Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 18 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hinzu. „Mir soll cs daher auch leichter werden, ihr das eigensinnige Köpfchen zurechtzusetzen. Am besten hoffe ich das mit ihr unter vier Augen abzumachen. Ihr wollet mir daher, liebe Cousinen, entschuldigen, daß ich mich für kurze Zeit mit nnserm Ottilchen entferne. Wir wollen sehen, ob sie mir widerstehen wird. Ich will meine ganze parlamcntarische Kraft versuchen. — Nun, liebes Ottilchen," wandte er sich daraus an diese, „Du wirst mich doch in Deinem kleinen Paradiese, in Deinem Stübchen, aufnchmen wollen — nicht?" Dies sagend schloß er ihren Arm in den seinen und führte sie aus dem Gärtchen in das naheliegende Stübchen, das umrankt von Weinlaubcn und bestrahlt vom rosigsten Lichte der Frühiingssonne wirklich einem kleinen Paradiese ähnlich sah. „Es hat sich gut gefügt", jauchzte Agathe, als sie mit ihrer Cousine im Gärtchen zurückblieb, „Arthur wird ihr schon das eigensinnige Köpfchen znrcchtsetzen!" „Gewiß", stimmte die praktische Salvmea ein, „und was das Wichtigste, wir werden in ihr eine vorzügliche Acqnisition haben, denn nicht zu leugne» ist es, daß man selbst um gutes Geld nicht so leicht eine solche Gouvernante bekommen kann". „Ja, sie kommt schon ins Joch, diese llngezühmte!" frohlockte Agathe. „Weißt Du, sie ist auch eine vorzügliche Wirthin" bc-! merkte Salomca. „Ja, sie soll uns auch in der Wirthschaft behilflich , sein!" stimmte Agathe lebhaft zu. „Wart' nur", ermahnte Salomea, „soll sie nur erst dran sein, dann wird ^c schon nach und nach bei uns den . Stolz verlernen!"! „Sie hat aber auch nicht mehr, worauf stolz zu sein" betheuerte Agathe, „Du hast wohl gemerkt, daß auch Arthur; sie sehr gealtert fand!" „Wie sie sich aber entfärbt hat, diese arme Prinzessin," höhnte Salomea, „als ich ihr von der Parthie sprach". . „Na freilich", spöttelte Agathe, „sie soll doch wenigstens einen Grafen heirathcn!" „Im Grunde genommen", bctbeuerte Salomea, „hat sie; das Entfärben gar nicht nöthig gehabt, fällt es mir gar nicht . einmal im Traume ein, sie zu verheirathen, wozu auch?! Soll sie lieber bis in die grauen Haare bei uns bleiben — die Kosten werden sich schon herausschlagen lassen!"; „Es fragt sich nur", warf Agathe ein, „für wen von j uns sie sich erklären tvird!" „Närrchen" lachte Salomca, „sic soll sowohl bei Deinen, als meinet! Kindern Gouvernante sein, wohnen wir doch in einem und demselben Hanse!" „Da hast Du eine gute Idee", stimmte Agathe freudig .ein. „Wir theilen uns in sie!" „Hauptsache ist nur", belehrte Salomca, „daß wir sie bei uns nicht die Verwandte spielen lassen, sonst wächst ihr bald wieder der Kamm nur-doch sich', da kommen sie ja schon!" „Gratulirt mir, liebe Cousinen, meine parlamentarische Laufbahn hat glücklich begonnen!" frohlockte Arthur, der mit Ottilie im Arme wieder ins Gärtchen trat. „So ists Dir also doch gelungen?" fragte Frau Salomca. „Und noch wie!" jauchzte Arthur. „Giebt also unsere Ottilie die Lectionen auf?", „Ja, mit diesen ist es ein für alle mal zu Ende!" „Sehr brav, Ottilchen!" rief Frau Salomea sie umarmend, „jetzt soll es Dir aber auch nicht mehr an jenem Thautropfen fehlen, von welchem Arthur früher gesprochen hat. Du sollst es bei uns sehr angenehm haben, alles in reicher Fülle, ja, wir befreien Dich sogar von jeder Gegenleistung, höchstens, daß Du einige Stunden des Tages, nur so damit Du Dich nicht langweilest, mit den Kindern was lernen wirst, weiß ich, etwas französisch, Geschichte, Clavierspielen und sonst was . . ." „Und die Kinder hin und wieder Spazieren aussllhren" trug Agathe nach. „Und wenn es Dir, liebes Ottilchen, keine Mühe machen wird" schmeichelte Frau Salomea, „wirst Du auch ein wenig bei der Wirthschaft zusehcn, die Wäsche in Ordnung halte», etwas nähen, stricken, kurz, Du wirst ini Hause schalten und walten, ganz wie ich selber, denn ich will doch hoffen, daß Du zu uns nicht als Fremde, sondern als liebe Verwandte einziehen wirst!" „Aber für wen von uns, liebe Ottilie, hast Du Dich entschlossen?" warf jetzt Agathe die Frage auf. „Eh was!" wandte Salomea ein, „wer von uns beiden wird denn auf Ottilchen verzichten wollen? Sic wird daher bei uns beiden sein. — Ist sic uns nicht beiden gleich lieb und theuer?" „Es wäre alles sehr recht, liebe Cousinen," nahm jetzt Arthur das Wort, „wenn ich nur so eigennützig gewesen wäre und mich bei Ottilchen für Euch bemühet hätte, aber ich bin Advokat und habe auch ein bischen mein eignes Interesse im Auge!" „Wie verstehst Tu daS, lieber Arthur?" fragten beide Cousinen. „Ganz einfach. Ich habe mich bei Ottilie nicht für Euch verwendet, sondern für mich. Meine Mutter wird sich wahnsinnig darauf freuen, daß ich ihr einen so herzlichen Gast nach Hause bringe, ja, ich habe ihr vor meiner Abreise cs versprechen müssen". „So geht sie gar zu Euch?" näselte Frau Agathe. „Was liegt daran!" ergab sich Frau Salomea, „wenn nur der Hauptziveck erreicht ist!" „Nein!" beharrte Agathe, „der Hauptzweck war, daß man Ottilie an den Mann bringe und nicht sobald trifft sich eine Parthie, wie unser Buchhalter, der ein braver Mensch ist und eine Frau anständig ernähren kann!" „Beruhige Dich^-nr, liebe Cousine,', erwiderte Arthur lächelnd, „auch dafür habe ich gesorgt, und Du sollst Dich überzeugen, daß Ottilchen auS unserer Familie einen Mann bekonimen wird, der ebenfalls ein sehr braver Mensch ist und eine Frau anständig ernähren kann!" „Aus der Familie — und der wäre?" „Euer C v u s i n A r t h u r!" erwiderte er init singender, jauchzender Stimme und dabei schlang er beide Arme um die reizende Ottilie und drückteden ersten glühenden Brautkuß auf ihre schönen Lippen . . . Gott! Wie blühten und glühten auf einmal die tausend schwellenden Knospen in dem Rosenbusch, daß sie aus de» grünen Blättern, die sie umgaben wie zauberhafte Flämmchen emporschlugen und sie die wunderhvlde Frühlingssonne, mit welchem rosigen, goldenen Lichte senkte sie sich über das liebestrunkene Brautpaar und siehe, wie durch einen Zauberschlag ist jenes Fültchen aus dem Gesichte der reizenden Ottilie verschwunden. Das hat der Thautropfen gethan. Aber dieselbe schöne Sonne senkte sich auch auf die beiden, wie zwei Pfauen aufgeputzten Bankiersgattinnen, welche im Gärtchen die zweite Gruppe bildete, und da zeigte es sich erst, daß jenes Fältchen eigentlich nicht ganz aus der Welt verschwunden ist, sondern nur blos von dem Gesichte der reizenden Ottilie, freilich stark vervielfältigt, auf das der beiden Cousinen hinüberglitt. Die Armen, von denen jede einzelne ihre Tochter mit dem Reichsrathabgeordneten verlobt glaubte, schauten gar verblüfft drein . . . Aber unbekümmert darum goß die untergehende Frühlingssonne ihr schönstes Rosenlicht in das Gärtchen «aus — ich weiß nicht ob deshalb, weil sie auch ein bischen schadenfreudig war, oder ob sie nur das schöne Verlobungsfest durch brillante Illumination feiern wollte. . . .