Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 14-15 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Askultant Griewow sammt Frau unb beibe Töchter. Siabtkafsicr Brcunow sammt Frau unb Familie unb bann unsere täglichen Gäste, ber Hauptmann Zicgelhcinr unb noch mehrere Osficicrc — sorg' nur nicht, cs soll lustig hergchcn!" „Was wäre bas für ein Zirkel!" jubelte Olga „aber Papachen. ba muß gesorgt werben für bie nöthigen Dinge, für Champagner, Caviar, Ausgeschnittenes, einige Spiel Karten, unb weiß ich sonst >vas!" „Ist schon meine Sache!" sagte er, mit knellcrischer Ueberlcgenheit unb eilte rasch bavou. „Mamachen, liebes, gutes Mamachen!" warf sich Olga jetzt um ben Hols ihrer Mutter. „Was willst Du meschugge*) Mäbele!" fragte bicfe, ber bas Herz nicht tvenigcr im iictbe hüpfte. „Meschugge Mäbele" schmollte Olga, sich zärtelnb. „so will ich nicht heißen!" „Wie denn also?" „Meinetwegen — tolles Mäbel — nur nicht jübisch!" „Was willst Du also, tolles Mäbel?" „So sag, nur Mamachen, ist er schön?" „Wie ein Prinz — kein Zug von einem Juben!" „Gut hast Du's gesagt, Mamachen!" jubelte Olga unb bebeckte ihre Mutier mit einer Fluth von Küßen. „Kein Zug von einem Juben! — Weißt Du, was ich für bicse Nacht ausgebacht, Mamachen?" „Nun, was schon wicber, tolles Mäbel?" „Einen Ehristbaum anzuzünbcn!" „Was!" entsetzte sich Ester Jittc, „bas ist ja gojisch!"**) „Gojisch? Du innner mit demselben —" schmollte Olga, „was ist brau? Wir sinb ja in ben Weihnachten! — Du bist ja eine gute, liebe, schöne Mama" fuhr sie schmcichclnb fort u»v Du willst ja, baß er mein Bräutigam werbe — nicht Mamachen?" „Nu, freilich will ich!" „Wenn der Christbatlm mit allen Lichter» brennen wirb, tvirb er seine Freubc barair haben — nicht wahr Mamachen, er hat keinen Zug von einem Juden? Und die Gäste alle, sie solleir es sehen wie es bei uns zugeht und erst er... er.. •" „Aber Kind, Du erdrückst inich ja — nun, ich will Dirs schon zu liebe thun!" „Brav, Mamachen" jauchzte Olga, „da hast Du dafür einen Kuß und zwei dazu, aber, liebe Mama, Du gehst doch schon den Chrislbaum kaufen — es giebt keine Zeit zu verlieren!" „Muß das denn schon jetzt geschehen?" „Ei freilich schon — ba hast Du Hut und Mantille — geh nur rasch, Mamachen!" Sic hals ihr schnell in die Mantille und drängte sie förmlich zur Thüre. „Aber, liebes Kind", drehte sich Ester Jitte nochmals bei der Thüre um, „vielleicht lassen wir das doch bleiben?" „Das ist ja das Wichtigste, Manwchen," betheuerte Olga, „bei ihm zu Hause zündet man ja auch einen Christbaum an — nicht wahr, Mamachen, Du tvillst, daß er mein Bräutigani werde?" „Nun meinetwegen, ich gehe", sagte Mamachen ganz überwunden. indeß ihre Hand maschinenmäßig nach der fehlenden Mesuse tastete, wie ein Amputirter nach dem fehlenden Fuße, den er noch zu fühlen glaubte. Eiligst holte Olga, als die Mutter sich entfernte, verschiedenfarbige Seidenschleifen hervor, bunte Wachslichter, frische Knospen, soeben vom Wintergarten gebracht, und sie machte sich daran die Wachslichtchen mit den Seidenschleifen und Knospen für den Christbaum zu schmücken. *) Verrücktes. **) Unjüdisch. Eine halbe Stunde später langte die Mutter an und hinter ihr ein großer Baum von zwei Dienstboten getragen. In allen Räumen wurde es reger, man frottirte die Fußböden, ordnete Alles für den Abend her, in der Küche gab es viele rührende Hände. Olga und Warna müheten sich mit der Schmückung des Christbaumes ab. Inzwischen langte auch Papa an, das Gesicht von allzu raschem Gange geröthct. „Alle werden sie kvmnien" ruft er triumphirend bei der Thüre schon. „Alle und noch mehr — und hier verschiedene Sachen, die ich für den Abend eingekausl habe, nebst jenen, welche die Ladenkommis bald bringen werden!" Und nun fing er an, ganze Ladungen von seinen Taschen auszupacken, Rosinen, Mandeln, einige Flaschen Champagner, mehrere Schachteln Sardinen, einige Spiel Karten und »och andere Dinge, so daß man vor sich einen zweiten Boskv zu haben glaubte mit tiefen, gar bodenlosen Taschen. Der Jubel darüber, daß alle kommen werden, war groß — und warum sollten sic auch nicht kommen, alle die guten Gäste? Findet matt doch beim Juden immer einen gntbcsetzten Tisch und erst tvcnn es einem von ihnen etwas allzucnge wird, da heißt es: „Hcrschku Freund, eine kleine Anleihe!" und Hcrschku hat für oicfc Herren immer Spendirhosen au. — (Schluß folgt.) Der ewige Ä o h Ein antisemitisches Kapitel. Die Sammlerleidenschaft ist eine vielfältige Passion. Selbstverständlich ist sie verschieden je nach Objekten und Vermögen. Dem Einen erlauben es seine Mittel, sich auf gute Gemälde zu verlcgcir, der Andere muß sichs an Briefmarken genügen lassen. Mein seliger Better sammelte Spazierstöcke und Concert-Programme. Die Muckeit eines andern meiner Freunde sind Mücken und Käfer und Insekten aller Art und ein dritter meiner Bekaniltschaft sammelt — Druckfehler. Nun und ich — ich habe auch meine Leidenschaft: Ich sammle „Kohns". Meine vergleichenden Ramensstudien haben inich darauf gebracht, daß im Wege wundersamer Flexionen, Häutungen, Abbrcviativnen, Mauserungen, Elisionetr mtb Augmentationen selbst Paul d'Abrest aus dem Stamme jener Kohns hervorgegangen, die da leidet,, wenn sie leben. Gleichwie auf dem Orgelpunkte, so fußcit auch auf dem Namen Kohn die weitestschwcifeuden Variationen in französischer, ungarischer, deutscher, englischer, czcchischer, italienischer, hispanischer, portugiesischer, ja selbst in Negermundart. Die Franzosen Conneau, der Leibarzt Napolcon's HI. und Caön, der bekannte Pariser Bankier, sind rechtschaffene Kohns. Die deutschen Kann, Kahn, Kohnberg, Köhnfeld, Kühn, Konrad, Kohen, Kahen — sic sind alle gleich Kohn. Die englischen Conney, Coningsby und Kencdh Kohn. Die czechischen Konek, Konopek, Kouicsek; die wälschcn Conti, Conetti, Caenazzi, Canatulli, Canucci, — tutti quanti Kohn. Die spanischen Conellano, Cona, Concha: sammt und sonders Kohn. lind die ungarischen Kunos, Kunosiy, Kohanyi, Kohari, Kallai sind nicht minder durchweg Kohn. Und ist es nicht ein sonderbares Spiel des Zufalls, daß der einzige Kohn echt magyarischen Ursprunges, Graf Geza Kun, ein gründlicher Kenner und hervorragender Pfleger der hebräischen Sprache ist? Einer der urwüchsigsten und kernigsten deutsch-österreichischen Schriftsteller, Ferditiand Kllrnbcrger, hat sich an „Kohn" der, Tod geholt. Mein Freund Hevesi hat die Geschichte vor einigen Jahren im „Pester Lloyd" erzählt: Eines Herbstnachmittags saß Kürnberger in der Rosner'- schcn Buchhandlung und blätterte in den Prachttverken für den Weihnachtstisch. Da trat ein Artillerie-Offizier mit einer prononcirt orientalischen Nase im Gesichte in den Laden und wählte einige in sein Fach schlagende Werke.