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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 13 (1885) · p. Seite 50

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
13 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Die Fürstin triumphirtc, der Fürst zögerte. „Geduld, Mädchen, Geduld, vielleicht erweist sich Deine Unschuld noch," tröstete er wider Willen. „C, so bringt mich wenigstens zu mcineni Vater!" bat ihn Judith mit erhobenen Hände». „Das geht nicht, Kind, geht wahrhaftig nicht," murmelte Mnrawieff und schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber wo ist er, wo, o sagt es mir?!" preßte das geängstigte Mädchen hervor. „Schelle, Alexci!" herrschte die Fürstin ikren weich gewordene» Gemahl an, um jedes tveiterc Fragen und Antworten damit abznfchnciden. Mnrawiesf schaute seiner Gemahlin in das entschlossene Angesicht und wagte keinen weiteren Widerspruch. H.ffiig schellte er. Judiths nächstes Schicksal war entschieden. Schamvl erschien. „Geleite diese ins Borgcmach und habe wohl Acht auf sic: das Weitere wird sogleich erfolgen," befahl die Fürstin auf Judith deutend, und den jungen Tscherkcssen freundlich anlächclnd. Ei» Schauer noch machte Judith's Gestatt erbeben, dann richtete sie sich auf und tvarf stolz das zierliche Köpfchen in den Racken, einen flehenden Blick richtete sie nach oben, doch keinen mehr gönnte sic dem fürstlichen Paare. Stumm, mit gefalteten Händen folgte sic dem voranschreitenden Schamyl, der sic abermals mitleidsvoll betrachtet hatte. Der Fürst und die Fürstin waren allein. „Wie konntest Du nur so grausam handeln?" »ahm Erstcrer sogleich das Wort. „O Kascha, ich fürchte" — „Nichts fürchte ich", fiel ihm die Fürstin hastig ins Wort. „Die 400,000 Rubel sind gerettet, und einige tausend Rubel Lösegeld stehen noch in Aussicht." „Kascha, was denkst Dnl?" staunte der Fürst. „Zunächst, daß ich Deine kluge und umsichtige Geniahlin bin," versetzte sie ihn anlächelnd, „und dann, dag man das Mädchen wird loskansen wollen, und daß wir uns für ein anständiges Lösegeld, das wir einkassiren, erweichen lassen werden. Ich schlage eben zwei Fliegen mit einer Klappe. Doch nun will ich mich zum Diner anfU ibeit lassen. Adieu Schatz, und — aus Wiedersehen!" — Und hinaus rauschte die stolze Selbstbewußte. Mnrawieff schlug sich mit der Hand vor der Stirn. „Und doch wird mich diese Sache noch ruiniren und Dich mit mir. O Kascha, v Liebe, wohin habt Ihr mich getrieben! In ein ruchloses Fahnvasser, in dessen Untiefen kein Anker mehr Grund zu finden vermag!" Da lugte Schamyl's dunkles Antlitz herein und seine Stimme unterbrach des Fürste» düstere Betrachtungen mit den Worten: „Ew. Hoheit, die Gefangene ist abgcführt". Mnrawieff nickte nur. Rasch erhob ec sich. Schamyl öffnete ihm ehrerbietig die Thür. In seine Gemächer enteilte der Fürst, doch seine Gedanken entflohen nicht. Liebenswürdiger, schöner aber, denn je zeigte sich ihm dann die Fürstin, heiterer denn je plauderte sie ihm die Wolken von der Sttrne, und berauscht glaubte er sich der Glücklichste. Judith aber träumte sich in die Vergangenheit zurück, spann die feinen Fäden für lihre zukünftige Befreiung und vergaß darüber die düstere Gegenwart. (Fortseynng folgt.) Jüdische Silhouetten aus Galicien. Bon Nathan Samuel y. XVIII. „Rur nicht jüdisch!" Die vormalige Ester Sitte, jetzt „Madame Jeanette" genannt, führt, wenigstens wie sie es selber in ihrer charakteristischen Redeweise oft betheuert, ein vollständig christliches Haus — „Blumen in den Fenstern, ein Hündchen im Schooße und Freitag Abend wird kein Fleisch gegessen!" Allerdings fällt bisweilen die Madame Jeanette in die alte Ester Sitte zurück, aber da braucht cs nur eines einzigen Mahnrufes von ihrer Erzieherin und die Madame Jeanette tritt wieder ganz in ihre Rechte. Wer war ihre Erzieherin? Keine »ndere als ihre eigene Tochter, „schöne Olga" genannt. Schöne Olga war aber nicht blos die Erzieherin ihrer Mutter, sondern auch ihres Vaters, der che,»als Herschkn und jetzt Herr Heinrich Bruckmann sich nannte. Sie hatte» aber auch beide der Erziehung sehr nöthig, weil sie eine solche nie genossen. Er war vormals in den, kleinen Städtchen R., in welchem unsere Handlung spielt, Kellner und sie in demselben Städtchen Köchin. Nach ihrer Hochzeit gelangten sie zu einem sehr bedeutenden Vermögen, freilich durch trübe, unlautere Geschäfte, aber berechtigte sie das nicht ein großes Hans zu machen? Dazu jedoch ist unbedingt ein Bischen Erziehung nöthig . . . Nun, was braucht es besseres? Die Tochter übernahm die Erziehung ihrer Eltern! Wer hat die Tochter erzogen? — Müßige Frage. — Sie erzog sich selber. Kurze Zeit besuchte sie das Klosterkonvict, dort erlernte sie das Nöthige — enorm viel Judenhaß , ein bischen Tlavier klimpern und ein klein wenig französisch plappern. Ans dieser gefunden Grundlage konnte sie ohne fremde Beihilfe den Ausbau ihrer Erziehung selber vervollständigen. Mit wahrem Heißhunger inachte sic sich über die Lektüre, las Sue, Dumas, Paul de Eoq und ähnliche erbauliche Bücher, ihr Köpfchen füllte sich mit einem bunte, Allerlei, ihr Herz mit allen Kunststückeii der Koketterie und aus beiden schuf sie sich ein Ideal für ihre Zukunft: einen blondgclockteii Jüngling m,t tiefblauen Angen. War einmal die Tochter mit ihrer eigenen Erzieh» ng fertig, koniite sie dann mit gutem Fug und Recht an die ihrer Elter» schreiten. Ihr erster Wahlspruch bei diesem edlen Unternehmen war: Nur nicht jüdisch! — Alles was an die jüdische Abkunft erinnert, alles Alte und Verjährte wurde fortgeschafft »ad der Geist der Neuheit ins Haus gebracht. Mama erhielt bei dieser Gelegenheit ein kleines Hündchen, das sie, wie die Frau Aüjunktin, immer im Schootze halten sollte. Darauf wurden Salons eröffnet, diese mit reiche» Möbelstücken gefüllt, Festabende gegeben, freilich ausschließlich nur für christliche Gesellschaft — Fräulein Olga hält fest an ihrem Wahlspruch: nur nicht jüdisch! Die Eltern gaben h> allen Stücken ihrer Tochter nach — sie waren sehr gelehrig. Mit Papa halte schöne Olga schon gar leichte Mühe. Allerdings machte er hin und wieder einen Seikensprnng zum Sadegurer Rabbi, dem er, wie er glaubte, sein ganzes Vermögen zu verdanken habe, aber das störte durchaus nicht den Gang der Entwicklung. Er konnte dessen ungehindert alles Jüdische verhöhnen, nie ein Gotteshaus betreten, sich de» Anordnungen seiner Tochter fügen, für sie das Geld reich fließen zu lasse», ihr Toiletten ans Paris zu bestellen und für sie von der Gasse die leichten Schmetterlinge, die Offiziere, einzniangen, damit sie ihre» täglichen Bedarf an Cvmplimentcn besorgen —• kurz, Papa war lange kein Herschkn mehr, sondern ein Herr Heinrich Bruckmann! Aber mit Mama, mit der ging es nicht so leicht. Ihr war die alte Ester Jitte, die einstige Köchin in einem frommen jüdischen Hanse, nicht so leicht ans den Gliedern zu bringen. Wohl trug sie die Aufklärung auf den Lippen und den kleinen Pinscher im Schooße, aber es war ihr nicht ernst darum. Früh inorgens beim Erwachen inurmelte aus ihr wie ein aufgezogenes Uhrwerk — das Gebet, Nachts vor dem Einschlafen — dasselbe. Uebertrat sie die Schwelle ihres Hauses, dann legte sich von selber die Hand auf die Mesnse*) Erkrankte das Töchterchen, spie cs__ au3 ihr dreimal gegen die Decke, um es gegen ein „böses Ang" zu feien. — Sie hatte wohl nicht arge Absicht dabei, aber die *>. Die in Kapseln cingesasiten Abschnitte der heiligen Zchrisi, die cut den Thiirpsostcn angebracht werden. ,!! i i i i i i i j i i

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