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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 22 (1885) · p. Seite 86

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
22 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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brunst an das hochklopfende Herz und rief, daß es laut hinschalltc: Leah! meine Leah!" Wie betäubt lag sic noch in seinen Armen, als jetzt durch den Freudenschrei herbeigelockt, auch die Mutter hinzukam. „So gebe Euch Gott seinen Segen" sagte gerührt Frau Rosa, und die Tochter an sich ziehend, küßte sie sie innig und sprach: „Mögest Du das Glück in Deinem Hause dereinst finden, daß ich in dem meinigcn durch Deinen guten Vater gefunden!" „Ja, er ist gut!" rief Leah unter Freudenthräuen lachend; „vergieb mir Vater", sprach sie ihm beide Hände entgegcnstreckend, „daß ich vorhin nur einen Augenblick glauben konnte, Du wolltest wirklich" — „So hast Du mein Spiel durchschaut? fragte Leo Braun, die Tochter an sei» Herz ziehend. „Ja, ich gestehe es, auch ich bin einmal unter die 'Schauspieler gegangen, weil ich mein armes Kind nicht länger leiden sehen konnte: nun sage mir, habe ich meine Rolle gut gespielt?' — Toctor Lchner wie Leah hielten den alten Mann innig umschlungen. Er fühlte ihre Herzen an dem seinigen schlagen und war hoch beglückt, zwei Seelen, die er für einander geschaffen wähnte, geeint zu haben. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouette» aus Galizien. Von Nathan Samueltz. XX. Erlebnisse einer Tylvesternacht. (Fortsetzung.) Inzwischen hörte ich die frühere Stimme im Allarmton rufen: „Aufstchen, aufstehen, ein Dieb!" „Wer Dieb? Was Dieb? Wer? Was?" antworteten mehrere verschlafene Stimmen von verschiedenen Seiten. Nicht lange jedoch dauerte es und in allen Winkeln wurde es im Zimmer laut und rege: „Ein Dieb! Ein Dieb!" schrieen verschiedene Stimmen. „Knebeln werden wir ihn, zum Krippel schlagen! Auf, auf! Ein Dieb!" „Ein Rumoren entstand darauf im Zimmer, ein wirres Durcheinanderdrängen, ein Her- und Hinlaufen mit angezündeten Laternen und bald hörte ich mit lautem Lärm die Hausthüre aufreißen. Kaum nur noch ein einziger Augenblick blieb mir Zeit, da gewahrte ich seitwärts ein zurllckgelehntes Thor, und mit der Raschheit der Verzweiflung schlüpfte ich hinter dasselbe, wo ich pochenden Herzens der Dinge harrte, die da kommen sollten. Durch die Ritze des Thores, hinter welchem ich mich versteckt hielt, sah ich bald einen Haufen Leute heranstürmen, darunter Männer, Weiber und Kinder, alle bis an die Zähne bewaffnet mit Kehrbürsten, Besenstielen, Kochlöffeln und sonstigen Hausgeräthen — und dabei waren sie in hochkomischer Weise adsustirt — ein alter Mann in einem rochen Frauenunterrock, eine Frau mit dem „Spodik" des Mannes aus den, Kopfe und auf einem Fuße zwei Pantoffeln — einen über den andern — während der zweite Fuß ganz nackt war — ein halberwachsener Knabe in einer riesigen Schlafmütze und in einem läppischen, schlotternden Obergewande, in welchem er förmlich herumschwamm, ein junges Mädel, wahrscheinlich der Dienstbote, stolperte in großen, weiten Stiefeln, wie auf zwei Stelzen her und trug als Tuch ein paar Männerhosen um den Kopf gewunden und alle in diesem reizenden Aufzuge schrieen, stampften und polterten sie: „Der Dieb! Der Dieb! Wo ist der Dieb?" Keinen Ort gab es, wo sie nicht stöberten und suchten. Mehr als einmal waren sie auch beim Thore, doch fiel es ihnen nicht ein, auch hinter dieses einen Blick zu werfen. Daß cs so geschah, ist ein Wunder, den» das laute Klappern meiner Zähne hätte sie schon darauf aufmerksam machen müssen . . . Eine Zeit von einigen Minuten hörte ich sie so unter lauten Verwünschungen ans den Dieb überall herumsuchen, doch schienen sie endlich des vergeblichen Suchens müde geworden zu sein, denn ich hörte sie bald den Rückzug antrcten und darauf die Hausthüre schließen. Kaum, daß die Gefahr vorüber war. wagte ich mich wieder aus meinem Verstecke hervor, und da stand ich schon wieder in einsamer finsterer Nacht, so, daß es mir schier leid that, daß die Sache ein so rasches Ende genommen, denn wenigstens sah ich mich früher von Menschen umgeben. Nichtsdestoweniger aber fürchtete ich doch unter die Hände dieser Leute mit den Kchrbllrsten, Kochlöffeln und Besenstielen zu geratheu und ich setzte meine beiden Füße in gar rasenden Eilmarsch. Wohin? Ich wußte es nicht. Die Straße war ganz verwehet und lag mit ihren Hütten und Häusern unter einer dichten Schneedecke begraben . . . Unterdessen befand ich mich in dem kleinen, engen, von Mensche» nicht mehr bewohnten Gäßchen, wo zwei verfallene Holzgebäude sich gegenüber stehen. Ich erkannte genau jenes Gäßchen, welches selbst bei Tag vom Menschenstrom gemieden wird, weil sich dort, wie die Sage geht, seit undenklichen Zeiten „unreine Wesen" aufhalten. Grausige Ammenmärchen, die ich oft gehört, wurden auf einmal in mir lebendig. Der „Schulklopfer" hats erzählt und der ist doch gewiß ein beglaubigter Mann. Als er vor Monaten in grauer Morgenszeit diese Straße vorüberging, da sah er ein gar gräuliches Gespenst. Dünn, lang und in die Höhe gezogen, stand dieses Gespenst mit dem rechten Fuße auf dem Dache des einen und mit dem linken auf dem des ztveiten gegenüberliegenden .Holzgebäudcs — angethan mit einer grünen Jacke, blutrothen, breiten Plundcrhosen, die sich gar unheimlich im Winde bauschte», und auf dem Haupte einen baumhohen Chlinder, wie eine Fcncrflamme. Im Munde hielt es eine riesenlange Pfeife, aus welcher cs rauchte, 'daß der Dampf wie aus dem Schlunde der Hölle in rauchigen Flammen emporschlug. Und wieder erinnerte ich mich, was die schwarze Ester erzählte, wie fix dort eine ganze Schaar von Leichen gesehen, junge und alte, die in ihren Todtenkleidern sich mit kläglichem Geheule umhertrieben. Und wieder erinnerte ich mich... Gott! Was regt und bewegt sich dort vom Holzgebäude her? Etwas weißes — eine Leiche, und tvieder eine und wieder eine . . . Ach, wie sie mich mit ihren grausigen, hohlen, entsetzlichen Augen anstarren und wie es durch die Nacht klingt, heult und pfeift! .... Schreckensstarr sank ich im Schnee zusammen. Ich wollte schreien, aber etwas legte sich mir tvic ein Knebel in den Mund. Ich fühlte mich einem Ersticken nahe. Alles verwirrte sich, tanzte und taumelte um mich her. Die Gedanken schienen mir aus einmal wie abgerissen, getrennt und losgelöst von einander. Alles lag vor mir neblig, verschwommen und zerrann nach und nach in Nichts, in grauem, einförmigem Nichts. . . . ES mußte unterdessen eine geraume Zeit verstrichen sein, denn als ich wieder erwachte, sah ich mich in einem ganz geschlossenen, von innen mit blauer Seide drappirten Wagen sitzen, der leicht wie von Adlern getragen , über die Erde dahinrollte, und »eben mir gewahrte ich meinen Großvater, einen evlen, ehrwürdigen Greis. Ich selber kam mir um viele, viele Jahre älter vor. Ich weiß nicht warum, aber ich wunderte mich gar nicht darüber. „Wohin geht unsere Reise?" fragte ich den Mann an meiner Seite. „Ueber die Grenze" erwiderte er kurz. Ob ich diese Antwort wirklich verstand, oder mich nur so stellte, ich weiß es selber nicht mehr — genug, ich gab mich mit ihr zufrieden.

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