Arbeit begonnen!" Das erinnerte mich daran, daß ich wirklich vor dem Einschlafen eine Skizze zu schreiben angefangen habe. „Ja," erwiderte ich, „ich begann gestern an eine Reminiscenz aus dem Cheder zu arbeiten, doch gestört durch den heitern Lärm, mußte ich abbrechen und schlief so nach und nach unter den Klängen einer süßen Melodie, die im zweiten Zimmer gesungen wurde, über die Arbeit ein." „Das handelt ja auch von einem Sylvester", sagte sie, das Geschriebene rasch durchfliegend. „Das war aber eine schöne Talmudlection, die der Rabbi zusammen mit jener klingenden Gabe zum neuen Jahr Dir bescheert hat und noch dazu ein so schönes Versprechen für den nächsten Tag. — Das wird ja eine recht gruselige Geschichte werden mit jenem stoßenden Ochsen — wirst Du sie fortsetzen?" „Morgen hoffe ich sie zu Papier zu bringen" erwiderte ich. „Aber dieses Geisteskind hat ja noch gar keinen Namen!" lachte sie in ihrer anmuthigen, schalkhaften Art. „Wie soll es sich denn nennen?" „Du bist ja oft Pathe bei meinen Geisteskindern gestanden", meinte ich, „bereite Du den Namen vor!" „Du mögest Recht haben" gab sie zu und legte schelmisch, wie nachsinnend, den Zeigefinger auf die Stirne, indeß sie fortsuhr, „ich muß aber vorerst wissen, ob Deine Geschichte von der weitern Begebenheit jener Nacht, oder, wie es bei Dir heißt, jenes „Vortags", handeln wird?" „Allerdings" sagte ich. „Nun, so »ernten wir dieses Kind „Erlebnisse einer Sylvesternacht!" Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert unb zum Theil aus ihren Ursprung zurückgesuhrt. Bou Lehrer Js. Herzberg. 5. „Lat die tzhaß'ne > Kochzeit) soviel gelioltet, «Sgea die Lichter aurbrennen!" Die Hochzeitsfeierlichkeiten wurden ehedem in den Tagen unserer Voreltern mit größerem Pomp und zahlreicheren Lustbarkeiten abgehalten, sodaß sie oft mit ungeheuer großen Kosten verknüpft waren. Es ist noch nicht gar lange her, da in vielen Gemeinden Nordwest-Deutschlands eine solche Feierlichkeit volle sieben Tage (nach Vorschrift), oder wenigstens drei Tage gedauert hat. Bei all diesen Festlichkeiten haben natürlich nach altjüdischer Säte dem Grundsätze gemäß: „Wo Licht ist, ist auch viel Freude", die Lichter nicht gefehlt. Insbesondere ist es in jenen Gegenden Gebrauch, daß beim Geleiten des Brautpaares unter den Trauhimmel, dem sogenannten „unter die Chuppe führen", der Gemeindediener sowohl dem Bräutigam, als auch der Braut ein Paar brennende Wachskerzen voranträgt. Auch die Lichter wurden zumeist nicht ausgelöscht, wie überhaupt zur Erhöhung der Festesfreude jede nicht angebrachte Sparsamkeit, wie das Auslöschen der Lichter, was bei so großen Opfern keinen erheblichen Gewinn mehr eintragen konnte, vermieden wurde. — Obige Redensart wird auch im gewöhnlichen Leben da zum Ausdruck gebracht, wo man bekunden will, daß man, nachdem schon große und schwere Opfer zur Erreichung eines heiligen Zweckes gebracht, auch etwa noch erforderliche geringere nicht scheut und solche gern und freudig darbringt, und daß man, da bis jetzt die Kräfte und Mittel zur Darbringung jener großen Opfer ausgereicht, für die kleineren gewiß auch noch das Vermögen besitzen werde und dieselben zum dauernden Nachtheile nicht gereichen werden. Ein ähnliches deutsches Wort lautet: „Komme ich über den Hund, so komme ich auch über den Schwanz." — — Kleine jüdische Charakterzüge. Von H p. R k. in Branbenb. 24. Der aufdringliche Loufehiiudler „Wenn Sie's ganze Loos durchaus nicht nehmen wollen, Herr Cohn, so spielen Sie die Hälfte, ein Viertel oder ein Achtel mit, es wird Ihnen doch leid thun, lieber Herr Cohn, wenn's diesmal rauskommt". „Drängen Sie sich doch nicht so auf, Herr Samuelsohn, — immer ungezogen!" „Wer? Ich ungezogen? Das ist ein bischen zu stark." „Ich meine Sie ja gar nicht, sondern das Loos, das seitdem ich's bei Ihnen spiele, immer ungezogen bleibt. Doch geben Sie's her. Ich wills noch einmal versuchen; hier haben Sie's Geld". „Run aber machen Sie, daß Sie rauskommen." „Seien Sie doch nicht so grob, lieber Herr Cohn." „Ich meine, mit einem Hauptgewinn."