Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 18 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„So" machte Ottilie, einen kleinen Univille» unterdrückend, „der Spiegel zeigt mir gar nicht solche entsetzliche Dinge, wie Ihre übertriebene Theilnahmc!" „Dein Spiegel ist ein Heuchler!" schäumte Agathe sort, die Knospe in ihrer Hand zerdrückend, „Ich muß Dir sagen, dag Dein Gesicht runzlig zu werden anfangt — daß Du ganz verblühst!" „Danke für die gütige Mittheilung", lächelte Ottilie, die ihren vollen Gleichmuth wieder gewann und sich mit ihrer Reseda weiter zu schaffen machte. Frau Salomen beeilte sich dieser peinlichen Auseinandersetzung, die ihr das Spiel verderbe» könnte, ein Ende zu machen, „Ottilchen", sagte sie einschmeichelnd, „die Cousine läßt sich nur in dein Eifer für die gute Sache zu weit hinreißcn, aber Tu wirst es^ doch selbst bei einiger Ueberlegnng einsehcn, daß der Stand als Stundengeberin für Dich erniedrigend und entehrend ist . . ," Entehrend!" richtete sich Ottilie in ihrer ganzen Hoheit auf, „sich durch ehrliche Arbeit selber fortbringcn, kann durchaus nicht entehrend sein!" „Ach, welcher sich aufbäumcndc Stolz!" näselte Agathe vor sich hin, , „Wollte sagen", suchte sich Frau Salome« zu verbessern „daß cs für uns entehrend ist, Dich in diesem Stande zu belassen, nachdem wir gottlob reich sind und hier Rang und Stellung einnchmen," „Und unser Cousin, der Reichsrathabgeordnetc", fiel Agathe ein, „ich glaube kaum, daß cs ihm große Ehre macht, daß seine Cousine so 'ne Slundengeberin sei!" „Soviel ich unfern Arthur kenne", gab Ottilie zurück, „dürste er am wenigsten cs als Unehre ansehen, daß ich mir durch ehrliche Arbeit verdiene — ich müßte ihn sonst,sehr schlecht kennen!" __ „Liebes Kind", schmeichelte Frau" Salome«, die Hand aus ihre Schulter nfrdrricgend, „Arthur nimmt einen hohen Rang ein, er sifHstndcsadvokat und Reichstagsabgeordncter!" . -?" „Nun . . kämpfte Frau Salomea, „Du hast wohl auch schon davon gehört, daß Arthur längstens in acht oder zehn Tage zu uns herkommt , . ," „Oho! Er kommt viel früher!" unterbrach sie plötzlich eine sonore männliche Stimme, die von der Nähe herzukommen schien. Alle drei blickten erstaunt empor. Beim geöffneten Thor des Gärtchens, erschien in diesem Augenblick ein vornehmer, junger Mann, der schwarz gekleidet war und ein elegantes Blumenbouquetchen in der Hand trug. „Arthur!" stießen beide Cousinen laut hervor, „Arthur!" entfuhr es auch den Lippen der schönen Ottilie, der die Bluincnvase, mit welcher sie sich früher beschäftigte, geräuschlos entfiel und in den weichen, tiefen Rasen herunterkollerte. „Arthur" wiederholte der junge Mann heitern Tones, indem er seinen Cousinen freudig entgegenciltc und einer nach der andern herzlich die Hand schüttelte, „Ja, ganz wie er leibt und lebt Euer Arthur, und er freut sich recht unbändig darüber, daß er alle, die ihm so theucr und lieb sind, so traut bei einander findet , , ." „Aber lieber Arthur", rief Frau Salomea freudig, „Du bist ja wie aus den Wolken hergeschneit ., . Wann bist Du gekonimcn, lieber Arthur?" „Vor etwa einer Stunde", erwiderte Arthur, „und ich war sogar schon bei Euch, bei Dir, liebe Salomea und bei Dir, liebe Agathe, denn ich weiß ja eigentlich nicht wo ich hingehöre, nachdem Ihr beide so freundlich wäret, mich einzuladcn. Auch habe ich die Eurigen schon begrüßt. Sind aber Eure Töchter innerhalb des Jahres, daß ich sie nicht gesehen habe, eniporgeblüht, zwei heirathsfähige Jungfrauen! Man sollte es nicht glauben, wenn man Euch selber noch so blühend sieht, daß ihr schon die Mütter solcher erwachsenen Töchter seit!" „Aber geh', lieber Arthur," zierten sich die beiden Bankiersgattinncn, „Du thust uns nur so schön!" „Wahrhaftig nicht, ich finde Euch sehr gut aussehcnd, — Und nun Du, herzliches Ottilchen," wandte er sich an diese, indem er ihr beide Hände entgegenstrccktc, „wie sichst denn Du aus? Laß Dich einmal recht beim Sonnenlicht besehen" fügte er hinzu, sie zu sich auf die Sonnenseite ziehend, „geh doch, Ottilchen" fuhr er in mitleidigem Tone fort, „mit Dir bin ich weniger zufrieden, Dn siehst mir etwas angegriffen aus, — Was ist mit Dir denn, herzliebes Ottilchen?" „Dn hast es recht hcrausgesprochen!" triumphirte Frau Salomea, „und wir dürfen also hoffen, in Dir für unsere Sache einen Verbündeten zu finden!" „Verbündeten" schlug wieder Arthur einen heitern Ton an. „Jit cS nur nicht staatsgcführlich? Doch sei eS wie immer, ich will vor allem wissen, worum es sich eigentlich handelt?" „Es handelt sich eben um unsere Ottilie" bcgan» Frau Salomea, „und was Du soeben gesprochen, haben einige Minuten früher auch wir gesagt. Ja, cs ist Thatsache, daß Ottilie sehr schlecht anssieht. Wiederholt haben wir ihr unser Haus als Heim angeboten, Kost, Wohnung, reiche Aushaltung, alles in Hülle und Fülle — allein sie wies es zurück und zieht es vor herumzulcctionircn. Ist es so recht von ihr?" „Du Trotzköpfchen!" drohte Arthur Ottilie schalkhaft mit dem Finger. „Bist Du aber ein Ottilchen, ein sehr stolzes Ottilchen!" „Ja, wenn sic es nur den Stolz recht anznbringen wüßte!" beeilte sich Agathe zu bemerken, „aber ich weiß nicht, ob es rechter Stolz ist, ja, ob es ehrsam sei, den ganzen Tag in fremden Häusern Lectionen zu ertheilen!" „In ehrlicher Weise sich durchzukämpfe» ist zu allen Zeiten ehrsam!" wies sie Arthur scharf zurecht, Ottilie schlug zu ihm die schönen Augen empor, in welchen innige Dankbarkeit leuchtete, „Das einzige Schlechte nur daran ist" fuhr Arthur fort, „daß unser Ottilchen cs mit der Ehre etwas allzu - genau nimmt und dabei ihre uns so theure Gesundheit aufs Spiel setzt", „Ja, ihre Gesundheit" stimmte Agathe lebhaft ein, „Du selber, lieber Arthur, behauptest, daß sie angegriffen aussieht, ich gehe noch weiter und behaupte, daß sie zu welken aufängt , , ," „Soweit ist es gottlob noch nicht gekommen!" widersprach Arthur. „Nur ei» einziger Thautropfen des Glückes und unser Ottilchen blüht ivieder wie eine Rose!" „Ja, diesen Thautropfen tvill sie aber nicht annehmen", cntgegnete Frau Salomea, Wir tragen ihn ihr entgegen. Sie soll es bei uns sehr gut haben, alles in Ueberfluß, Es darf, lieber Arthur, »och ein Umstand nicht übersehen werden, Ottilie ist in den Jahren, in denen man zu heirathen pflegt. Ohne Vermögen, wie sie ist, wird kaunl sich Jemand für sic entschließen, wird sie aber bei uns sein, dann schlagen wir bei der Familie für sie ein Capitälchen zusammen . . „Aber, liebe Cousine, verschonen sie mich!" unterbrach sie Ottilie, die sich ganz entfärbt hatte, mit gebrochener Stimme. „Auch habe ich für sie eine gute Parthie in Aussicht", fuhr Salomea, drauf nicht achtend, weiter fort, „nämlich unfern Buchhalter, der jetzt Wittwer geworden ist, freilich ein Mann von vorgerückten Jahren, aber ein recht braver Mensch, der eine Frau anständig ernähren kann". „Nun weiß ich alles" nahm jetzt Arthur das Wort, „also ich bin Euer Verbündeter. Ja, ich sage cs offen, daß noch che Ihr mich dazu aufgcfordert habet, dachte ich daran, mir alle Mühe zu geben, unsere Ottilie zu bewegen, daß sie das Stundengeben fahren lasse. Ich hoffe, daß was Euch, liebe Cousinen, nicht gelingen wollte, mir ja gelingen wird, bin ich doch Rechtsgelehrtcr," fügte er mit einem Lächeln