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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 14-15 (1885) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
14-15 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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54 — „Nein, nein, stürze Dich nicht in neue Gefahren, mein Kind, ich bitte Dich!" „Sorge nicht, Mutter, ich werde auch aus diesen unversehrt hervorgehen, wie bisher, Vater lehrte mich beten, warten und vertraue», dem Allmächtigen empfehle ich mich, dem starken Gott unserer Väter, er wird Erbarmen mit uns haben, und mich nicht verlassen". Verklärten Angesichts faltete sie die Hände zum stillen Gebet. Da küßte Rebecca ihr muthiges Kind und sagte feierlich: „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, der Mutter Segen dazu, muß Dir Schlösser und Paläste bauen, Judith: möge Jehova sich seiner Gerechten erbarmen." Judith aber lächelte und fühlte sich stark und hoffnungsreich in ihrem Vertrauen. Und sie sollte sich nicht in diesem getäuscht habe», denn wunderbar sind die Wege der Vorsehung! — Wenige Tage nach diesem Gespräch, — Judith saß grübelnd und sinnend, wie nun zumeist, am Fenster und schaute hinüber, hinunter nach dem Hafen und seinem bunten Treiben — trat plötzlich ein fürstlicher Diener in das Wohngemach. Hastig schreckte Judith zusammen, doch als sie Schamyl, den jungen Tscherkessen. erkannte, lächelte sic ihm entgegen, und ein Hoffnungsstrahl blitzte in ihren ernsten Augen auf. Zu ihm, dessen Mitleid sie empfunden, hatte sie einiges Vertrauen gefaßt. Als er sie damals im Borgemach bewachen mußte, hatte er theilnahmsvoll mit ihr gesprochen, und sie hatte ihm von einem Freunde erzählt, einem Offizier, der dem Belagerungscorps vor Silistria angchörc, und auf dessen Beistand sei für ihren Vater und sich hoffe. „Ich denke der Offizier klagt Euch so übel an?" fragte sic damals Schamyl überrascht. „O, nicht er, nicht er!" hastete Judith hervor, „das ist" — „Michael Grcgorowitsch, wie?" fragte Schamyl. Judith nickte. Schamyl überlegte. „Und warum, wenn Ihr doch unschuldig zu sein vorgebl?" forschte Schamyl weiter. Judith zögerte. „Ich weiß es nicht", sagte sie dann crröthend. Schamyl sann nach. „Aber ich!" frohlockte er. „Und der Andere, wie heißt er?" „Kann ich Dir trauen?" gcgensragte Judith. „Wie einem Todten!" betheuerte Schamyl. „Graf Urugiewo", hauchte Judith ihm in's Ohr. „Ah!" machte Schamyl. „Du willst an ihn schreiben?" fügte er hinzu. „Ich möchte," nickte Judith kleinlaut. „Habe nur Geduld und Alles wird sich machen lassen", tröstete sie damals Schamyl. Doch da kamen die herbcigerufenen Beamten, die Judith in's Gefüngniß abzuführen hatten. Die kurze Zeit der Gefangenschaft hatte den Schreibeplan nicht zur Ruhe gebracht. Um so freudiger begrüßte Judith jetzt Schamyls Erscheinen. Doch was war das? Er hielt einen Brief in der Hand. Ein Zittern tiefster Erregtheit überfiel Judith, die Stimme versagte ihr. Schamyl bemerkte Alles. „Ruhig, Mädchen!" begütigte er. „Du hast einen Brief, Schamyl, rede!" beschwor ihn Judith. „Ja", bestätigte Schamyl. „Vom Kriegsschauplatz?" „Ja", fuhr Schamyl lächelnd fort. „O gicb!" flehte Judith mit heißem Erröthen. Schamyl zögerte. Er war nicht ganz frei von Besorgniß. Durch seine Hand gingen alle Briefe, ehe sie in des fürstlichen Paares Hände gelangten. Als treuer Diener unterwarf er sic natürlich alle einer äußern Durchsicht und Adressenprüfung. Fürst Murawieff hatte eine Anordnung getroffen, nach welcher alle etwaigen einlaufendcn, an Judith Nasaroff gerichteten, Briefe ihm persönlich unterzubreiten seien. Man hielt ja Judith doch im Stillen für keine Lügnerin und fürchtete, daß sic noch in irgend welcher Verbindung mit dem Grafen Urugiewo stehen, oder Mittel und Wege eine solche zu bewerkstelligen finden könnte. Schamyl wußte um dies Alles und mehr. Aber Schamyl hatte ein Herz für Verfolgte und Unterdrückte, und Schamyl, der Tscherkessen - Fürstensohn, war eifersüchtig aus Michael Grcgorowitsch, wie Fürst Murawieff selbst, den» er hatte der Fürstin Geneigtheit für den jungen Offizier und ihre Eingenommenheit wohl bemerkt. Ja, er haßte sogar den kecken Russen, der ihn jedesmal bei seinen Besuche» mit soviel Geringschätzung zu behandeln gewagt, ihn mißachtete und dies vor der Fürstin Augen und Ohren. Diese beide Regungen bestimmten sein Handeln mehr als Einsicht und Klugheit und als daher am Morgen dieses Tages sein Auge unter den eingelaufencn Briefschaften ein an Judith Nasaroff in Odessa adressirtes Schreiben bemerkte, steckte er es mit der Absicht, es ihr einzuhündigen, sogleich zu sich. Doch jetzt so nahe der That kamen ihm plötzlich sehr naheliegende Bedenken. Wie, wenn er der Fürstin, seiner Gebieterin, und sich dadurch schadete? Ah bah, Judith wollte ja nur ihren Vater befreien, ihn würde sie ja nicht verrathen, sie war zuverläßig. Und wer weiß, vielleicht, wenn die Fürstin in Noch .... Schamyl war jung, verliebt, stolz, hoffnungsvoll, die kühnsten Pläne schreckten ihn nicht, die Verwirklichung der rosigsten Träuine eychien ihm nicht unmöglich, und der Haß that das Weitere. Er streckte seine Hand aus und — jubelnd drückte Judith ihre kirschrothen Lippen auf den knitterigen Umschlag. „Tausend Dank, Schamyl!" rief sie aus und ihre bebenden Hände öffneten das Schreiben. „Er ist von Deinem Freunde?" fragte Schamyl. „Ja!" stieß Judith lesend hervor und die Hand auf ihr stürmisch-pochendes Herz drückend. Nun wartete Schamyl ruhig bis sie zu Ende gelesen, Judith's Augen hatten sich mit Thränen gefüllt, nur mühsam unterdrückte sie ein Schluchzen. „Was ist, was giebt es?" fragte Schamyl erstaunt. „O, er!" schluchzte jetzt Judith. „Run?" „Liegt verwundet." „Schwer, gefährlich?" „Es scheint, denn wie ein Abschied klingen diese Zeilen, ei» Abschied für immer!" hauchte Judith. „Schriebst Du ihm?" „O, wie konnte ich, bewacht von allen Seiten!" „So gedachte er Dein von selbst auf seinem Schmerzenslager?" forschte Schamyl interessirt. „Ja, o ja! Er kennt den rachsüchtige», tückischen Charakter des Michael Gregorvwitsch, und fürchtet für mich und für den Vater, der Edle!" So stotterte Judith unter Schluchzen hervor. „Und was räth er Dir zu thun?" fragte Schamyl theilnahmsvoll, doch mit praktischem Verständniß. „Mich an seinen Vater zu wenden, mit Berufung auf dies Schreiben, denn ihm selbst Ausführliches zu berichten, dazu sei er nun nicht im Stande." „O Schamyl", fügte das weinende Mädchen flehend hinzu, „hilf mir, stehe mir bei, wie bisher, ich bitte Dich, denn ich muß fort von hier, weit fort!" „Und wohin willst Du?" fragte Schamyl bestürzt. „Zu seinem Vater", versetzte Judith gesenkten Blickes. „Nach Petersburg?" „Nein, nein!" In ihrer Erregtheit warf sich Judith vor dem Jüngling auf die Knie. „Hilf mir, ich beschwöre Dich!" bat sie herzerweichend. Und Schamyl ward erweicht. Er sann nach. „Hast Du vielleicht Verwandte in Kiew?" fragte er. „Ja, o ja!" bestätigte Judith verwundert. „Sehr gut!" lächelte Schamyl geheimnißvoll. „Was sinnst Du, sprich!" drängte Judith.

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