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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 20 (1885) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
20 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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— 78 — — inbefj will ich ihn nicht verurtheilen, wennschon ich weiß, baß er falsche» Zielen, bie nie inneres Glück bringen, nachjagt, wenn es aber je iviebcr zwischen uns wie ehcbem wirb —" Von Rübrung iibermannt, konnte Leo Braun nicht fortfahrcn; ba es gcrabe läutete, sprang er eilig auf, um selbst bie Thür zu öffnen; bte ©einigen sollten nicht sehen, wie er braußen auf dem Corribor eine Thrane aus bem Auge wischte; sie sahen es nicht, buch sie wußten es, baß bie Rührung bcn gute» Vater einmal wiebcr übermannt, „Ich reise", sagte jetzt Frau Rosa fest entschlossen; „ber Schwager Alois ist ja ein Kavalier geworben, wie man erzählt; er wirb boch eine Frau mit ber ihr zukommeuben Achtung —", „Kannst Du barau zweifeln, Mutterlieb", unterbrach ihre Tochter Lcah, „Würben wir Dich überhaupt zur Reise Überreben, wenn wir nicht sicher wären, baß Du bie freundlichste Aufnahme finbest? Die Tante Rachelle hat mir so herzlich gratulirt; zwischen bcn Zeilen ihres Briefes lese ich, baß sie unser in aller Liebe gebenkt unb auch in ihrem Herzen bie Alte geblieben ist," Wenige Tage später geleiteten alle Familienangehörigen bie Mutter zur Bah», Das war ein Herzen und Küssen unb Abschicbnchmcn, als ob es ein Lebewohl auf lauge Zeit gälte, und boch hatte Frau Rosa versprechen, am Freitag wieber zu Haus zu sein. Am Samstag war bas Geschäft geschlossen, da, bas schien ihr heilige Pflicht, mußte sie wieber bei ben Ihrigen eintreffen, — Obgleich halb 25 Jahre verheirathet, lebte sic boch mit ihrem Gatten noch in jener beglückenden Gefllhlsinnigkeit, die man als das Charactcristische der Flitterwochen preist. —> Ein Sabbath ohne Anwesenheit der Hausfrau, die Alles ordnet, die Lichter anzünbel rc, wäre Lev Braun halb so weihevoll erschienen, wie derjenige, da die Gattin festlich gekleidet, die Haube, die ihr noch heute so gut steht, wie ehedem der Myrthenkranz auf dem glatt frisirten Kopfe, neben ihm sitzt, Jedem von den eigenhändig zubereiteten Speisen reicht, für Jeden ein freundliches, ermunterndes Wort hat, Frau Rosa hat es verstanden, jene stimmungsvolle Poesie, die wie Waldcsaroma erfrischend und belebend wirkt, um sich zu verbreiten. Sie ist nur eine schlichte, anspruchslose Frau, aber sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, ein angeborenes Gefühl für Pflicht und Recht und wo sie Jemand leiden sieht, da sucht sie ihm das Leid tragen zu helfen, wo man sich freut, da kann sie wie ein Kind Thcil an der Freude der Andern nehmen. So ist sie all' den Ihrigen an's Herz gewachsen und da der Zug jetzt abdampft, stehen in aller Augen Thränen. Die Kinder winken mit den Taschentüchern und werfen ihr Kußhände zu, Leo Braun murmelt ein Gebet, daß Gott sie beschütze und sicher heim geleite, (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouetten aus Galizien. Von Nathan Samuelq, XX. Erlebttiste einer Sylvesternacht. „Na, da hast Du!" mit diesen Worten übergab mir der Rabbi eines Tages etwas, was ich mit lautem Rufe in Empfang nahm. Es war gerade der erste Tag eines neuen Jahres und zwar bei der ersten Lektion, die mir der Rabbi im Talmud ertheiltc. In der That mußte mich jene Neujahrsbescheerung in meinem damaligen Alter — denn ich zählte damals kaum neun Jahre — schon der Neuheit wegen außerordentlich überraschen. Sie werden es kaum errathen, was für Gabe es war, die ich zum neuen Jahre damals vom Rabbi erhielt. Eine so klangvolle Ohrfeige, daß mir die Ohren sausten und Funken vor den Augen flogen. Die verblüffende Miene, die ich beim Empfange jener klingenden Gabe machte, hielt jedoch den Rabbi nicht ab, mit mir die Lection nach seiner Art, weiter einzubüffeln. „Und der Ochs" tradirte er weiter mit dem üblichen talmudischen Singsang, indem er während dessen seine beiden knöchernen Beine, zwischen welche er mich gestellt, wie zwei Eisenschrauben um meinen kleine», dürftigen Körper zusammcnkrämpfte, „Und der Ochs", stammelte ich verwirrt »ach , , , „Und der Ochs , , Weiler wollte es nicht fort, „Hat gestoßen die Kuh" ergänzte der Rabbi, mich mit der Spitze seines Daumenfingers rückwärts bearbeitend — wahrscheinlich um mir die Art des Stoßes zu veranschaulichen, „Gestoßen Kuh!" jammerte ich, über diesen traurigen Fall zu Thränen gerührt. Der Rabbi jedoch war mit dieser Kundgebung meiner aufrichtigen Theilnahmc noch nicht zufrieden, „Hat gestoßen die Kuh" zählte er mir die Worte einzelweis wie Dukaten zu, und notirte unterdessen jedes Wort mit seinem eisernen Daumenfinger auf meinem armen Rücken, den er mir unbarinherzig bombardirte, „Nur keine halben Worte" schärfte er mir ein, „Nochmals vom Anfang: Und der Ochs , , ." „Ochs ..stotterte ich und mehr wollte es beim besten Willen mir nicht aus der Kehle, „Wart, Esel, morgen vor Tags werde ich mit Dir ein Wörtchen sprechen!" knirschte der Rabbi und mit diesem Versprechen stieß er mich mit einem so gewaltigen Ruck von sich fort, daß ich bis ins zweite Ende des Zimmers hinunterkollerte ... Damit endigte die erste Talmudiection, die ich an dem ersten Tage jenes neuen Jahres von meinem Rabbi erhielt. * * Ich weiß nicht — war der Rabbi so verstockt, oder überhörte er cs ganz, wie während seines Vortrages ein süßer, milder, gar feierlicher.Ton ins Zimmer hineinquoll, weich und langgezogen, der wie ein Sonnenfaden sich fortspan» immer voller, immer reicher, bis er nach und »ach in eine wunderbare Melodie ausklang, die mir Herz und Seele gefangen nahm. Wie hätte er es nur verlangen können, daß ich bei dieser so süßen Störung noch etwas von seinem sinnlosen Vortrage verstehe? Ich zog mich scheu in ei» Winkelchen zurück und grübelte darüber nach, Jndeß — fuhr es mir eiskalt durch alle Glieder — was wird morgen geschehen? Sagte nicht der Rabbi, morgen vor Tags werde er mit mir ein Wörtchen sprechen? , . , Wie nur so ein kleines Kind alle die Mllhsalen eines Chcders überleben konnte! Nicht allein den ganzen Tag und einen Guttheil des Abends mußte es in jener düster» Folterkammer zubringcn — weil es ja erst um acht Uhr Abends mit dem sogenannten Zapfenstreich vom Cheder entlassen wurde — sondern auch bei der Nacht wurde eine Anleihe von einigen Stunden gemacht, indem der „Belser" es schon um vier Uhr vor Morgenanbruch aufweckte und mit sich ins Cheder holte — und dann erst heißt es: „Wart, morgen vor Tags werde ich mit Dir ei» Wörtchen sprechen!" Wahrhaftig, ich war auf das versprochene Wörtchen durchaus nicht neugierig, aber der Rabbi befahl: „Wart!" und ich envartete es mit Zittern. Von dem Nachtmahle, das man zu Hause vor mich hinstellte, konnte ich keinen Bissen heruuterbringen; ich hatte genug an meinen Thränen zu schlucken, Tief schob ich mich unter die Bettdecke, als wollte ich vor der herannahenden Gefahr mich verbergen, und grübelte so lange, bis sich endlich mir die Augenlider schloßeu, die Gedanken zu verwirren anfingen und sich allmählich in schreckliche Träume wandelten. Da sah ich meinen Rabbi mit dem gräulich rvthen Barte, wie ihm vor meinen Augen zwei große, spitze Ochsenhörner aus der Stirne hervorwuchsen und wie er mit diesen großen, spitzen Ochsen-

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