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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 14-15 (1885) · p. Seite 56

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
14-15 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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— 56 — Vorzüge und Zaubcrmittelchei, der Koketterie blenden und irreführe». An Jugendreizen fehlte es in der That der schönen Olga nicht und sie verstand mit diesen noch besser, als ihr Vater mit seinem Gclde zu wuchern. Der kecke Auswurf ihres schwellenden Rosenmundes, das Zurückwerfen ihres schönen Köpfchens, was eine gar reizende Vcrtvirrung unter ihren schwarzen, wogenden Locken dervorbrachte, der schmachtende und zugleich glühende Blick, mit welchem sic Einen ansah, das harmonische, scheinbar absichtslose Wiegen ihres schlanken, formenrcichcn Oberkörpers, die graziöse Haltung beim Clavierspielcn, die ihr unfertiges, nur sehr lückenhaftes Spiel vergessen machte, ihre einschmeichelnde Stimme, ihr schalkhaftes Lächeln — alle diese Vorzüge konnten gar nicht verfehlen, einen jungen Mann, wenigstens für kurze Zeit, zu blenden. Immer häufiger fing er an, das Haus zu besuchen, war der stete Begleiter der schönen Olga, machte in ihrer und in der Gesellschaft ihres Vaters Ausflüge in der Umgegend und oft verrieth er ihr auch seine Neigung durch eiue zarte Aufmerksamkeit, durch eine Blume, die er für sie pflückte, oder sonst einen andernBcweis liebevollen Entgegenkommens. Sic wieder ihrerseits versäumte nicht, die kostbare Zeit gut auszunützen, ihn durch alle ihr zu Gebote stehenden Kunstmittclchcn zu gewinnen, zu fesseln, zu erobern. War einmal das Verhältnis im guten Gange, dann ließ cs auch der Vater Olga's nicht an einem entscheidenden Schritte fehle». Er ließ ihm nämlich durch eine Mittel- Person andeuten, daß er um die Hand seiner Tochter anhalren möge, was gewiß nicht fchlschlagen würde, weil er sowohl die Sympathien der schönen Olga, als auch die ihres Vaters besitze. Alfons Epstein merkte bald, daß diese ihm von jener Mittelperson gemachte Andeutung von dem Vater Olga's beeinflußt sei. Dieses gemährt: ihm sogar eine innere Freude, denn er nahm es mit Olga sehr ernst, jedoch hielt er cs für verfrüht, sich ihr zu erklären, ehe er sic in ihrem Heim, mitten in ihrer Umgebung kennen gelernt hatte. Etwas mußte ihm denn doch an ihr ausgefallen sein, was er sich freilich in seiner augenblicklichen Verblendung selber nicht zugestehen wollte. — Er beschick daher jene Mittelperson mit der Antwort, daß er in dem . nächsten Dezember in Galizien cintrcffen werde, um mit seinen dortigen Kunden neue Geschälte abzuschließen, wodann er dem Herrn Bruckmann seine Aufwartung machen und bei dieser Gelegenheit sein Glück bei seiner Tochter, der schönen Olga, versuchen werde. Inzwischen wolle er die Einwilligung seiner Eltern, für diesen Schritt, einholen, die ihm gewiß gegeben werden würde, weil ja seine Eltern ihm oft wiederholt hätten, daß sic ihm im Bezug ver Wahl einer Lebensgefährtin, vollständig freie Hand lassen. Auch Olga gegenüber unterließ er es nicht, fallen zu lassen, daß er sich unendlich auf seinen Besuch in Galizien freue, der schon im nächsten Dezember stattfinden sollte, weil ihm dadurch das Glück gegönnt sein werde, sie in ihrem Heim zu besuche» und sich — wer weiß — vielleicht gar lange, lange Zeit an ihrem Umgänge zu ergötzen. Unterdessen verstrich die Zeit der Sommersaison und cs nahte der Tag der Abreise heran. In einem und demselben Tage verließ Bruckmann und seine Tochter und auch der junge Epstein den Sommeraufenthalt. Olga, die für Epstein in Liebe erglühte, fiel die Trennung von ihm sehr schwer und auch ihm war dieselbe durchaus nicht leicht — aber wie lange ist es noch bis zum Dezember, kaum Vier- Monate! Liebcglühcnd, liebetrunkcn, kehrte Olga nach Hause zurück. Ihr Ideal, das sich bald erfüllen sollte, füllte den ganzen Kreis ihres Daseins aus, war Gegenstand ihres Denkens und Träumcns, ja sie war so sehr in dem Gedanken an ihn beglückt, daß sie Befriedigung darin suchte, bald den Tag nach ihrer Ankunft, Anstalten für seinen Empfang zu treffen. Sie schaffte neue, prachtvolle Möbelstücke an, schmückte die Wände mit theuern Bildern und Spiegeln und wendete alles nur Mögliche an, ihre Umgebung zu verschönern. Unterdessen vergaß sie auch nicht an der Erziehung ihrer Eltern, jetzt weniger als je, weil es ihr darum ging, daß diese sich dann keine Blöße geben. Die Mama brachte es durch Fleiß und Aufmerksamkeit so weit, daß sic das „Töchterchen", richtig und geläufig aussprach, war cs ja auch ihr darum zu thun, in den Augen des Bräutigams ihrer Olga, als eine echte Madame Jeanette zu erscheinen. Die letzten Spure» von „Jüdischkeit" wurden mit großem Eifer aus dem Hause fvrtgcschafft. Mama that dagegen nicht den mindesten Einspruch. Nur von den Messus, die auf Anordnung Olgas, ebenfalls entfernt werden sollten, konnte sich die Arme nur mit bangem Herzen trennen, weil sic durch das Verschwinden dieser Amulette aus dem Hause allen bösen Geistern Thür und Thor geöffnet sah — allein was konnte ihr alles Sträuben helfen? Olga hielt fest an ihrem Wahlspruch: „Nur nicht jüdisch!" Inzwischen schob sich Monat nach Monat fort. Der Winter kam ins Land, mit ihm der November, der Dezember, die Weihnachtsfreuden und mitten unter ihnen, die für Olga allergrößte Freude — Alphons Epstein. Alphons Epstein versäumte nicht, wie sich gebührt, am Tage seiner Ankunft, der Familie Bruckmann, den Vormiltagsbesuch abzustatten. Wie pochte das Herz der schönen Olga, liebeglühend, bei seinem Anblicke. Er ist doch ein wahrer Goldmensch, dieser Epstein! Welche Anmuth in Miene und Bewegung, welcher weltmännische Schick, wie zierlich seine Verbeugung, wie wußte er Mama so fein daS schwielige Hündchen zu küsse», daß diese dasselbe stundenlang in der Tasche versteckt hielt, damit der würzige Hauch des Kußes von demselben nicht auswitterc. Wie verstand er cs so manierlich vor einer Dame zu sitzen, wie sic zu unterhalten und >vie wußte er die genau vvrgeschriebene Zeit einer Staatsvisite einzuhalten, nicht eine Sekunde mehr oder weniger, alles wie abgezirkelt — er ist ein Prachtmensch, jeder Zoll ein Christ! Natürlich war cs, daß er von Papa und Mama für den Abend eingeladen wurdej was schöne Olga durch einen schmachtenden Blick ihrerseits unterstützte. Nach seinem Weggehen war es ihr als bestünde der ganze Fußboden aus 'lauter Sprungfedern, so sehr^schien dieser unter ihren Füßen sich zu heben und sic auf jeden schritt lustig emporzuschnellen. „Unmöglich Papachcn, ich sage Dir unmöglich!" jauchzte sie und Papachcn mußte sich ihren Armen überlassen, die sic freudig um ihn schlang. „Aber was unmöglich, närrisches Kind?" „Unmöglich!" fuhr sie jauchzend fort, „nicht wahr Papachcn, es ist unmöglich, daß Epstein ein Jude ist — dieser Gang, diese Haltung, diese Zierlichkeit, dieses Schmucke in seinem Wesen — nicht wahr Papchen, unmöglich?" „Dann wäre es auch nicht möglich, daß Du eine Jüdin bist!" schmeichelte ihr Papachcn. „Ich eine Jüdin!" lachte sie laut, „köstlicher Gedanke, ich eine Jüdin! Wenn alle so wären, wie ich eine bin! Na — aber sprechen wir von etwas Gescheiterem — wird er bei Nacht kommen?" „Kind, Du hast's ja gleich mir gehört, freilich wird er kommen!" „Dann Papachcn muß ja etwas geschehen!" „Was?" „Daß wir bei Nacht glänzende Gesellschaft haben, damit er sehe, mit wem wir hier verkehren — nicht Papachcn?" „Das hast Du recht, ich will sofort dafür sorgen", sagte Papachcn, in welchem bei ähnlichen Dingen sich immer der alte Kellner regte. „Ich gehe schon", fuhr er fort, sich zum Gehen anschickend. „Aber Papachcn", rief sie ihm nach „bitte nur keinen Juden — lauter christliche Gesellschaft!"? P°pache>i, i loben? 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