Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 14-15 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r I — 55 „Nichts Böses, aber Schlaues," versetzte der Jüngling mit wichtiger Miene. ,Höre! Ich werde der Fürstin vorstellen, daß Dein Hiersein, trotz aller Bewachung, gefährlich, daß Du Dich von hier aus leichter mit Deinen, Freunde, jenem andere» Offizier, in Verbindung setzen, ja vielleicht gar zu ihm flüchten und ihn um seinen Schutz, seine Vermittelung angeheu könntest. Weiter werde ich ihr sagen, daß Du viele Freunde, ja den größten Theil der Einwohnerschaft Odesfa's auf Deiner Seite hast, und daß Du allenthalben beste Unterstützung für Deine Pläne finden würdest" — „O Schamyl", unterbrach ihn hier Judith, „und darfft Du denn so mit der Fürstin sprechen?" „Ich!? O gewiß!" warf sich dieser in die Brust. „Ich besitze ihr Vertrauen, ich bin mehr als ein bloßer Diener weiß um Alles, doch höre weiter. Die Beamten die Dich selbstverständlich dorthin begleiten werden, — einer genügt schon, der ich aber, als zu jung dazu, und um keinen Verdacht zu ererregen, nicht sein darf, — kaufen wir uns, denn Rußland ist das Land der Bestechlichkeit, besonders in seinem Beamtenthum und Fürst Murawieff ist seit einiger Zeit verdammt knauserig geworden" — „Mit Freuden opf're ich Alles, was ich besitze, Schmuck und Kostbarkeiten!" rief Judith lebhaft dazwischen. „Nun siehst Du, so sind wir einig. Kurz vor Kiew hat Dich Dein Begleiter zu verlassen, jede weitere Maßregel zu unterlassen, im Gegentheil Deine Wege zu ebnen. Nur Eines mache mir zur Bedingung" —> „Alles, was Du willst, Schamyl!" fiel Judith ein. „Dein Weggang von Kiew muß einem Verschwinden, einer Flucht gleichen". „Sicher, Schamyl. O, ich verstehe!" nickte Judith. „Doch willst Du mir nun den Namen Deines Freundes nennen?“ „Besser nicht, guter Schamyl, um Deinetwillen, damit Dir eventuell eine Lüge erspart bleibt," versetzte Judith mit erglühendem Angesicht. „Nun, wie Du willst. Also abgemacht und mache Dich reisefertig und sorge Dich nicht, Schamyl hat noch immer Wort gehalten: alles Andere ist Deine Sache. Lebe wohl und viel Glück zu dem Schweren, das Du beginnst". „O wie soll ich Dir nur danken!" rief Judith mit überströmendem Herzen. „Ah bah, wenig genug ist's, was ich für Dich thun kann und Ihat, und eigene Interessen spielen dabei, Mädchen, ich mache mich schon selbst bezahlt," lachte Schamyl, drückte Judith's dargereichte kleine Hand, und war im nächsten Augenblick ihren Blicken entschlüpft. Dafür schaute Mutter Rebecca's ängstlich-neugieriges Gesicht herein. Mit Ungeduld hatte sie der langen Unterredung gelauscht, ohne jedoch klug geworden zu sein. „Gott, Gerechter, Kind, was brachte Dir der braune Steppensohn, was wollte, was suchte er?" fragte sie, die fetten Hände zusammenschlagend. Judith wehrte sanft mit der Hand. „Später, Mutter, später, bitte Mutter lass mich jetzt, ich muß mich erst fassen und sammeln". „O Gott, o Gott, neues Unglück also!?" jammerte Rebecca. „Rein, nein, Mutter, Gutes, doch bitte!" Und Judith barg ihr Gesicht in den Händen, zum Zeichen, daß sie jetzt nicht reden könne, Mutter Rebecca aber schlich sich kopfschüttelnd hinaus indem sie murmelte: „Sonderbares Kind, ganz sein Ebenbild, so klug und so verschwiegen!" Kaum hatte sich die Thür hinter ihr geschlossen, so zog Judith den Brief des Grafen hervor, und bedeckte ihn mit leidenschaftlichen Küssen. Ihre Augen hafteten leuchtend auf der Ueberschrist: „Theures Mädchen", und durchflogen dann die nachstehenden Zeilen wieder und immer wieder, bis heiße Thränen sic verdunkelten, die schönen Sterne, und die herabrollenden Thränen die theuren Schriftzüge zu beschädigen, zu verwischen drohten. Kindesliebe und die Liebe zu dem edlen Christen, der ihr reines, volles Herz gewonnen, kämpften einen schiveren Kampf miteinander. Doch erstere siegte, mußte siegen, war doch der letzteren Hoffnungslosigkeit in ein erhöhteres Stadium getreten. „Wenn ich glücklich wiederkchre, ist er vielleicht längst tvdt und begraben," flüsterte Judith in sich hinein mit bebenden Lippen und bei dem bloßen Gedanken erbleichenden Wangen. „Danken muß ich ihm^mit einigen Zeilen", sann sie weiter, „Schamyl — ach, nein, nein, — erst von Kiew ans kann ich es unbesorgt thun". Nun aber kniete sie nieder, faltete die Hände und sandte inbrünstige Gebete zu dem^Gott ihrer Väter, rief ihn an mit dem geheimen Name» (schemhomphorasch, der Wunderkräftige), damit er Wunder geschehen lasse, i h» rette und erhalte, der sie gerettet, und daß sie ihn nur einmal noch Wiedersehen könne, nur noch ein einziges Mal. Gefaßter erhob sie sich und suchte Mutter Rebecca auf. Sie gab ihr nur die allernöthigsten Aufklärungen und machte sie mit ihreni unwiderruflichen Entschluß bekannt. Rebecca staunte, jammerte, frohlockte, alles durcheinander, widerstrebte aber natürlich nicht, und leistete der entschlossenen Tochter hilfreiche Hand in allen Dingen und Vorbereitungen, deren diese benöthigte. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouetten aus Galizien. Von Nathan Scnnuely. XVIII. „Nur nicht jüdisch!" lFortsetzung.) Allein im Verlaufe der Zeit fand sich endlich doch einer, der das Räthsel der Sphinx zu lösen wußte. Eines Jahres nämlich befand sie sich mit ihrem Vater in einem deutschen Curorte zur Sommerfrische. Da gewahrte sie unter den Gästen das leibhaftige Bild ihres Ideals einen blondgelockten Jüngling, schlank wie eine Palme mit tiefblauen Schäferaugen, dem nllerniedlichsten Schnurrbärtchen, das je die Oberlippe eines Mannes geziert und ach, welche Tournüre, welcher rhytmische Gang, welch' eine anmuthige Verbeugung, wie ausgesucht und geschmackvoll gekleidet, frisch, leicht, ivllrzig, förmlich wie aus dem Ei geschält — kein Zug in ihm verrieth den Juden! Und dennoch war er ein Jude — der Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Deutschland. Der Vater glaubte kaum seinen Ohren, als ihm seine Tochter die Turandot eines Tages eröffncte, daß dieser junge Mann vollkommen ihrem Ideale entspreche. Eine leise Andeutung von ihr galt ihm als Gebot. Er suchte bald die Bekanntschaft des jungen Mannes zu machen, ihn dann seiner Tochter vorzustellen und zugleich ihn in aller Höflichkeit zu sich ins Hotel zu laden. War einmal der Vogel ins Garn gelockt, war es nunmehr Sache der Tochter ihn mit den Strahlen ihrer schönen Augen und mit den seinen Fäden der Koketterie zu umspinne», was ihr auch vortrefflich glückte. Es war aber auch kein schlechter Vogel, den sie eingefangen hatte. Alfons Epstein — das war der Name des jungen Mannes — war der einzige Sohn eines reichen, jüdischen Fabrikanten in Berlin. Alle Sorgfalt, die nur reiche Mittel und gute Talente möglich machen, wurde auf seine Erziehung verwendet. Mit einem auffallend schönen Acußern verband er die manierlichsten Umgangsformen, eine reiche intensive Bildung, natürliche Begabung, viel Herz und Gemüth und war nebenbei die ganze Seele des großen Geschäftshauses seines Vaters. Wie einen solchen jungen Mann, ausgerüstet mit allen jenen glänzenden Eigenschaftcu, ein Mädchen wie Olga fesseln konnte? Das ist allerdings eine nicht unbegründete Frage; allein die Jugend läßt sich leicht durch körperliche