Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 14-15 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585134--0327-9585135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M14-15 1885. Jüdisches *- Mr Ihitrrtfnltuiig «.Kklehrung für die israelitische Jugend. 3&~ Inhalt: „Um S)(ittonmrt)t". »du vr. I. Goldschmidl-Weilbuij,. - Judith oder da« Perlenhalsband. Erzählung. lForlsetzmig). —. Indische Silhoucticn nuS Galizien. Von Nathan S a m u e l l). XVOT. „Rur nicht jüditch!" — Der cwM Kohn. J i fiir de» Aamilientisch: Emiiio MorpurgD. - Kleine jüdische Ctzaracterzüge. 20. „Richtige" und „sal>che «ch torlin >t.ngen). Gedichte. Pharaoh's GebilrtSlag. — Der Mutter Ahnung. — Nachab. — Eine alte iui'be. Rathicl-.tujgaocu. „Um Mitternacht". (3n Pesiach). nb'^n 'XTiz 'm 02. s. M. 12,211). Die Sonne hat de» ragcslauf voUcndct, Nur glüht am Himmel »och ei» Purpursee; Auch der verbleicht, und schwache» Strahl »ur sendet Der Sterne Schaar hernieder aus der Höh'. Gin Sturm, der sich erhob mit wildem Grollen, Hat' eine Wolkenhüll' herbcigebracht; Die Grdc gleichet einem finstern Stollen „Um Mitternacht". Blitzt nimmermehr mit frcnudlichci» Gesichte Gin Morgen auf in holder Fröhlichkeit? — Za wohl, cs leget ab im neuen Lichte Die Erde bald ihr dllst'rcs Draucrkleid. Da sic am fernste» war vom Sonncnblicke, Ward wieder von der Sonne sie bedacht; Aus fernster .sone kam die So»»' zurücke „Um Mitternacht".- Vcrzweiflungsvoll in schweren Sklavenkette» Seufzt' Israel in der Ggnpter Land; Nicht regte eine Hand sich, «s zu retten, Scho» jeder Hoffnungsstrahl dem Volk entschwand, jtzür ewig schien'« der Sklaverei gewcihct .... Zn höchster Noth erschien die Gottesmacht Und hat es ans dem Sklavcnjoch befreiet — „Um Mitternacht". Und wolltest jemals Du, mein Herz, verzagen, Weil Deinen Horizont die Nacht umfließt? O sei gewiß: es wird ein Morgen tagen " Der glückverheißend Dich auf's neue griisit! Verdunkeln Dir sich jedes Glückes Sterne, D zweifle nicht, daß Gottes Auge wacht- Stets kommt zurück die Sou»' aus weitster stzerne „Um Mitternacht". Lr. I. Goldschmidl-Weilburg. Judith, oder das Perlenhalsband. Erzählung aus dem russisch-jüdischen Lebe». Von Emilia P.r. (Fortsetzung.) VI. Per Arief. Selbstverständlich konnte die Gesnngennahme der schöne Judith, sowie die ihres so weit- und hochgeschätzten Vater- oder richtiger gesagt dessen geheiinnißumwebtes Verschwinden nicht unbemerkt bleiben. Sie rief sogar eine ganz außer ordentliche Aufregung in fast ganz Odessa hervor, doch gelang es weder der unglücklichen Familie, noch deren ausgebreitete Bekanntschaft, noch anderen, höher gestellten Persönlichkeitei Näheres in Erfahrung zu bringen. Barsch und kurz wurd man zurllckgewiesen mit der einfachen Bemerkung: „Was au höheren Befehl geschehen, entziehe sich jeder Rechenschafts gebung" — und dies sagte zugleich genug, uin die erregter lemüther zum Schweigen und zum Abstehen von weiterer 'S hritten zu bringen. Man schüttelte die Köpfe, man staunt; und fand es fast unmöglich, Samuel in Verbindung mit einer so niedrigen Handlungsweise zu glauben, aber man konnte de» Gerechtigkeitssinn des Czaren NicolauS nicht anzweifeln und mußte sich begeben. Anders stand es mit Judith. Bezüglich dieser zeigte man sich nachgiebiger, gab man zu verstehen, daß ihr gegen eine ziemlich hohe Caution die Freiheit wieder gegeben werden würde, wenn man sich auch freilich eventuell die Ueberwachung ihres Thun und Handelns vvrbehielte. Die kluge, geldgierige Fürstin hatte richtig spekulirt. Die Judenschaft Odessas veranstaltete sogleich eine Sammlung. Doch auch wohlgesinnte Christen steuerten bei, in kurzer Zeit war eine hohe Summe beisammen und floß in die nimmersatte Schatulle des fürstlichen Hausstaates. Im Triumph wurde Judith nach Hause geleitet. Jeder wollte das schöne Judcnmädchen sehen, und Jeder, der es sah, war überrascht ob der lieblichen Erscheinung, gerührt ob des kummervollen Ausdruckes, der diese jugendlichen Züge verdüsterte. Die wenigen Tage der Gefangenschaft hatten die zarten Rosen auf ihren Wangen gebleicht, dunkle Ringe umgaben die große», nur matt-leuchtenden Augen. Endlich lag sic in den Armen der schwergeprüften Mutter. Rebecca schien um zehn Jahr älter geworden, das plötzliche, große Leid hatte sie hart mitgenommen. Stumni preßte die sonst so Redselige die Tochter an ihr Herz, drückte sic alle» Freunden die Hände, stumm und thränenden Auges. Nur ein flüchtiges Lächeln erhellte momentan die bleichen Züge Judith's, als sie Mutter und Geschwister und das traute Heim wieder begrüßte, aber balv fielen ihre Augen auf jenen, jetzt leeren Platz, auf dem Samuel stets zu sitzen gepflegt, von dem aus sein mildes Auge, sein lächelnder Mund sic immer getroffen und gegrüßt und mit dem lauten Aufschrei: „O mein Vater, mein Vater!" brach sic in ein krampfhaftes Schluchzen aus, und ein Strom von Thränen ergoß sich aus ihren Augen und badete ihr Antlitz in einer Schmerzensfluth. Judith weinte selten, jetzt aber an dem Sessel ihres Vaters hinsinkend, und das Angesicht in ihren Händen bergend, weinte sie herzbrechend. Leise entfernte sich die herbeigekommene Freundschaft und Nachbarschaft, denn einen wirklichen Trost hatte ja Niemand für das arme Mädchen und dessen Familie. Aber Judith war auch eine elastische und bei all' ihrer Sanftmuth und Zartheit thatkräftige Natur, und als .sie sich daher wieder mit Mutter Rebecca allein sah, die still vor sich hin weinte, da sprang sie auf, trat zu dieser hin und sagte mit leiser Stimme, aber mit dem Ausdruck der Entschlossenheit: „Mutter, ich werde den Vater rette», werde ihn suchen, finden und befreien, glaube mir". „Unmöglich, Kind!" und Rebecca schüttelte jammernd das gebeugte Haupt. „Deine Schritte werden bewacht, keinen Augenblick läßt man Dich aus den Augen." „Nur am Tage nicht, Mutter," tröstete Judith, „die Nacht aber ist der Unglücklichen Freundin, und ich habe auch noch Freunde und Jehovah wird meinen Bitten Gehör schenken und mich beschützen".