Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 18 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M18 1885. Jüdisches _ Zur |lntrrl)altiuig u. Belehrung für die israelitische Jugend. Inhalt: „Tritt nicht int- Sclliqthin» zu jeder Zelt." Von vr. I. Goldschmi dt-Wcüburg. - Judith oder das Perl-iih-lsbmib. EqLblung t^ortsepunqi. — Jüdische Silhouetten aus Galizien. Bon Nathan Sa neue ly. XIX. ^.ie zänlrchen Berwauoten. Allerlei für deu Kumilieulisch: Eine neue Variation der TeilSage. — Curiosüm. — Kleine jüdische Eliurncterzilge. -*udem Lpruch>chutz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthscl-Aufgaben und trathscl Lotungen. „Tritt nicht ins Heiligthmn zu jeder Zeit." (tjnin W.-A. Lalire invtti.) fl B. Mojer- 115,2) tripn °78 TO; *722 82' *781- „Tritt nicht ins Heiligtlinm zn jeder Zeit" — Du bist ei» Mensch mit Mängel» und mit Schwächen, Unvorbereitet darfst d», »»geweiht, Die Blütlie nicht vom Baum des Heil'gc» brechen! „Tritt nicht ins Hciligthum zn jeder Zeit" — Wenn du berauscht vom Becher bist der Sunde, Verwirrt vom Glück, von Frcnd', gelähmt von Leid, Willst du, dasi stch dein Geist im Heil'gen finde? „Tritt nicht ins Hciligthum zu jeder Zeit" — Mit hcil'gcm Sinne sollst dn cs betreten, Verbanne Leidenschaft, Hast, Lüge, Neid, Wen» fich dein Mund crgiefiet in Gebete». „Tritt nicht ins Hciligthum z« jeder Zeit" — Der Lrt an fich stillt nicht des Herzens Sehne», Die Gide ist nicht von der Sonn' so weit, Wie du von Gott, willst du dich nicht versöhnen.- „Tritt nicht ins Heiligthi»» zu jeder Zeit" — Zum ird'sche» Wirken bist du hier berufe», Nur wenig der den Schöpfer benedeit Der ewig betet vor des Altars Stufe». ,^Tritt nicht i»S Hciligthum zu jeder Zeit" — Grfüllc treu des Grdenlebens Pflichten Denn taugst »n schon nichts für die Zeitlichkeit, Kann auch die Gwigkeit auf dich verzichten. — — „Tritt nicht ins Hciligthum z» jeder Zeit" — Doch darfst du auch nicht ganz ihm ferne bleiben, Wen» sich dein Geist im Irdischen zerstreut, Darf er vor Gott zu sammeln sich nicht sträube». „Tritt nicht ins Hciligthum z» jeder Zeit" — Jedoch die Stunde, wo man dort erscheinet, Sei ganz der Geist vom Irdische» befreit Und schrankenlos mit seinem Gott vereinet. — „Tritt nicht ins Hciligthum;» jeder Zeit" — Nicht wolkenlos schaust d» die hcil'ge Wahrheit*) Ans Grden hier; nur in der Gwigkeit Grschciut die Gottheit dir in cw'gcr Klarheit. Dr. I. Goldschmid t-Weilburg. Judith, oder das Perlenhalsband. Erzählung aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Emilia Pflücker. < Schluß.) IX. Zu Kaus. Woche» waren vergangen. Samuel'S und Judith's Rückkehr nach Odessa war daselbst fast zum Triumphzug geworden. Wie ein Lauffeuer halte sich die ganze Angelegenheit mit mehr oder minder ausgeschmücktcn Einzelheiten in der Stadt verbreitet. Das Fürstenpaar war nie recht beliebt^ gewesen, und ganz besonders ihr herrisches, über- ' ■ r-£5n bs H8-i8 rr;2 -r. müthiges Wesen hatte Beiden mehr Feinde als Freunde gemacht. Jetzt hatte man nicht nur keine Theilnahmc. nein Hohn und Verachtung für sic. Freilich. Fürst Murawicff war dem Alle» entrückt, er wurde auch in Petersburg beigesetzt und die Fürstin, die Ernte ihrer Saat ahnend, hatte sich den weiteren Conseqnenzen ihres Thuns durch die : Flucht entzogen. Unter Mitnahmen alles Baaren und aller Kostbarkeiten, nachdem sie nur einen Theil ihrer vielen Ver-! bindlichkcitcn gelöst, war sic eines TageS verschwunden.! Niemand wußte wohin. Nur Schamhl, der junge Tscherkesse,! ihr Lieblingsdicner und Vertrauter war mit ihr verschwunden,! spurlos, wie vom Sturm verweht., Doch nicht ganz, man ) tuschelte und zischelte sich allerhand ins Ohr, man wähnte | sie mit ihm entflohen nach den Bergen seiner Heimath und sah im Geiste die stolze Frau, hoch zu Roß, dahinfliegen durch Gebirg' und Klüfte an seiner Seite. Herrscherin auch dort, — Tschcrkessen-Fürstin. Gehört hat man nichts mehr von ihr, wenigstens nichts Positives, und Michael Gregvrowitsch fiel spater, während des noch immer wüthcnden Krimkrieges, einer feindlichen Patrouille in die Hände und entging so zunächst einer kriegsgerichtlichen Untersuchung wegen wissentlich-falscher Anklage, und noch vor Beendigung des Krieges starb ja Czar Nicolaus, dessen persönlicher Zorn vielleicht nur die Sache znm Anstrag gebracht hätte. Inzwischen lebte Samuel erstarkt und gekrästigt, still und glücklich wieder im Kreise der Seinen, der treuen Verwandtenschaft und Freunde. Nicht so — Judith. Auf sie und ihre, trotz aller Jugendfrische, zarte Cvnstltutivn waren die vielfachen Strapazen, Aufregungen und Eindrücke durchaus nicht ohne Einfluß geblieben. Der stete Kampf, in dem sie noch mit ihrer Neigung, der ersten und einzigen Liebe ihres heißen Herzens stand, trat hinzu, sie litt, litt täglich mehr und siechte dahin, stumm, klagelos. Samuel's liebendem Vaterauge entging es nicht das heimliche Ringen und Kämpfen des armen Müdchen's und Liebe und Glaubenseifer tvuchsen in seinem Herzen zu einem Paar mächtiger Streiter empor, die sich an Kraft und Stärke nichts nachgaben, und somit keine Entscheidung herbcisührten. Doch Judith klagte eben nicht, und das täuschte die Liebe, und Judith sah zart und blühend aus, denn des Herzens Leidenschaft glänzte in ihren Augen und brannte auf ihren Wangen; vielleicht auch war dieses äußere Roth nur ein Thmptom innerer Krankheit. Doch eines Tages klopfte es an Samuel's bescheidenem Häuschen und zwei hohe Fremde traten ein. Aber'^icht Fremde waren eS für Samuel und — Judith. Ein Schauer innigster Freude durchbeble ihre schlanke Gestalt, ihre Augen leuchteten in nie gesehenem Glanz, ihre süßen Lippen lächelten und ihre weißen Hände gegen die Brust drückend, ries sie lächelnd: „Graf Urugiewv, o Vater, Vater!" Nur die hohe Gestalt des jungen Offiziers verschlang sie mit ihren Blicken, den Mantel zu durchbohren suchend, der diese noch ganz verhüllte. Lächcnd bemerkte es der alte General »nd sagte: