Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 21 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Versöhnt! Original Roimm uou Jda StrOer. II. Die Braut. (Sortierung.) Während der RlNtrer Abwesenheit führte Leah das Hauswesen, sollte sie ja schon in kurzer Zeit ihr eigenes leiten Sic war die glückliche Braut eines Mannes, der ihr der Inbegriff aller Manncstngend, Ehrenhaftigkeit und Scelcngröße war. Schon als Kind, da sic noch seine Schülerin war, hat sic mit stiller Begeisterung zu ihm aufgeschaut, seinen Worten mit staunender Bewunderung gelauscht: zur Jungfrau erblüht, kannte sic feinen sehnlicheren Wunsch als den, dem Manne anzngehören, der in ihrem jungen Herzen die ersten Begriffe von Pflicht und Liebe, Non Religiösität ,und echtem Goktvcrtrauett geweckt. Der ernste Mann, der in Ansübung seines Berufes dem Gedanken an eigenes Glück zeilher wenig Raum gegeben, ward nachdenklicher, als er sah, wie aus Lcah's unschuldsvollcn Kinderaugcn ein eigenes Feuer strahlte, das auch in seinem Herzen zündete. — Er hatte in Leo Brauns Hanse stets offene Gastfreundschaft gefunden; man schützte ihn als kcnntnißreichcn Mann, als Prediger der Gemeitidc und Lehrer der Kinder; jetzt aber hielt er cs geboten, dem Braun'schen Hause fern zu bleiben. Er wusste, dass Braun für seine eben so schöne, wie geistvolle Tochter, der er eine ansehnliche Mitgift geben konnte, eine Partie anstrcbe» werde, die ihr ein behagliches unabhängiges Lcbcti sicherte. —■ Was konnte er ihr bieten? War er nicht als CultnSbeamter von den Launen seiner Gemeindeinitglieder abhängig? War seine Stellung nicht eine mehr als unsichere? Eigenes Permögen hatte er nicht, denn, wenn er auch hätte sparen können, so hielt er es doch für seine Pflicht, Noth zu lindern, wo er Bedürftige fand. Leah ward damals, als Or. Lehncr das Haus ihrer Eltern mied, auffallend melancholisch. Die rothen Wangen fielen ein, ihr elastischer Gang wurde schleppend, die sonst feurigen Angen erschienen glanzlos. „Was ist mit dem Kinde?" fragte sich die Mutter und da sic, die Tochter genauer beobachtend, sie einst mit verweinten Augen in ihrein Ziinmcr vor Or. Lehners Bilde fand, wusste sie Alles. Pater und Mutter suchten ihr alsbald klar zu machen, das; sie sich die Dummheit ans dem Kopfe schlagen solle, Or. Lehner denke garnicht an sie, dann auch sei für sie mic ganz andere Partie in Aussicht genommen, der reiche Ephraim Schlinger habe selbst um ihre.Hand angehalten, er besitze in Wien 3 große Häuser, Bergwerke in den Karpathen, Güter, kurz sie könne eine reiche, sehr reiche Frau werden, wenn sie einwilligcn wolle, Schlinger anzngehören? „Sprichst Du im Ernst, Pater?" hatte damals Leah gefragt. „Glaubst Du wirklich, Dein Kind, daß Du an Wahrhaftigkeit und Geradheit gewöhnt hast, könnte es über sich gewinnen, einem Mann, den Schwur der Treue zu leisten, den es verachtet?" „Warum verachtest Du Schlinger?" fragte Leo Braun verwundert. „Du vergissest, Pater," cntgegnete Leah ernst, „wie Du selbst über ihn geurtheilt. Wohl ist er reich, aber auf welcher Weise hat er sein Geld erworben? Ich weiß, was inan sich von den Scciten erzählt, die sich noch im letzten Jahre in seiner Wechselstube abgespielt haben. Als damals der große Courssturz war, hat der gute Mann sich kein Gewissen daraus gemacht, die Depots all der kleinen Leute als ungcitügende Deckung zu erklären. Er zwang sie, tvenn sie bei ihm in der Speculation waren, ihre Papiere zu verkaufen, hat sie an den Bettelstab gebracht, sich weder durch ihreBitten noch ihreThränen erweichen lassen. „Zu diesemMann," fuhr Leah fast empört fort, „den ich von so gemeiner Sinnungsart kenne, daß ich ihm auch nicht einmal ein Thier, daß ich gern habe, anvertrauen möchte, soll ich mir ein Herz fassen, ihm gar angehören wollen? „Eher," setzte sie fest entschlossen hinzu, „den Tod, als ein gemeinsames Leben mit einem solchen Mann". —■ Pater und Mutter sahen einander befremdet an; diese Entschlossenheit war ihnen an ihrer Tochter vollkommen neu. Wie Schuppen fiel es von ihren Augen. Sie Beide hatten Schlingers Vorschlag höchst annehmbar gefunden; in Keinem war ein Bedenken aufgestiegcn, daß Leah nicht gut bei ihm versorgt sei nnd doch — hatte diS Kind nicht Recht? Zwar entgegnete Leo Braun: „Kind, von Geschäftssache» verstehst Du Nichts; was Schlinger als Geschäftsmann gethan, ob er correct oder incorrect gehandelt, gellt Dich Nichts an! Er gilt in den Augen der Welt als Ehrenmann!" „Verzeih', Vater", unterbrach Leah, „Du kannst unmöglich in diesem Falle die Meinung der Welt zu Deiner eigenen machen, wirst Dein Kind nicht überreden wollen, einem Manti anzngehören, der in den Augen jedes rechtlich Denkende» als Geächteter dasteht. — Ich bin fest überzeugt, daß an all' seinem Reichthum der Fluch derjenigen haftet, denen er ihre mühsam ersparten Einlagen behalten; lieber möchte ich betteln gehen, als an der Seite eines solchen Mannes in Reichthnm unb Uebcrfluß leben!" Frau Rosa, die die Tochter, während sie sprach, mit wahrer Begeisterung angeblickt, schloß sie jetzt gerührt in ihre Arme. „Du hast Recht mein Kind" sagte sie, ihre Stirn küssend. „Wie nahe waren wir in eitler Verblendung daran, Dich zeitlebens unglücklich zu machen. Erhalte Dir Gott Deinen klaren Blick, Deinen Muth und Deine Entschlossenheit!" Jetzt wußte Leah, daß sic die Situation nützen müsse und mit der Beredtsamkcit — die eine echt, reine Liebe giebl, suchte sie den Eltern all' die Vorzüge des Mannes, dem sie ihr Herz geweiht, zu schildern, sie zu seinen Gunsten zu beeinflussen! Er war so gut und edel, von so lauteren Grundsätzen, kein Makel haftete an seinem Namen, Liebe nnd Verehrung wurden ihm von Jung und Alt stets cntgegengebracht, sie konnte kaum glauben, daß es Jemand ans dem weiten Erdenrund gebe, der der Zustimmung ihrer Eltern würdiger wäre. „Du vergissest in Betracht zu ziehen" entgegnete der Vater, „daß Or. Lehner nur ein sehr beschränktes Einkommen hat. Du bist nicht gewöhnt, zn entbehren, weißt nicht, was es heißt, Existcn-sorgen Niederkämpfen!" „Da fallen mir" entgegnete lachend das junge Mädchen, „die Worte ein, die Maria Stuart ihrem Oheim erwiderte, als er sie zu einer Hcirath mit seinem Lohn überreden wollte: Ich will lieber mit einem Kurfürsten Erbsen, als mit einem Könige Braten essen!" — Arme Leah! Trotz ihrer Festigkeit hatte sie doch bange Tage und Wochen zu durchleben, ehe sie der Eltern Einwilligung erhielt. Ephraim Schlinger hatte es bei den Eltern durchzusetzcn gewußt, daß er selbst mit Leah sprechen dürfe, um aus ihrem Munde zu hören, ob er verzichten müsse. Der eitle Geck, der sich mit seinen wohlgepflcgten, gelbblonden Coteletten, dem geckenhaften fristeten Kopfe für mehr als unwiderstehlich hielt, konnte gar nicht glauben, daß ein Mädchen sich nicht glücklich schätzen sollte, von ihm begehrt zu werden. Einst, da die Braun'schc Familie einen Ausflug nach dem benachbarten Feldbach unternommen, traf man im Walde anscheinend absichtslos mit Schlinger zusammen. Leah erröthete, als sie seiner ansichtig wurde; der eitle Geck, dieses Erröthen zu seinen Gunsten deutend, näherte sich ihr sogleich, suchte den Liebenswürdigen zu spielen und obgleich Leah so wortkarg wie nur möglich schien, wußte er sie von der Gesellschaft zu isoliren und — schließlich seinen Antrag anzubringen. Leah war sprachlos. Sie fand keine Worte dem Manne, wie sie es nur wünschte, ihre ganze Verachtung auszudrücken.