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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 16 (1885) · p. Seite 62

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
16 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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„Armer Kerl", imumeltc er, „will burf) einmal seine Geschichte hören". Und wie, als wenn er fürchtete, es könne ihm iviedcr leid werden, schellte er sogleich. Gin Soldat erschien. „Tie Schildwachc ist abznlöscn, der Mann von unten vor mich zu führen!" befahl der General mit militärischer Knappheit. In demselben Augenblick, da der Soldat das Gemach verlieh um der gegebenen Ordre nachzukoinmen, erschien ungcrufcn ein Anderer mit einem Brief in der Hand. General Gras Urugicwo erbleichte und seine Hand erbebte ein ivenig, als er sie nach dem Schreiben ansstreckie. „Woher Ändrowitsch?" fragte er gepreßt „Aus Petersburg, Excellenz, antwortete dieser. „Ah!" athmetc der General ans. Gr besah die Adresse, schüttelte den weihen Kops und erbrach den Brief. Gr las, er überflog ihn. „Rolle mir meinen Sessel an das Fenster, Ändrowitsch," befahl er dein Burschen. „Gut, kannst gehen," und schwer lieh sich Gras Urngieivo aus den herbeigeschobenc» Sessel nieder. „Sonderbar, sehr sonderbar! Gi sieh doch! Jst's möglich! Die Weiterhexe! Und ein Judcnmädchen!" Alle diese Ansrnfe entglitte» dem Lesenden. Unschwer ist es zu errathen, das; Judith, ehe sie dem General persönlich vor Augen zu treten wagte, denselben informirte, und für ihre gerechte Sache einjunchmcn suchte. Sic that dies von Petersburg ans, wohin sie glücklich gelangt war, und wo sie eine Antivort am Besten abwarten konnte. Jetzt war der General wirklich gespannt, auf des Sträflings Grjcheinen und eni wahres Interesse erfüllte ihn. „Ja, das sieht Iwan ähnlich, der gute Junge! Gerechtigkeit und Menschenliebe, na, auch ich will sic üben, komme es wie es wolle." Da nahten sich Schritte. Die Thür öffnete sich und in derselben erschien Samuel, ein abgehärmter Sträfling, ihm zur Seite je ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonnct. „Tritt näher!" rief der General. „Laßt uns allein", wandte er sich zu Samuels Bedeckung, „harret vor der Thür." Sogleich machten sie Kehrt, der General und Samuel waren allein. Scharf fixirten diesen des Grasen adlerscharfe, blitzetidc Augen. Samuel'ü kummervolles Angesicht blieb unentwegt. „Du heißest Samuel Nasarvff, bist aus Odessa und Juwelenhändlcr?" fragte der General. „Ja, Gw. Gnaden zu dienen," hob Samuel den Kops. „Du bist einer schweren Verbrechens angeklagt, bekennst Du Dich schuldig?" Eine leise Röthe stieg in Samuel's eingefallene Wangen auf, doch furchtlos hob er den Blick und schaute dem alten Kriegsmann ins Auge, indem er sagte: „Halten zu Gnaden, terr General, doch fraget den Vogel, der vergebens den chlingen des ihm gestellten Netzes zu entflattern bemüht, das Fischlein, das schmcrzgefoltert, machtlos an der Angel zappelt, die Blume, die des wilden Knaben Hand achtlos bricht, fraget sie alle, was sie begangen, daß man sie der Freiheit, vielleicht des Lebens so grausam beraubt, denn so wie ihnen geschah es mir". — „So bekennst Du Dich nicht als Verräther?" „Bei dem, jeden Fehl gegen seine Gebote stets rächenden Gott meiner Väter, nein," betheuerte Samuel ernst und feierlich. „War man Dir persönlich feindlich gesinnt?" „Nicht, daß ich wüßte, Excellenz." „Und so hülst Du diese ganze Denunciation" — — — Hier hielt der General inne und blickte den Gefangenen fragend an. „Für einen Akt grausamsten Eigennutzes" vollendete Samuel einfach und ohne Besinnen. „Also eine Unterschlagung?" „Es wäre die richtigste Bezeichnung." „Und warum, da Du Dich unschuldig fühlst, klagst und jammerst Du so?" inquirirtc der General. „Dürfte, könnte ich denn klagen, wenn ich mich schuldig fühlte, und habe ich nicht daheim Weib und Kind, verlassen, des Ernährers beraubt? „Weißt Du meine» Namen?" „Nein, Gw. Gnaden." „Aber de» 'Jiameit jenes Offiziers, der Dich schützte?" „Ew. Gnaden haben Kenntnis;." „Volt der ganzen Sache, ja," fiel der General ein, „doch, der Name?" „Wie könnte ich ihn je vergesse»! Iwan Graf Urugieivo." „Ich bi» sein Vater". Des Generals Stimme zitterte. Samuel stand erstarrt doch nur einen Augenblick. „Sein Vater!? O, dann ist Alles gut. Alles!" rief Samuel und faltete die Hände. „Dies Vertrauen ehrt meinen Sohn, mich und Dich, Du sollst es nicht getätlstht sehen. Du hast eine Tochter?" „Ja, Ew. Gnaden!" und 'Samuel's Antlitz leuchtete auf. „Judith mit Namen? Sie schrieb mir heute aus Petersburg. Mache Dich bereit — morgen reisen wir zu ihr — zum Kaiser. Schon längst wollte ich bei diesem für eine andere Angelegenheit Audienz nachsuchen. Run soll es geschehen: auch ich möchte uni meines Sohnes Willen" — Hier brach der General plötzlich ab. Es ivar, als versagte ihm die Stimme. Gr wandte den Kops. Samuel lauschte wie im Traum den abgerissenen Bemerkungen des Gouverneurs. Sein Kind, seine Judith, ihm nachgeeilt, in Petersburg! — Doch das Jnnehalten des Generals, das Fehlen der tieftönendcn Begleitung seiner Träumerei weckte ihn, machten ihn aufmerksam, er fragte: „O, was ist mit dem Grafen, Eurem Sohn, Excellenz?" „Ach, ich bin ei» unglücklicher Vater!" ries der alte Held, und Thränen schimmerten in den lichten Angen des rauhen Mannes. „Iwan, mein geliebter Sohn, vielleicht ist er schon todt!" „Todt!" fuhr Samuel entsetzt auf. „Schwer verwundet ist er!" „Oh!" stöhnte Samuel. Dann aber trat er dem General einen Schritt näher und .sagte mit seiner wohllautenden, von Erregung dnrchbcbten Stimme: „Nimmermehr sind Excellenz ein unglücklicher Vater. Auch wenn man einen solchen Sohn nur kurze Zeit sein eigen genannt, ist man beovrzngt vor tausend Vätern". „Du hast Recht, Jude!" —nickte der weißköpfige^Kricgsmann, den Kopf wendend und die milden Züge Samuels mit raschem Blicke streifend. Ein flüchtiges Lächeln bewegte sogar die laugen Enden seines schneeweißen Schnurrbarts. „Deine Tochter liebt meinen Sohn — tarnt eä ihr nicht verdenken — und — nach den Zeilen meines Sohnes zu urtheilcn hat es ihm das hübsche, kühne Jndenmädchen angetha». Ein Grund mehr, um nach Petersburg za reisen, will mir das Wunder einmal ansehe», kann sich taufen lassen, wie, he?" So suchte sich die alte Excellenz alle Rührung, wegzuscherzen, zugleich nach der Thür eilend und diese öffnend. „Der Gefangene ist abzuführen!" rief er hinaus, fügte aber unmittelbar hinzu: „Ruft mir den alten Janowitsch Rumjanzow." Nach wenige» Mtitutcn, tu denen kein Wort gewechselt wurde, erschien dieser, ein alter im Dienste ergrauter Russe mit dunklen Augen unter buschigen, weißen Braunen und harten, wenn auch nicht unfreundlichen Zügen. Er war der oberste Gefangcnaufseher und führte ivohl ein strenges Regiment. Stramm militärisch pflanzte er sich auf: „Excellenz befehlen?"

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