Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 17 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die gute Madame Jeanette hätte wohl noch so manches geplappert, aber Fräulein Olga merkte von der Ferne, wie Mama sich in so grosie Geschwätzigkeit vor den^ Herrn Epstein erging und fürchtend, sie könnte ja alle ihre „Jüdischkeiten" ausplaudern, beeilte sie sich, diesem ein Ende zu machen, indem sie das Lockenköpfchen graziös wiegend und mit einem Blnmenbongnet in Händen rasch herbeikam. „Man sieht's Ihnen an, Fräulein Olga" sagte Epstein sich an diese wendend, „dasi sie eine grosie Blumenfreundin sind ..." Olga nahm eine schwärmerisch affcctirte Miene an. „Ach", ries sie mit einem verzückten Ausschlag ihrer schönen Augen, „Ach, wie liebe ich die Kinder Flora's!" „Eine sehr liebenswürdige Neigung" war, Epstein leicht hin „denn diese Kinder lehre» uns am besten natürlich e, ungekü n st e l t e A » m u t h! " Um den Eindruck dieser ätzenden Bemerkung rasch zu verwischen, bot er ihr gleichzeitig de» Arm und lud sie galant ein, mit ihm sich ins Elavierzimmer zu begeben, um mit ihm eine vierhändige Partitur zu spielen. Eine neue glänzende Eigenschaft, die sie gar nicht vermuthet! Mit tvelcher meisterhaften Fertigkeit flogen seine Finger über die Tasten hin, wie voll und sicher sein Anschlag — ein vollendeter Künstler1 Lvm zweiten Zimmer schallten die wirren Ruse der Spieler und Zecher hinein und zwischendurch ertönte jetzt der laute Rus des Hausherrn: „Zum Nachtmahle, meine Herren und Damen, bitte zum Nachtmahle!" Die Herren und Damen machten sich mit lautem Getöse auf »nd ordneten sich in Reihe und Glied. Im nächsten Augenblicke sauste die illustre Gesellschaft tvie ein Eisenbahnzug durch das Clavierzinttner, in welchem Olga und Epstein sich befanden, je eine Dame am Arme eines Herrn, — eine grosie lange Reihe, welche die Eltern Olga's abschloßen. Olga erhob sich und lud mit einem bestrickenden Lächeln ihren Gast, den Herrn Epstein, ein, sich mit ihr ebenfalls zur Tafel zu begeben. Was blieb ihm anders übrig? Er bot ihr höflich den Arm und schloß sich hinter den Eltern Olga's dem Zuge an. „Ah, >v>e schön!" erhob sich ein allgemeiner Ruf, als man im Speisesaale anlangte. Mitten ans dem Tische, der mit allen möglichen Weinen, kalten und warmen Speisen bedeckt war, strahlte wie eine einzige Riesenflamme der Ehristbaum in tausend bunten Wachslichtchen, jedes mit einer farbigen Seidenschleife und einer frischen Knospe geschmückt. . . „Ah, ein Ehristbaum!" konnte auch Epstein den Ruf nicht unterdrücken . . . „Unsere Olga versteht schon etwas zu arrangiren!" belobte sie der Vater. „Ob sie versteht! Wer denn?" ergänzte die Mutter, „Wie würde unser Haus auSsehen, wenn nicht sie?" „Aber Papa, aber Mama!" wehrte Olga bescheiden ab, „ich weiß nicht, was ist da Großes daran?" „Freilich", ließ sich Papa nicht zurllckhalten, „sie bewegt sich aber auch nur unter Christen!" „Und unter welchett Christen!" fügte Mama hinzu. „Das sieht aber auch wirklich recht christlich aus? stimmte jetzt auch Epstein in das Lob der Eltern ein. „Wäre traurig, wenn's jüdisch aussehen sollte!" lachte Olga, ihren Arm fester an ihn schmiegend — „doch was ist Ihnen?" unterbrach sie sich, „Sie scheinen sich an etwas erinnert zu haben!" „Ja wohl" ertviderie Epstein sauft seinen Arm von dem ihrigen befreiend. „Ich weiß gar nicht, wie ich daran vergessen konnte. In der That. wenn nicht der Ehristbaum hier, es wäre mir aus dem Gedächtnisi geschwunden!" „Wie?" fuhr Olga bestürzt zurück „Sie wollen uns schon verlassen?" . . „Ich bedauere lebhaft" rechtfertigte sich Epfietn, „meine Sache ist unaufschiebbar!" „Aber um Gottestvillen!" entsetzte sich Madame Jeanette. „Sie "werden uns das doch nicht thun!" „Leider ich muß", betheuerte Epstein ihr galant die Hand küssend. „Geht nicht, junger Mann!" mengte sich jetzt auch der Herr Adjunkt int Gespräche „Klara!" wendete er sich an seine Frau, „wie sagt nur unser Freund der Graf Laschizki? — Mitgefangen — Mitgehangen!" ‘ „Bedauere lebhaft", rechtfertigte sich Epstein mit komischem Ernst „nicht in der Lage zu sein, mich jetzt hängen zu lassen!" Wie fein er das sagte, ohne im mindesten zu verletzen. Die Damen, die aus diesem Gespräche es erfuhren, worum es sich handelt, gaben ihrem Bedauern aufrichtigen Ausdruck, vasi der ihnen ,'o lieb gewordene Fremde sie schon verlassen will. „Aber Herr Epstein!" schmachtete Olga „Ich bitte, bleiben Sie!" „So geschmeichelt ich mich, gnädiges Fräulein, durch Ihre Bitte fühle" erwidene Epstein, ihr in so zartsinuiger Weise die Hand znm Abschiede reichend, daß es kaum ein Christ besser treffen könnte „ist mir doch das Bleiben jetzt hier unmöglich, und ich tvill Ihnen gern den Gegenstand meiner Erinnerung nennen, damit Sie es selber einsehen!" „So sagen Sie nur', stimmten Vater, Mutter und Tochter ein, „was Sie denn so Dringendes noch heute zu verrichten haben!" „Die Chan ukalichtchen anzuzünden!" erwiderte Epstein mit einer elegante», durchaus nicht jüdischen Verbeugung vor der ganzen Gesellschaft und verschwand auf — Nimmerwiedersehen. Auch ein Duell. tfinc wirkliche Begebenheit erzählt von Lehrer MannSbacher. Es war in der Aera Stöcker. Der Antisemitismus war zu einer epidemischen Seuche geworden, welche immer drohender den Kindern Israels die geballte Faust entgegenstreckte. So kam etz, dasi auch auf einem westfälischen Bahnhofe — wir wollen ihn Kriegau nennen — ein eifriger Apostel des „ztveiten Luther", die Welt mit dem Mondlichte seiner neuen Weisheit zu beglücken juchte. Einige anwesende semitische Merkursjünger fanden das Ganze anfangs lächerlich, alsbald aber wurde es ihnen unangenehm und lästig. Nicht auf den Kopf gefallen, verstanden sie dem Herrn Hetzer in einer Weise zu dienen, tvelche alsbald die Lacher auf ihre Seite brachte, was wiederum zur Folge hatte, daß der eifrige Moralprediger plötzlich seine Visitenkarte hervorzog und einen der Angegriffenen — sagen wir Herrn Cohn aus L. — zum Duell herausforderte: was diesen Letzteren umsomehr ergötzte, als er in seinem Gegenüber einen Collegen erkannte, d. h. nach der Seite des wirklichen Berufs. „Es thut mir leid" replieirte er, „Ihnen nicht mit dergleichen Sächelchen dienen zu können. Ich führe nur meine Musterkarte, von welcher Sie Gebrauch machen können. Mein Name ist Julius Cohn aus L. Es hat inich recht amüsirt, Ihre werthe Bekanntschaft gemacht zu haben!" In diesem Augenblick fuhr ein Zug vor, welchem der College und Stöckerapostel zustürzte, dabei in die Worte ausbrechend: „Sie sollen noch von mir hören, Tie Mauschel, Sie!" Etwa vier Wochen später — Herr Cohn hatte die Geschichte schon vergessen — klopft's eines Morgens an die Thür seines Comptoirs. Auf das „Herein" treten zwei Personen in sein kaufmännisches Heiligthum, nämlich Herr „Hetzer" und ein Freund, dessen Begleitung Herrn Cohn bald klar werden sollte. „Sie müssen sich mit mir schlagen", das war der Inhalt der Morgenbotschast, welche Herrn Cohn