Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 17 (1885) · p. Seite 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
17 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585148--0342-9585150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

liebende Mn»» wieder das fiir Samuel »»d Judith so gastliche Haus. _ ©»ige Tage darauf begab sich der alte General in de» Kaiserlichen Palast. Sticht lange ließ man ihn antichambrircn, denn der Kaiser war dem Grafen ganz besonders zugethan. Er empfing ihn daher auch äußerst leutselig, bezeugte ihm seine Theilnahmc ob seines Sohnes, lobte diesen, dessen Tapferkeit, als^ ei» echtes Reis vom Geschlcchtc der Urugiewo s, so daß der Graf besten Erfolg für seine Anliegen erhoffen durfte. Nach längerer Unterhaltung und Verhandlung, führte der Czar den General auch zu seiner hohen Gemahlin, die den braven Alten nicht minder herablassend herzlich begrüßte. Mit heimlicher Freude bemerkte der Graf, daß die hohe Frau mit einem selten schöne» Perlenhalsband geschmückt war. Er combinirtc sogleich, daß dies nur das betreffende Collier der türkischen Prinzessin Achmeid sein könne und baute darauf seinen Plan. Wie von ungefähr lenkte er, es bewundernd, die Unterhaltung darauf. „Ja, lieber Graf, cö ist ein ganz reizendes Geschmeide", sagte die Kaiserin lächelnd, „und ich muß gestehen, daß ich es ungemein gern trage". „Und erinnern sich ©v. Majestät noch auf den Kauf dieses Halsbandes?" fragte der General, sich nun au den Kaiser wendend. „O, gewiß, bester Graf," versetzte Czar Nieolaus lächelnd und lebhaft, „Fürst Murawieff brachte es mir aus Odessa. Der Preis war hoch, doch nicht zu hoch, und ein Gehcimniß umwob die ganze Sache." „Vielleicht dürfte ich im Stande sein, das Gewebe dieses Geheimnisses zu durchhaucu," äußerte sich der Gras. „Immer kriegsbereit!", scherzte der Monarch. „Mir scheint er mehr diplomatisch, denn das Wort „Gewebe" erinnert a» Jntrigucnspiel", bemerkte die Kaiserin dagegen. „O diese Frauen! Wie klug sie doch die Neugier macht!" lachte der Czar. „Also General, lassen Sic hören!" lind der brave, alte Herr berichtete Alles, und nicht unschwer gelang cs ihm, die Majestäten zu überzeugen, ihre Herzen zu rühren. Aber seine Mittheilungen erregten auch den Zorn des Czarcn, und da Nicolaus sehr heftiger Natur, so war sein Zorn verzehrend. Augenblicklich ging ein kaiserlicher Befehl nach Odessa ab, der des Fürste» Murawieff's unverzügliches Erscheinen in Petersburg begehrte. Nach überstandener Reise fand sich dieser auch sogleich im Audienzimmer ein. Als ihn der Czar erblickte, klingelte er sofort, ohne den erstaunten Fürsten nur eines Wortes zu würdigen. Schon im nächsten Augenblick öffnete sich eine andere Ausgangsthür und Samuel und Judith betraten das Gemach. „Kennst Du diese'?" herrschte nun Nicolaus den Fürste» au. Hast Du denn dem armen Juden hier die 400,000 Rubel gegeben, für das Halsband, das er und seine schöne Tochter sich ehrlichster Weise in der Türkei errungen?" Todtenblässe überzog des Fürsten Angesicht. Er taumelte zurück und mußte hinausgeführt werden, doch schon aus der Schwelle des Vorsaals brach er zusammen und fiel zu Boden. Er war todt. Ein Schlagfluß hatte dem Leben des kräftigen Mannes ein jähes Ende bereitet. Als man dies dem Kaiser meldete, zuckte keine Muskel seines ernsten Angesichtes, doch befahl er eine sofortige Auszahlung von 200,000 Rubel an Samuel, und eine noch weitere Verschreibung, so wie eine Niederschlagung jeder weiterer Maßnahmen in Betreff Murawieffs und seiner Gemahlin. Familie, rcsp. Nachkommenschaft hatten diese ja nicht. Samuel und Judith selbst baten noch um Gnade für die, durch Stolz, Hoffart und Eitelkeit zu üblen Tharcn verleitete Fürstin, da sie ja so reich für alle Leiden entschädigt worden. Judith gedachte dabei im Stillen des guten Schamyl, den sie nicht in Ungclegenheit kommen zu sehen wünschte. L-o entließ das Kaiserpaar Vater und Tochter unter freundlichsten Worten und Wünschen. Beide eilten sogleich zum General, dem gegenüber ihre Dankbarkeit fast keine Grenzen kannte. In i'eincr liebeuswürdig-polternden Art wehrte ihnen der Graf nach Kräften. „Habe nur meine Schuldigkeit gethan, Gerechtigkeit geübt, die Wahrheit an's Tageslicht gebracht". Und ablenkcud fügte er hinzu: „Habe Urlaub genommc», reise nach dem Kriegsschauplatz, werde meinen Sohn besuchen. Bin schon fertig zur Abfahrt, hoffe auf Wiedersehen in Odessa". I» Judiths Augen standen Thräuen. „O, so sagen Sic auch ihm unseren Dank", stammelte sie. ■ „Werd's besorgen, Mädchen, keine Angst. Halte nur Dich und Dein Herz tapfer, wer weiß, was die Zukunft bringt." — Wie im Traum verließ Judith am Arme ihres Vaters die Wohnung des Generals. Zu zerspringen drohte ihr das Herz, wenn sie der letzten Worte des Grasen gedachte. Waren sie ihm nun Ernst oder Scherz gewesen, Judith wußte ja doch, daß sie llnmöglichcs involvirten. Sie eine Abtrünnige werden?! Das würde ja dem Vater das Herz brechen! Und welches stille Uebereinkommen auch hatte sie mit ihm geschlossen. So gut, so mild ec war, eine» Glaubcnswechscl würde, könnte er ihr nie gestatten, noch verzeihen. Hier erhob sich die chinesische Mauer, die sie von der Welt des Erreichbaren trennte, deutlich erkannte cs Judith von Neuem, denn nicht ein Wort hatte Saaiucl der letzten Bemerkung des Grafen gewährt, ungehört verhallte sie an dem tief i» ihm wurzelnden jüdischen Glauben, von dem er die Tochter ebenso durchglüht wähnte. „Ich kenne mein Kind, sie wird den Bestimmungen des Vaters sich fügen", dieser einstige Ausspruch Samuel's war Judiths Gedächtnis; nicht entschwunden, seine Bedcutnug ihr klarer denn je. Ihr Herz krampfte sich zusammen, und mit Entsetzen gedachte sie JSmaels, und einer seinerscitigcn, eriicuten Beiverbung. Doch Samuel hatte auch gesagt, daß er sein Kind nie verkaufen würde. Dies tröstete sie, so blieb ihr doch Zivang erspart, konnte sie eventuell unvermählt bleibe», mit dem ewigen Liebestraum, im keuschen, warmen Herzen. Dasviats ogni speranza, vo ioh’ entrate — ja, die Hoffnung mußte Judith draußen lassen, wenn sie eintrat in den Kreis der Betrachtungen, die der Zukunft und der Liebe ihres Herzens galten. (Schluß folgt.) Indische Silhouetten aus Galicien. Bon Nathan Samueln. XVIII „Nur nicht jüdisch (Schluß.) „Gesüllls Ihnen bei uns, Herr Epstein?" fragte sie „Ja" erwiderte er, „cs geht sehr lustig zu!" „Meinen Sie nur heute" stolzirte Madame Janette — „immer so! Wir führen eS ganz christlich! — Ich sage Ihnen, Herr Epstein, können Sie mir glauben, daß alle, die zu uns herkommeu, nur mit Grasen und Fürsten verkehren!" „So" meinte Epstein gedehnt. „Ei freilich, wir haben nichts mit Juden zu thun. Meinen Sic nur jetzt — i, seit vielen, vielen Jahren — unsere Olga soll leben sagt immer: „nur nicht jüdisch!" Epstein lächelte. „Wenn Sic erst sehen sollten, Herr Epstein" plapperte unterdessen Madame Jeanette fort, „wie unsere Olga von allen diesen Herren verehrt wird — ich sage Ihnen wie ein Gott, rein, wie ein Gott! Und erst die Herren Offiziere, die werfen sich ihr einfach zu Füßen. Und meinen Sie, sie versäumen einen Tag herzukommen? Nein, sie essen hier, sie trinken hier, sie sind unsere HauSleutc. Und «ominers erst, da vergeht Ihnen kein Tag, daß nicht irgend ein Offizier unserer Olgaleben ein Blumenbouguet bringen sollte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.