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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 12 (1885) · p. Seite 47

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
12 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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ich meinem College», nämlich einem Knnstjiiiiger, der mich in höchst unangenehmer Weise daran erinnert hat, daß ich ein Jude bin In der Malerschnle nämlich, umgeben von den Wunderwerken der Kunst, erfüllt von tausend glühenden Idealen und berauscht von dem Fcuertrunke der Jngendlust, dachte ich lange nicht mehr daran, daß ich Jude bin, sah ich alle einengenden Schranken um mich niedersinken und ich suhlte mich frei, unbeschränkt, als Kind Gottes, als Bruder des ganze» Menschengeschlechtes. Wie eine bittere Ernüchterung kam es daher über mich, als einer meiner College», mit dem ich in einen Wortwechsel gcrieth, mir i» brutaler Weise meine jüdische Herkunft vorj ivars, mich einen Parias der Gesellschaft na»ntc, einen eklen Wurm, den jeder, dem cs nur gelüstet, zertrete» könne, und der nur dankbar sein müsse, wenn man ihn im Staube herumkricchen lasse. Es war mir auf einmal, als ich diese schon längst vergessenen Worte wieder aufs Neue hören mußte, als märe plötzlich eine Saite in meinem Herzen gesprungen, als hätte eine alte längst vernarbte Wunde i» mir wieder zu bluten angefange» — es war die alte tausendjährige Wunde der jüdischen Leidensgeschichte. Damals schwur ich mir hoch und heilig zu. die Kraft, die mir inncwohut, in den Dienst meines Volkes zu stellen und da um jene Zeit gerade der Versöhnungstag fiel, so thaueten alte Erinnerungeu in mir aus, und ich faßte de» Entschluß, vorerst ein Bild „Die Juden am Versöhnungstage" zu malen, welchen dann eine ganze Reihe von andern Bildern ebenfalls ans dem jüdischen Leben, sich auschließcu soll . . ." „Aber wie kommt es", konnte ich mich zu frage» nicht voreuthalleu, „daß Sic sich schon in ihrem ersten Bilde als Todtcu hinstellen?" „Eine klare Antwort", erwiderte er, „wüßte ich kaum darauf Jemande,n zu geben, denn ich bin mic selber dessen nicht bewußt, aber es war mir beim Malen dieses Bildes ganz eigenthüinlich zu Muthe. Eine Stimmung unnennbar, wehmnthig, ich möchte sagen, düster, übermannte mich, ja zuweilen schien es mir, daß Gestalten aus der Schattenwelt längst verstorbener Familienmitglieder mich umgaben und mich lange mit ihren Hahlen Augen lange ansahen, gleichsam bittend: mach uns lebendig. Manche von ihnen malte ich auch thcils aus der Erinnerung, thcils aus verjährten Photographien und als diese durch die Farben immer lebendiger und gestalteter aut der Leinivand hervortraten, überkam es mich noch wundersamer und ich malte mein eigenes Bild mitten unter sie hin. Allerlei traurige Dinge gingen mir durch den Kopf als so die längst Verstorbenen mich aus meinem Bilde lebendig anblicktcu und ich sagte mir: „Wie bald werden die paar Jährchen nicht verschwinden und da werde auch ich früher oder später in der Reihe jener gehören, die den mühsamen Kampf des Lebens lange schon ausgekämpft haben". Während ich so dachte war es mir, als ob eine geheime Kraft meine Hand mit dem Pinsel geläutert hätte und — da stand ich plötzlich erschrocken vor jener Inschrift wie vor meinem eigenen Grabmale. Roch jetzt weiß ich mir nichts zu erklären, wie cs so gekommen. Allein, cs giebt Dinge, die wir willenlos vollführeu müssen, die abseits unseres Willens liegen, die uns wie von einer dunklen geheimnißvolleu Macht diktirt werden!" — Ich fühlte mich höchst unheimlich bei seinen Worten berührt, er jedoch schüttelte einige Mal das Haupt, wie wenn man eine häßliche Grille abschüttclt und schon leuchtete wieder aus seinem früher sich verdüsterten Blicke jener warme Strahl des Lebens. „Künstlerlaune — sagte er lächelnd, wie sich selber Mulh zusprechend — das war nichts als nur eine tolle Künstlerlaune! In mcincni Herzen wogt die sprudelnde Kraft des Schaffens. Mein Bild „die Juden am Bcrsöhnungstage" hat bei mir ein Kunstfreund in Warschau um den Preis von zehntausend Rubel gekauft. Diese Summe habe ich meinem Vater gegeben, der sich in ein unglückliches Geschäft verwickelt hat. Leider haben ihm diese zehntausend Rubel nur wenig Hilfe gebracht, was aber nur ein Sporn für mich ist, mich bald über eine neue große Arbeit zu machen. In meinem Kopfe sieht es jetzt wie in einem Bienenkorb aus da summen und gähren gar viele Stoffe zu neuen großen Bildern. Bis ich alle diese Stoffe verarbeitet haben werde, müßte auch ein hübsches Sümmchen von Jahren verstreichen. — Wahrhaftig mit dem Sterben hat es bei mir noch Zeit genug!" Leider hatte cs nicht länger Zeit als acht Monate. „Die Juden am Bersöhnungstage" war sein letztes vollständiges Bild. In Krakau, fern von den Seinen, fern von seinem Elternhause mitten in der Blüthe seiner Jugend überraschte ihn der Tod. Er hat keine Reichthümer zurllckgclassen, ja nicht einmal die Kosten seines Begräbnisses. Die Leute seiner Geburtsstadt D. lauter reichbegüterte Männer, die damit ewig bcschästigt sind, in dem dunkle» Schooßc der Erde Lichtquellen zu finde», nicht aber in dem lebendigen Geiste des Menschen, haben zeitlebens sich nicht um ihn gekümmert, geschweige denn nach seinem Tode. Und so bettete man ihn in einem bescheidenen abseitigen Wiukclchen des jüdischen Friedhofes und statt eines Steines setzte man ihm ein plattes Brettchen mit einer magern Inschrift zu Häupten, zum Lohne für das schöne große Denkmal, das er der Nachwelt zurücklassen. Allein ist er denn der erste, dem die Menschen große Verdienste mit schnödem Uudanke vergelten? Nicht der erste ist er und wird auch nicht der letzte sein. Das ist so uralter Brauch. Schlaf desungeachtet in seligem Frieden, gottverklärtcs Menschenkind. Du hast Dir selber das größte Monument errichtet. Alle diese Granit- und Marmorsteine werden lauge schon zerbröckelt sein, von allen den goldenen Löwen und goldenen Adlet» wird kein Denkzcichen inchr zurückblciben. Deine Monument jedoch wird sie alle überdauern, deiu Namen in den Tafeln des Lebens glänzen, wie jetzt deiu Grabhügelcheu im Lichte der Abendsonne erglänzt, die lauschig und liebevoll sich allabendlich auf dasselbe niedersenkt, cs mit ihren weichen Faden umspinnt und ein Stückchen ihres Goldes auf das dünne Brettchen niederlegt, das gar lieblich und feierlich die Inschrift funkle und weit hinausleuchte: „Moritz Gott lieb, selig sein Andenken!" „Ich bin katholisch!" Unter dieser Ueberschrift bringt der Pester „Ung. Jsr." folgendes Curiosum: „Das achtjährige Töchterchen einer angesehenen fisrael. Familie, welches eine Theresicnstüdtcr Elementarschule besucht und das ein erklärter Liebling de? Lehrers sowie der Lehrerin ist, brachte jüngst ein Briefchen nach Hause, welches an die Mama adrcssirt war. Das Schreiben stammte von dcr Lehrerin und enthielt blos einige Zeilen, mit welchen die Mutter der Kleinen ersucht wurde, im Interesse ihres Kindes baldigst in der Schule erscheinen zu wollen. Die Mutter war von dem Briefchen sehr überrascht: derartige Einladungen pflegte sie nämlich nie zu erhalten, denn ihr Kind war immer sittsam und fleißig gewesen, weshalb es sich die Gunst ihres Lehrers und Lehrerin in hohem Grade erworben hatte. Daß etwas mit der Kleinen vorgefallen sei» müsse, war der Mutter sofort klar, denn sonst hätte ein derartiges Briefchen nicht an sie gerichtet werden können. Wohl fragte die Mutter ihr Töchterchen, ob es etwa in der Schule etwas begangen habe: aber die Antwort fiel verneinend aus. Am folgenden Tage fand sich die Mutter in der Schule ein. Man kann sich ihr Erstaunen vorstelleu, als die Lehrerin nach der üblichen Begrüßung an sie die Frage richtete, ob ihre Kleine getauft worden sei. Sie vermochte im ersten Augcnblick gar nicht zu antworten, so unerwartet kam ihr diese Frage. Die Lehrerin, welche aus den Zügen der Mutter die hochgradige lleberraschung las, beeilte sich zu

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