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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 22 (1885) · p. Seite 87

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
22 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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— 87 — Wieder eine zeitlang saß ich zurückgelehnt im Wagen, Ler wie auf Windesfliigcln dahinflog, und überließ mich meinen Gedanken, Wie zufällig bog ich mich jum Fensterschlage des Wagens hinaus und da war ich Ichier geblendet von dem prachtvollen Anblicke, der sich mir darbot. Wie goldne Johanniskäfer schwirren verschiedene Flämmchen in der Luft, rothe, grüne, blaue und rosigglllhende Flämmchen, Bald ganze Schaaren, bald einzelnweis, bald sich kreuzend, bald verfolgend kommen sie mit ihren flimmernde» Flügelchen von ollen Zeiten geflogen, wirbeln eine Weile in der Luft umher und verlieren sich nach und »ach im blauen Acther, iudeß immer neue Flämmchen von den verschiedensten, wunderbarsten Farben geschäftig herbeihuschen , , , „Wer sind diese Flämmchen?" fragte ich de» alten Mann »eben nur, „Hm", machte er mehr zu sich selber „Irrwische — Lebenshoffnungen," Ich mußte lange über diese sonderbare Antwort Nachdenken , , , Der Wagen rollte unterdessen in immer rascherem Fluge dahin , , , Neuerdings schien cs mir, als ob ich um einige Jahre älter wurde. Ich bog mich abermals zum Fenster hinaus und siehe, von jenen bunte» Flämmchen flattern nur einzelne, zerrissene, wie verirrt in der Luft umher, die allmählich verblassen und nur düstere, unheimliche Nacht hinter sich zurücklassen, ja, von Zeit zu Zeit zieht ein Ilngewitter heran — es lost, es stürmt und statt der lieblichen Flämmchen zucken jähe Blitze und rolle» tvilde Donner über das Firmament hin, „Wo sind alle die schönen Flämmchen verschwunden?" fragte ich de» Mann an meiner Seite. „Irrwische — Lebenshoffnungen", wiederholte er mit einem bittern Lächeln „sie huschen nur so an uns vorüber und lassen sich nicht fassen , , ," (Schluß folgt,) Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zum Theil auf ihren Ursprung zurückgeführt. Bon Lehrer Js. Herzbcrg. In der jüdisch-deutschen Umgangssprache, die gegenrvärtig zumeist nur noch von unserer älteren Generation gepflegt wird, und die bei der jüngeren Generation immer mehr in Vergessenheit gcräth, haben sich im Laufe der Zeiten Redensarten und Redewendungen eingebürgert, die, theils aus dem jüd, Schristthum entnommen, theils auf Vorgänge des tägliche» Lebens Bezug habend, so in alle Schichten des jüdischen Volkes eingedrungen sind, daß sie zu „geflügelten Worten" geworden sind. Solche Redensarten werden bei der einen oder anderen Gelegenheit angewendct, ohne daß man deren Ursprung kennt. Auch werden sie gar oft falsch und corrumpirt angewendet, weil man einentheils die Redensart selbst nur ungenau kennt, anderentheils weil man ihr einen unrichtigen Sinn beilegt: Im Folgenden soll nun eine Anzahl von jüdisch-deutschen Äedensarten angeführt, erläutert und zum Theil auf ihren Ursprung zurückgeführt werden.*) Sie lassen uns zeitweilig einen interessanten Blick thun in das innere Leben des jüdischen Volkes, denn sie sind, wie jedes Sprichwort überhaupt, ein Spiegel des Volkes, der uns zeigt, wie es in seinem Innersten lebt, 1, gießt -WSä vom Stroh! Die Gabe des Zehnten p»SE) hatte wohl von dem Korn, dem werthvollen, nicht aber von dem Stroh, das nur sehr gelingen Werth hat, zu geschehen. Nach einer alten Sage soll einst Esau, als er sah, daß sein Bruder Jakob der Pflicht des Zehnten genügte, auch dieses Gebot habe *) Beitrüge zur Vermehrung dieser Redensarten sind erwünscht. erfüllen wollen, obwohl er sonst die göttlichen Gebote gering achtete. Um jedoch seinen Vater Isaak nicht zu kränken und zu erzürnen, wollte er gegen seinen Bruder nicht zurllckstehen und auch einen Beweis seiner Frömmigkeit liefern. Anstatt des Kornes nahm er jedoch Stroh, wodurch das Opfer an sich einen nur geringen Werth erhielt, er aber scheinbar der Pflicht des Zehnten genügte. Die Redensart „W*' giebt TtfSfi vom Stroh" wird auf diejenigen angewendet, denen die Erfüllung der ihnen obliegenden religiösen Pflichten nicht sehr am Herzen liegt, und die, so sie wirklich durch äußerlichen Zwang zur Erfüllung der einen oder anderen religiösen Pflicht getrieben werden, dieser nur zum Schein genügen, ohne der Erfüllung derselben ein größeres Opfer zu bringen; die eine Pflichttreue zur Schau tragen, im Herzen aber die größte Apathie gegen alles Religiöse hegen. In ihrem falschen Eifer, der einem unaufrichtigen Herzen entspringt, machen sie aus dem Nebensächlichen etwas Hochheiliges, während das Wichtigste mit Geringschätzung behandelt wird, um auch einmal als pflichtliebeud zu erscheinen, (Siehe auch Midrasch rabba z. St.) 2. Mag er mir bsn nehmen! I» vielen Gemeinden Norddeutschlands ist es Gebrauch, während der Sommerzeit am Sonnabend das »pT ^>2N-Gebct Vers um Vers zu beten, und wird dasselbe nicht vom Chase» vorgebetet, sondern vom Vorsteher der Gemeinde, oder einem, den dieser damit beehrte. Gewöhnlich werden sämmtliche Gemeindemitglieder der Reihe nach mit dem Vorbcten dieses Gebetsillckes beehrt, die solches auch gewissermaßen als ein ihnen zustehendes Recht betrachten. Entstand nun Feindschaft zwischen dem Vorsteher der Gemeinde und dem einen oder anderen Gemeindemitgliede, so wurde diesem jene Ehre wohl entzogen, das eben als kein großes Unglück betrachtet wurde, da es ja irgendwelchen materiellen Nachtheil nicht zur Folge hatte. Wollen wir bekunden, daß wir die Feindschaft des einen oder anderen unbeachtet lassen, auch dessen Rache nicht fürchten, da demselben jegliche Handhabe fehlt, uns nennenswerthen Schaden zufügen zu können, so sagen wir wohl: Was kann er mir thnn? „Mag er mir ^TT bsn nehmen!" 3. Ep> (Aulom) fehlt! Aus einem gewissen, freilich unbegründeten Aberglauben*) hegt man eine besondere Scheu davor, die zu einem bestimmten Zwecke sich versammelnden Leute mit Hülfe der gebräuchlichen Zahlwörter zu zählen. Auch die beim öffentlichen Gottesdienste erforderliche Anzahl von erwachsenen männlichen Personen (Minjan) pflegt man daher auch mit Hülfe von gewissen hebräischen Sätzen, die aus zehn Wörtern bestehen, zu zähten. Unter anderen wendet man auch wohl den bekannten Satz an, der da lautet: "sN7>M nx "p21 “[ÖS nx EPVTI "12 EXM1 cvn, dessen zehntes und letztes Wort also »EPP heißt. Es ereignet sich aber oft, besonders in kleineren Gemeinden, daß die Beter recht saumselig sind und das erforderliche Minjan nur sehr langsam zusammenkommt, und wird häufig wegen des fehlenden zehnten Mannes nicht allein der Anfang des Gottesdienstes verzögert, sondern auch um dieses Einen willen jener ganz unmöglich gemacht. Fragt man alsdann bei Eintritt in's Gotteshaus, warum der Gottesdienst noch nicht seinen Anfang genommen, oder warum der Gottesdienst überhaupt ausgesetzt worden sei, so erhält man in den meisten Fällen zur Antwort: Ep? (gerade der zehnte) fehlt". — So man daher eine Sache, der man so lange unter Fleiß und Mühe und mit Aufopferung größter Kräfte vorgearbeitet hat, deren Verwirklichung man auch mit Geduld erwartet, die aber trotz alledem eines geringen Anlasses wegen vereitelt wird, so sagt man auch wohl: „BP? fehlt!" — *) Hüngl mit dem Verbote de» nnmcntlichen 3üi,len» jammen (2. B, M.). 0

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