Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 13 (1885) · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
13 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585129--0324-9585132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r / — 51 — langjährige Gewohnheit tag ihr wie ein Krampf in Händen und Fiitze». Wenn gar die „heiligen Tage" herannahten, dann brach die alte Ester Sitte in ihr mit solcher Wuth aus, daß sie gar nicht mehr zu bündigen war. Wie besessen lies sie Mitternacht zu „Seliches"*), dann zu den Gräbern, auf welche sie Knoblauch warf, alleill besorgte sie sich das Wachslicht für den Versöhnungstag, murmelte darüber stundenlange Jargongebete, machte drin drei Knoten, einen für das Heil ihrer Tochter, einen für ihr eigenes und ei»en für das ihres Mannes. Sic weinte, betete und fastete. Mit wenige» Worten gesagt, die alte Ester Jitte raste in ihr wie ein böser Geist und gab ihr keine Ruhe. — Ach, mit Maina hatte die Tochter ein wahres Kreuz! Aber mit der Tochter hatte die Mama eben auch ihr Kreuz, an dem auch Papa schlver zu tragen hatte. Es konnte ihnen nämlich nicht gelingen, für sic den passendenBräutlgam herauszufinden. Nicht ettoa weil es an Freiern für sie fehlte, solche drängten sich vielmehr schaarenweise an sie heran, und — warum auch nicht? Hatte sie doch ein allerschönstes Lärvchen, parlirte französisch, wie die Mutter betheuertc „wie Wasser", und spielte Klavier, daß man, ebenfalls nach der Bethenerung der Mutter, „ans der Haut fahre» könnte" und dazu, was das allcrwichtigste ist, gaben ihr die Eltern ei» Heirathsgnt von nicht weniger als vierzigtausend Gulden. — Und sollte es einem solchen Ausbund aller weiblichen Tugenden an Begchrer» fehlen? Das gewiß nicht. Aber das belesene Töchterchen, das sei» Ideal fertig hatte, spielte sich als eine wahre Turandot heraus, so daß gar viele bekörbte Freier ihre Köpfe an sie verloren. Da stellte sich heute ein junger Freier ein, ein gewisser Arnold Siegfried, der zum ersten Male ans dem Werber- Platze eijchien. Die übliche Visite >var vorüber. Hoffnungsvoll und zugleich zaghaft trat die Mutter vor. „Nu Tochterleben?" „Tochterleben!" fuhr jene zornig ans. Die Mutter verstand den verweisenden Ton. „Wie den» soll ich sagen?" forschte sie kleinlaut. „Tochterleben . . ." lachte Olga höhnisch „Pfui, wie jüdisch!" „Wie denn meinst Du?" „Töchterchen — das sieht jedenfalls etwas menschlicher ans!" „Meinetwegen Tochter . . . chen" stolperte die Arme, aber das „chen" hinkte nach, >vie einem Hunde ein verrenkter Fuß. „Tochter . . . chen", lachte die Erzieherin nachäffend „für Dich wäre wahrhaftig so ein Eidam ganz am Platze." „Was ist er denn Tochterl . . ." „Tochter! eben, schon wieder!" unterbrach sie Olga heftig. Der armen Ester Jitte blieb daS „Leben" wie ein würgender Knochen mitten im Halse stecken. „Was ist er denn Tochter . . . chen" gurgelte die Arme endlich hervor. „Ein _ Jud' ist er!" grollte die Vielumworbene „hast Du nicht seine Nase gesehen, die ihm gerade wie eine Sabbathkugel mitten auf dem Gesichte liegt?" Gegen ein solches Argument war doch gewiß nichts einzuwenden — die Mutter wagte kein Wort mehr. Ein andcrcsmal defilirtc ein gewisser Moritz Grünspun, der Besitzer eines höchst unjüdischen Geruchorganes. Die Zeit der Visite war vorüber. „Was meinst Du zu ihm Tochter—chen?" forschte die Mutter zaghaften Herzens. „Grünspun!" platzte sie in lautes Lachen aus „Frau Grünspun — klingt gar nicht jüdisch — Euch wäre es freilich recht, daß Eure Tochter „Frau Grünspun" heiße!" **; Busjgcbete. Vater und Mutter fielen die Schuppen von den Augen, — Frau Grünspun, das ist ja auch wirklich ein nnausstehlicher Namen! — Wieder ein anderes mal stellte sich ein gennge? Arthur Scherschewski auf den Pranger. Arthur Scherschewski — nichts könnte es Unjlldischeres geben! — Voll Hoffnung drängten sich Vater und Mutter neugierig heran ... „Na, das ist aber ein ungezogener Bengel!"^ brach unsere Tnrandot in edler Entrüstung aus, „der muß direkt' aus einer Wüste Herkommen!" '. „Wie meinst Du das, Töchter—chen?" " „Nicht einmal das Alphabet des guten Tones zu kennen" eiferte unsere Turandot „weiß doch heutzutage ein Schneidergeselle, daß man beim Kommen und Weggehen der Hausfrau die Hand küssen muß — so ein ungezogener Bengel!" Die Hausfrau schmunzelte wohlgefällig. Aufgeblasen wie ein Truthahn ließ sie sich, eine echte Madame Jeanette, in ein Fauteuil nieder und streichelte das fette, verschmähte Händchen an dem glatten Fell ihres Pinschers, den sie pflichtgetreu zu sich ans den Schaoß nahm. „Leben soll sie unser Tochterleben!" sagte sie später zu ihrem Manne, als Olga nicht zu Hause war — denn nur so durfte sie sich gönnen, sich einmal recht vom Herzen in dem bequemen Ester-Jitlc-Tone Luft zu machen. „Wie sie alles so scharf sieht, unser Tochterleben. Ich sage Dir/, Herschkn, unser Einer hat verkleisterte Augen. Hat sie denn nicht recht? Nicht einmal die Hrnd hat er mir geküßt — wie sagt sie nur unser Tochterlebe» — dieser aufgezogene Krengel!" „Ungezogener Bengel" besserte Herr Heinrich Bruckmann ihr mit lautem Lachen aus, dcr als Kellner wohl oft schon diesen Namen auf sich beziehen hörte. Solche Gespräche hatten Papa und Mama wohl oft Gelegenheit mit einander zu führen, denn jene Freier waren lange nicht die einzlgen, die über die Klinge springen mutzten, es gab ja deren ganze Dutzende. Der eine hatte einen häßlichen Gang, der zweite war ungeschickt im Kratzfuße, der dritte beging die Taktlosigkeit, bei der ersten Visite den Handschuh abzustreifen, während er nach dem Codex Etiquette nur den Daumenfinger von demselben befreien durfte — der Vierte überließ (contra Knigge) beim Hinaufsteigen der Treppe der Dame den Voriritt und ein Fünfter wieder setzte sich bequeni im Fauteuil zurecht, während er nur kaum ein viertel desselben einnehmen durfte, und so recht ritterlich vor der Dame in der Luft zu ballanciren hatte, — Kurz, alle Freier fiele» als Opfer ihres, lvie unsere Turandot sich ausdrückte, jüdischen Benehmens. (Fortsetzung folgt.. Allerlei für d-en Familientisch. Eine Episode ans dem Leben einer Ketauften. Die in vor. Nr. Ihres interessanten Blattes mitgetheilte Episode aus Pest: „Ich bin katholisch" hat in einer mir bekannten Begebenheit ihr Seitenstück. In Berlin lebte Musikdirektor W. mit seiner Familie. In seinem gutrenommirten Musikinstitut waren viele jüdische Kinder und seine Frau stammte väterlicher Seite von Juden her. Der Mutter fiel cs aus, daß der 11jährige Bruno zweimal wöchentlich um 11 Uhr aus der Schule kam. „Wie kommt es? fragte sie, daß Du in diesem Quartal zwei Stunden weniger hast?" „Ich kann doch nicht die christliche Religionsstunde mitnehmen!" „Warum denn nicht?" „Weil wir Juden sind!" „Aber was fällt Dir ein, wir sind ja Protestanten, >ver hat Dir gesagt, ivir seien Juden?" „Nicinand, aber es kommen doch so viele Onkels und Tanten zu uns, die jüdisch sind, und Papa hat so viele jüdische Schüler!" Frau W. klärte ihren Knaben auf — und schrieb dem Gymnastaldirektvr, daß Bruno sich geirrt habe und fortan die christliche Religionsstunde mitnehmen solle.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.