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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 18 (1885) · p. Seite 70

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
18 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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— 70 — „Ja, ja, Vater und Sohn, — haben Wort gehalten". Aber auch der junge Offizier verwandte kein Auge von Judith's glück-erregte» Züge». Mit strahlender Zärtlichkeit umspann er gleichsam des Mädchen'» ganze Erscheinung. Bald aber ivurdcn es wieder die bekannten, melancholischen Augen, die Judith in alle ihre stillen Träume verfolgt hatten. Und nun, während sich der alte Gras mit Samuel begrüßte und unterhielt, trat er näher an Judith heran, schlug den Mantel zurück und sagte »nt wehmülhig-angchauchtcr Stimme seine linke Hand ansstreckcnd: „Nicht mehr kan» ich Euch die Rechte reichen, Judith, deren beraubte mich eine feindliche Kugel, jenen Brief schrieb nicht incinc Hand, doch hoffe ich deshalb nicht, die Rechte eingebüßt zu haben, die mir einst Ihr Heez so warm und offen zucrkanntc." „Meine Dankbarkeit und Freundschaft, Herr Graf, können erst mit meinem Tode endigen," hauchte Judith. Sie rang nach Aihcm, sic drohte zu ersticke» in der Qual einer Zurückhaltung, die ihr fremde, kühle Worte aus die Zunge legte,. Doch ihre wariuc, kleine Hand lag in der Linken des Grafen. Fühlte, verstand er deren stumme Sprache? Es schien nicht, denn er behielt sic nicht, und sagte, wie ein wenig bitter: „Ah so, ich verstehe! Ein Einarmiger, wie häßlich!" Da schlug Judith die braunen Augen voll zu ihm aus, verwuudert, wie ein sragetides Kind. Dann schüttelte sie sanft den Kvps, schlang die Hände ineinander, wie in Verzweiflung und sagte: „Nein, nein! . . . Doch bin ich Jüdin, und darf Euch nicht sieben; o quälet mich nicht!" Sie senkte die Augen und drückte ein Tuch gegen ihre Lippen. De» Grafen Antlitz leuchtete auf. „Judith," stieß er bebend vor Leidenschaftlichkeit hervor, „wenn nur dies Dich hindert, mich zu lieben, mein Weib werden zu wollen, so, glaube mir, gicbt es keinerlei Schwierigkeiten für mich, die ich nicht brechen, nicht überwinden könnte." Judith schüttelte traurig-ungläubig die schimmernden Locken. „Willst Du nicht Christin werde», Dich taufen lassen?" forschte der Gras drängend. „Ich darf cs nicht. Soll ich dem Vater das Herz brechen?" „Er wird vergeben", schmeichelte der Graf. „Nimmermehr! Er hat mein Wort," flüsterte Judith in erstickten Tönen. „Du gabst cs ihm?" „Er nahm cs, — unser Glaube bedingt Gehorsam." „Aber Du liebst niich mehr als Dein Leben, wie, sprich, Judith?" flehte der Graf. „Mehr als Alles in der Welt!" versetzte Judith voll innigster Natürlichkeit. „Meine süße, blaue Wunderblume, so lasse Dich entführe»!" Der Graf ergriff ihre Hand und küßte sie leidenschaftlich. „O Jtvan!" bebte Judith zurück, und es war das erste Mal, daß sic ihn so benannte. „Sage „ja", Geliebte!" frohlockte schon der Graf. „Zu edel seid Ihr, ui» dies zu ivollen!" stammelte Judith schmerzdurchzuckt und wieder drückte sic das Taschentuch gegen ihre Lippen. „So bin ich cntwasfnct!" stöhnte der Graf leise. Er schaute Judith an. Sic war todtcnbleich. „Doch was ist Dir, Mädchen, o mein Gott!?" rief Graf Iwan bestürzt. „Still, still, ich leide schon lange." versetzte Judith fast unhörbar und schloß die Auge». Ihr Haupt sank auf die Brust, Blut färbte ihre Lippen. Schreckensbleich nahm sic der junge Offizier in seinen starken, linken Arm und rief laut: „Wasser, Wasser!" Der General und Samuel eilten herzu, doch auch Mutter Rebecca, die den Ruf gehört, kam nun hereingestllrzt. Eine Scene höchster Angst und Bestürzung entwickelte sich. Man sandte nach einem Arzt. Doch Hülfe war hier nutzlos. Der junge Graf, von Samuel, der in stummem Gram kein Auge von dem geliebten Kinde verwandte, unterstützt, wagte cs nicht sich zu rühren, noch Judith frcizugebc», jede geringste Erschütterung konnte ja ihr Leiden, de» Blutsturz, verschlimmern. Man benetzte ihre Lippen, befeuchtete ihre Schläfen mit Essig und Aethcr, und wirklich schlug die Kranke noch einmal die Augen auf. Groß, vcrständnißvoll, zärtlich trafen sie den kummervollen Blick des Vaters, um mit dem Ausdruck innigster Liebe und strahlendster Freude auf Graf Jwan's schönem, edlen, sich über sic beugendem Antlitz haften zu bleiben. Ein glückliches Lächeln theilte noch einmal ihre feinen Lippen und ließ die weißen Zähne sehe», die in ihrer Regelmäßigkeit, ihrem Schmelz an die kleineren, kostbaren Perlen, jenes vcrhängnißvollcn Halsbandes erinnerten und dann schloß sie wieder, die sich ti übenden Sterne, müde, friedlich, tvic ein nach Schlummer begehrendes Kind. Es war für immer. Im Arm des geliebten Mannes hauchte sic ihre heldenrnüthige Seele ans, im seligen Sterben sich allem Erdenknmmcr für ewig entrückend. Als der Arzt kam, kvuntc er nur ihren Tod coustatiren, — ein Blutgefäß war ihr gesprungen. — Samuel wußte sich anfangs nicht zu fassen; herzzerreißend war sein Januner. Der Aufopicrung und Selbstlosigkeit seines Kindes verdankte er seine jetzige Freiheit, seinen Rcichthum, sein Leben. Wie das einer Heiligen hielt er ihr Andenken, er und seine ganze Familie; Frau Rebecca aber sagte manchmal: „Gott, Gerechter, ich Hab' cS gcivußt, ich Hab' es gesagt, zu schön war sie, und »inunermehr zum Kismet geboren." Und Graf Iwan?- Als nach streng-jüdischem Ritus, aber unter großem Zudrang und aufrichtigster Theilnahme und Bethciligung, die „schöne Judith" dem Schooß der Erde «»vertraut wurde, da machte sich unter den Leidtragenden auch die hohe, imposante Gestalt cincs jungen Offiziers in russischer Uniform bemerkbar. Sei» schönes Angesicht war bleich und unendlichmelancholisch blickten seine tiefliegende» Augen. Man sah, daß er nur einen Arm hatte, und flüsterte sich in die Ohren: „Das ist der tapfre, edle Graf Urngiewo, der mit seinem Vater in der ganzen Halsbandgeschichtc eine so günstighervorragende Rolle gespielt." Und alte und junge Augen hingen voll Theilnahme an den schwermüthige» Zügen der hochragenden, edlen Gestalt, doch die Blicke der jungen Mädchen und Frauen voll Bewunderung und Anbetung. Ein prachtvolles, weißes Rosenbvnquct hatte Graf Iwan im Hanse bei der Leiche Judith's die nur zu schlummern schien, niedcrgclegt, mit den Worten, die Lessing dem Vater Emilia Galotti in den Mund gelegt, sic nur ein wenig verändernd: „Eine Rose geknickt, Da der Sturm sie enlblüttcrt." * * * Anderen Tages verließ er mit seinem Vater Odessa in der Absicht diesen nach Urdassymsk in Sibirien zu begleiten, sein dortiges Leben zu theilen, denn die Gattin und Mutter >var schon vor langen Jahren gestorben, die älteren Söhne und Brüder besaßen Frauen und Kinder. Samuel's Nachkommen leben »och in Odessa, reich und angesehen, und das Perlenhalsband der Prinzessin Achmeid verblieb dem russische» Kaiserhausc der Romanow'S.

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