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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 18 (1885) · p. Seite 71

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
18 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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Mit den reichen Cousinen oder mit der reizende» Ottilie? , , , Nein, am allerliebsten mit der holden Frühlingssonne, Wahrhaftig, sie konnte nicht böse Absicht dabei gehabt haben, die holde Frühlingssonne, als sie in dein lieblichen Gärtchen, in welchem unsere Handlung spielt, der reizenden Ottilie einen vollen, goldenen Strahl ins Gesicht schoß, der dasselbe wohl wunderbar verklärte, aber auch ein Sorgenfältchen zeigte, das sich der Mangel ausgewühlt hatte, um sich darin einzuuisten, - Nein, schlecht genreint war es gewiß nicht, weil sie ihr ja sonst so hold und lieb war, die milde Frühlingssonne, Sie tränkte ihr Gärtchen mit dem rosigsten Lichte, hals ihr die Blumen pflegen, lockte die schneeigen Maiglöckchen hervor, schwellte die Knospen, daß sie in breite Duftkelche aufsprangen — sie spiegelte sich in allem, was die reizende^Ottille umgab, stahl sich früh Morgens, als noch der Schlaf ihre schönen Singen zuhielt, durch die beide» runden Höhlungen der geschlossenen Läden, zu ihr ins Stübchen und ivebte und schwebte darin, umkoste ihr Gesicht, lachte sie aus dein Schlaf und malte ihr auf dem kleinen Teppich vor ihrem Bette, zwei volle, goldene Rosen, Auch in ihrem Herze» war sie heunisch, die schöne Frühlingssvune, denn sie reifte auf dem goldenen Grund desselben die züchtiglichen Veilchen der Liebe, die dort im Verborgenen blühten — ganz gewiß! sie ivollte in jenem Fältchen nur eine Ehrennarbe zeigen, welche sich die wackere Ottilie in dem Kampfe des Lebens holte, in weichem sie muthig ausharrte, , . , Aber das alles verhinderte nicht, daß zwei Personen, die ebenfalls mit Ottilie in ihrem Gärtchen waren, beim Anblicke jenes Fültchens, das die Sonne hell und klar auf ihrem Gesichte hervortreten ließ, eine gar boshafte Schadenfreude empfanden. Diese beiden Personen waren ihre reichen Cousinen, Frau Salomea und Frau Agathe genannt, beide Bankiersgattinnen, zwei eitle Frauen, die sich nie anders zeigten, als mit flatternden Federn, Kunstblumen und bunten Atlasbändern — kurz, zwei lebendige Modejournale, Ottilie war eine arme Waise, schmuck, einfach, eine duftige, schlanke Lilie, die von ihrem Wissen sich ärmlich ernährte — sie war Stundengeberin, Mehr als einmal boten die reichen Verwandten ihr Unterstützung an, aber sie, wohl bescheiden, doch dabei voll innerer Würde und unerschütterlichen Ehrgefühls, wies alles entschieden zurück, sie wollte sich selber durchkämpfen, von Niemandein abhängig, Niemandem zu Danke verpflichtet sein. Ja, sie war sehr stolz, diese arme Ottilie, sie wollt?' in Nichts ihren reichen Cousinen, den Bankiersgaltinnen, nachgeben, nicht durch eine Miene ihre Unterwürfigkeit zeigen, — Soll das nicht böses Blut machen? Sie konnten die luxuriösesten Dinge anhaben, die allernenesten Novitäten, frisch aus Paris gebracht — es fiel dieser armen Ottilie nicht ein, sich zu beugen, der neuen Seidenrobe oder dem herrlichen Fichu die gebührende Reverenz zu machen — sie ging so kalt und theilnahmslos allen diesen netten Dingelchen vorüber, als ob sie eitel Luft wären, ewig mit dem Notenbuche unter dem Anne, angethan mit einem einfachen Woll- oder Perkalkleidcheu und als Schmuck eine Kamelie oder eine Knospe in dem wolligen, glänzend schwarzem Haare. — So pauvre und so stolz! Wohl zugegeben, daß ihr Gesicht von hinreißender Anmuth war, ihr Wuchs stolz und majestätisch, ja mag schon sein, daß auch ihre Stimme etwas Entzückendes hat — alles wohlzugegeben, aber was besitzt sie denn mehr, diese arme Prinzessin? Hat sie Geld, hat sie Kleider, hat sie Schmucksachen? Stolz und Armuth — wie sich das reimt! Da boten ihr die reichen Cousinen in ihrem Hause freie Wohnung, freie Kost, freie Aushaltung an, — Ei freilich, es paßt nicht, die Cousinen, solche reiche Leute, eine Stundengeberin, dann würde es nicht schaden, diese hoffärtige Arme abhängig zu machen, und dann hat jede von diesen reichen Cousinen eine heirathsfähige Tochter, und daß muß man der Armen schon lassen, daß man von ihr was profitiren kann; elegant Französisch sprechen, Klavier spielen und manierliche Umgangsformen — genug, die Kosten würden sich schon ausschlagen! Sollte inan da nicht meinen, sie habe freudigen Herzens zugegriffen. — Ei wie! immer dasselbe stolze Wörtchen: „Danke schön, ich gebe meine Unabhängigkeit nicht auf!" Und sie zieht es vor, diese Prinzessin von Habenichts, tagsüber mit dem Notenbuche unter dem Arme in den Häusern herumzugehen. Und wenn man sie so in der Gasse sieht, wahrlich, man ist versucht sich zu bücken, eine Königin könnte nicht stolzer und vornehmer aussehen! Was erarbeitet sie sich denn mit ihren Leetionen? Kaum ein ärmliches Auskommen, ei» Stübchen groß >vie ein Gähnen — allerdings sieht dieses Stübchen wie ein kleines Paradies ans, aber im Grunde genommen, was findet sich darin? Epheuranken, die um und um die Wände zieren, sind doch keineswegs vergoldete Tapeten, und das zierlich überdeckte Bettchen, der kleine Damastteppich, die blllthenweißen Gardinen und die neckischen Nlppsachen, freilich alles mit dem ausgesuchtesten Geschmacke — aber genauer betrachtet, was sind sie denn mehr als llbertllnchte Armuth? Nein, so was müßte Einen aus der Haut bringen! Aber man muß diesein stolzen Bettel zeigen, daß wahre Aristokratie herablassend ist — blodlssss obläge. . . Und jo begaben sich beide Bankiersgattinnen, aufgeputzt wie zwei Schaufenster eines reichen Modebazars, zu der arnren Verwandten hin, um sie durch großmüthige Herablassung zu — demüthigen. Eigentlich aber hatten sie noch einen andern und z einen Hauptzweck, der zu dieser Herablassung Ursache war. Es galt nämlich Ottilie um jeden Preis zu bewegen, daß sie zu ihnen ins Haus komme und sei es auch nur für gezählte Tage. Sie erwarteten nämlich einen Gast und zwar einen solchen, um dessen Gunst Beiden viel gelegen war, denn, wie erwähnt, man hatte heirathsfähige Töchter. Da hieß es zu Ehren des Gastes Festabende veranstalten, dem Hauswesen einen glänzenden Firniß geben und wegläugnen läßt es sich einmal nicht, daß Niemand sich darauf so vorzüglich versteht, als Ottilie, Niemand das so schön als sie zu arrangiren weiß; dann werden auch die heirathsfähigen Töchter viel an ihrer Seite gewinnen und zu allerletzt, verleiht es auch einen gewissen Nimbus, wenn inan eine arme Verwandte aushält, zumal, da Ottilie gleich ihnen auch die Cousine jenes Gastes war. Daß beide Bankiersgattinnen so viel Werth auf diesen Gast legten, hatte schon guten Grund, denn er machte nicht allein ihnen, sondern dem ganzen Lande viel Ehre und wahrhaftig, er wäre gar keine üble Partie. Von Beruf war jener Mann Advokat, In Anerkennung seiner eminenten Talente, seiner glänzenden Rednergabe und seines gewinnenden, liebenswürdigen Wesens, wurde er von dem Wahlbezirke S,, dem Städtchen, in welchem unsere Geschichte spielt, bald nachdem er in der Hauptstadt L. seine Kanzlei eröffnet, in den Reichsrath gewählt und nun sollte er Herkommen, sich seinen Wählern vorzustellen. Beide Bankiersgattinen beeilten sich zugleich, den Cousin für die Zeit seines hiesigen Aufenthaltes zu sich einzuiaden, denn jetzt wird er doch gewiß eine Frau wählen und >ven denn anders — hatte jede Einzelne andern Grund zur Ueberzeugung — als meine Tochter? Genug, Ottilie muß in erster Reihe gewonnen werden, und sie wird es auch, denn das unterliegt doch gar keinen Zweifel, daß sie dem persönlichen Erscheinen solcher reichen Damen nicht widerstehen wird. (Fortsetzung folgt.)

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