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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 23 (1885) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
23 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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üiibictcn, durfte ich hoffe«, daß Du ihin einen Werth beilegen würdest?" „Es ist mir, wenn er von Deiner Mutter stammt, thcurcrsagte Leah gerührt, „als wenn Du mir das kostbarste Juwel bötest, — Ich werde ihn mit Stolz au meinem Ehrentage uud bei jeder anderen festlichen Gelegenheit tragen," V. Im Hause des Schwagers. Während so die beiden Liebenden in schönster Seelenübercinstimmung glückliche Tage verlebten, war Frau Rosa Braun als Gast im Hause ihres Schwagers den eigenartigsten, keineswegs angenehm berührenden Einflüssen unterworfen. Wie sehnte sie sich nach dem Frieden, dem trauten Glück ihres eignen Heims! Es schauerte sie, wenn sie daran dachte, daß sic noch 8 Tage hier, in diesen hohen alten Räumen leben müsse. — Und doch, sie wollte ihr Ziel erreichen, der Schwager war verreist und wurde erst in nächster Woche zurück erwartet, — Man hatte sie am Bahnhöfe durch einen Diener in reicher Livrsc empfangen lassen und meldete, Frau von Braun habe gerade heut ihren »jour« und sei verhindert, selbst zu kommen, das gnädige Fräulein habe Migräne, der junge Herr Norbert sei beim Grafen Winditsch zur Jagd. Das klang Alles sehr nobel, war aber wenig geeignet, auf Frau Rosa, die von ihren Verwandten mit offenen Armen cnipfange» zu werden hoffte, einen günstigen Eindruck zu machen, Sic bestieg eine auf Gummirädern geräuschlos dahinrvllcnde Equipage, die von 2 prachtvollen Rappen gezogen war und befand sich »ach kurzer Fahrt vor einem eleganten einstöckigen Hause; ein Portier in reicher Uniform öffnete den Wagen-schlag, diverse Diener und Mädchen mit weißen Hauben sprangen herbei, ihre Sachen zu nehmen, — noch immer fein bekanntes Gesicht, Man führte sie eine mit exotischen Pflanzen geschmückte breite Marrnorstiege hinan, einen langen mit Teppichen belegten Corridor entlang in das Fremdenzimmer. Eine Dienerin meldete, daß die Gnädige, sowie ihre Damen sich entfernt hätten, bereit sei, sie zu empfangen, Frau Rosa war nahe daran. Kehrt zu machen. Konnte ihre Schwägerin sich nicht auf kurze Zeit von ihren „Damen" beurlauben, um sie zu begrüßen? Und Jlka, sie, die die Taute ehedem so lieb hatte, die stets zu ihr geflüchtet, wenn die englischen und französischen Gouvernanten sie mit übertriebenen Anforderungen gequält, rvußte sie nichts von ihrer Anwesenheit? Indes; Frau Rosa war nicht danach angethan, so leicht verletzt vder muthloS zu werden. Sie dachte an ihren Galten, der sein volles Vertrauen auf sie gesetzt und war fest entschlossen, dieser vornehmen Verwandtschaft mit Ruhe und Würde zu begegnen, ohne irgend wie zu zeigen, daß sic mehr Herzlichkeit, mehr freundliches Entgegenkommen erwartet hätte. Die hochelegante Einrichtung des Hauses mahnte sie daran, daß auch sie wohl hier elegant auftrete» müsse, um nicht unvortheilhaft abzustechen, Sic vertauschte ihre einfache Reisetoilette mit einem nach neuester Mode gearbeiteten Seidenkleide, legte echte Spitzen an und fand, als sie sich im Spiegel betrachtete, daß sie daheim kaum in großer Gesellschaft eleganter auftreten dürfe, Gerade als sie ihre Toilette beendet, kam ihre Schwägerin, sie mit offenen Armen zu begrüßen, „Wie bin ich glücklich, liebe Rosa," sprach sie, indem sie sie aus beide Wangen küßte, „Dich endlich einmal bei mir zu sehen! Ich zählte die Minuten, bis meine Damen sich entfernt, um zu Drr zu eilen, Dich in meine Arme schließen zu können! Da war die Baronin Selten, die sich eine halbe Stunde lang verabschiedete, dann die Frau des Majors v. Detlef, die Miene machte, sogar den Abend mit uns zu verbringen, Gräfin Tengern konnte nicht müde werden, von den Erfolgen zu erzählen, die ihre Tochter in Paris feiert — Du glaubst nicht, liebe R»sa, wie diese mir gleichgültigen Menschen mich langweilen! Doch nun erzähle mir," fuhr sie, die Schwägerin nicht zu Worte kommen lassend, fort, „wie es bei Euch geht, wie Ihr lebt, ob Ihr viel Verkehr habt, ob Dein Mann gute Erfolge —" „Von meinem Manne und Kindern viele herzliche Grüße," unterbrach jetzt Frau Rosa die redelnstige Schwägerin. „Sie sind Gottlob Alle wohl, Leah ist eine glückliche, sehr glückliche Braut —" „A propos Leah," unterbrach sie die Schwägerin; sie scheint ganz gegen Eure» Willen ein Verhältniß entrirt zu haben und nolens volens habt Ihr wohl zuletzt Euren Consens geben müssen?" Frau Rosa staunte über die Fülle der Fremdwörter, die ihre gelehrte Schwägerin in einem Satz anzuhäufen wußte; ein eben eintretender Diener, der meldete, daß im Salon scrvirt sei, störte sie indeß in ihren Betrachtungen, Die beiden Frauen durchrvanderten Arm in Arnr eine Flucht elegant ausgestattcter Zimmer, die mit Gobelins, kostbaren Gemälden, Skulpturen, Bildhauerarbciten überreich geschmückt waren. Im Speisesalvu war nur für 2 Personen gedeckt, Alles massives Silber, das Tischtuch war von weißem Seiden- Damast, „Mein Gemahl," entschuldigte Frau Bactelle, „ist verreist, Jlka unwohl, Du wirst heute rurr mit mir vorlieb nehmen müssen!" „Aber wo hast Du Claire und James?" fragte Frau Rosa verwundert, „James ist bei seinem Hofmeister, Claire bei der Gouvernante; sie speisen in ihren Zimmern, wenn Du indeß wünschest, lasse ich sie Dir rufen!" „Ich würde mich sehr freuen, die Kinder wieder zu sehen!" entgegnetc befremdet Frau Rosa. Ei» Druck auf den Telegraphen; dem cintretenden Diener ward der Befehl, dem Fräulein und dem Herrn Doktor zu sagen, daß die Kinder zur Tante kommen sollten. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouetten NUS Galizien. Von Nathan Samuely, XX. Erlebnisse einer Sylvesternacht. (Schluß.) Ich versank in stille, traurige Gedanken, Der Mann neben mir sah mich an und schwieg. Und immer vorwärts rollte der Wagen über Berg und Thal, Gestrüpp und Felsenklippen, Horch, da ertönt plötzlich wieder jener wunderbare Gesang durch den unermeßlichen Raum, jetzt von vielen herrlichen Stimmen begleitet und zwischendurch tönt ein lustiges Getöse, Vivatrufe und Gläserklirren. Ich sah den Mann neben mir fragend an, „Wir sind soeben über die Grenze" sagte er meinen Blick verstehend. Da drang plötzlich Licht, frisches, junges Licht durch das Fenster in de» Wagen hinein. Ich blickte geblendet hinaus. Himmel und Erde lagen in rosigem Lichte verklärt. Wie unzählige Diamanten, funkelnde, blitzende Edelsteine waren über den unermeßlichen Flächenraum ansgestreut und von unsichtbarer Seite ergoß sich in immer brettern Strömen ewiges Licht über Himmel und Erde. „Wie schön!" konnte ich den Ruf nicht unterdrücken. „Schaffensfreudigkeit!" lächelte der alte Mann, Jetzt entsteigen wir dem Wagen und ich befinde mich in einem hellen, freundlichen Raume, „Gott zum Gruße!" rief mir eine liebliche wie Musik klingende Stimme entgegen, die ich mehr als einmal schon gehört habe. Ich blickte ans und sofort erkannte ich jene, die mir diesen Gruß gebracht. Es war eine reizende Franengestalt, mit glänzend schwarzem Haare, das soeben von den Spennadeln befreit, sich ihr wie entfesselte Fluthen über

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