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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 12 (1885) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
12 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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— 46 — beschloß selbst deren Verhör beizuwohuen und einige Trumpfe auSzuspiele». Schamyl, der Vertraute, führte das beängstigte Mädchen. Auch sein Blick ruhte null Bewunderung auf dieser zarten Mädchcnblüthe, auf diesen lieblichen, durchgeistigten Zügen mit den sprechenden, sanften Angcn, auf den goldflüssig-schinuncrnden Locken, die heut' unter einem goldgestickten Mützchen von schwarzem Sammet hervorquollcn. Mitleid ergriff ihn — gesät,rliche Sache! Judith sab nichts uni sich her, nicht all' die Pracht, den Glanz und Reichthum. Angst nur erfüllte ihre muthige Seele, Ungeduld zuckte ihr in den kleinen Händen und Füßen. Doch als sie vor den, fürstlichen Pa re stand und sich grüßend verneigte, da schaute sic auf, — zwar flehend erwartungsvoll, aber furchtlos. Vergebens bemühte sich der lcichterregte, schönheitbewunderndc Fürst eine strenge Amtsmiene anzunchmen, desto mehr aber gelang dies seiner hohen, stolzen Gemahlin, die mit Groll und Verdruß seine Schwäche bemerkte. Mit harten, Ausdruck begegneten ihre dunklen Augen den sanften, lichtbraunen Sternen Judith's, die sie erschrocken sogleich zu Boden senkte. Doch nur einen Momcut, daun erhob sie sie voll und groß und zum Fürsten gewendet fragte sie leise, doch mit fester Stimme: „Mein Vater o sprecht Eiv. Gnaden, wo ist er?" „Da, wo er hingchört, in Sibirien," entgegnete rasch die Fürstin mit vernichtender Kälte. Judith stieß einen scharfen Schrei aus. Mit weitoffenen Augen starrte sie die Fürstin an. Unwillkürlich trat sic einen Schritt vor. „Das ist unmöglich!" stieß sie hervor. „Warum unmöglich? Ist er doch ein Verräthcr?!" entgegnete die Fürstin gleichgültig. „Mein Vater ein Verräthcr!?" rief Judith. „Und ein Spion dazu", höhnte die Fürstin. „Das ist nicht wahr, eine entsetzliche Lüge ist es!" rief Judith außer sich dagegen. „Hüte Deine Zunge, Mädchen!" drohte die Fürstin. „Habt Erbarmen und sagt nein!" stöhnte Judith. „Die Wahrheit leugnen, nimmermehr!" flammte die Fürstin auf mit gut gespielter Entrüstung. „Aber cs ist nicht wahr, o hört mich an, denn ich kann es bezeugen!" flehte Judith. „Dein Zeugniß ist gleich Null, denn Du selbst bist Mitangeklagte," beharrte die Fürstin. Einen Moment stand Judith wie betäubt, doch bald hob sie den zierlichen Kopf. Heiße Gluth lag ans ihren zarten Wangen. „Uud wer klagt uns an, meinen Vater und mich?" fragte sie eigenthümlich ruhig. „Ein Offizier des Kaisers aller Reußen", fiel hier der Fürst ein mit hitziger Barschheit. Judith erbleichte. „Sein Name?" fragte sie bebend. „Michael Gregorowitsch", sagte die Fürstin mit lauter Stimme und scharfer Accentuirung. Zusammenzuckend stieß Judith ein „Ah" der Befriedigung aus. Ein Lächeln halb glücklich, halb verächtlich trat auf ihre Lippen. Mit Staunen und Aerger bemerkte es die Fürstin. „Er scheint Dir bekannt?" forschte sic. „Er ist es in seiner ganzen Schlechtigkeit und Niedrigkeit", versetzte Judith einfach. „Wie, Du Judeninädchen, Du wagst es einen Offizier des Kaisers zu beschimpfen, einen Freund unseres fürstlichen Hauses!?" rief die Fürstin mit wuthcrsticktcr Stimme. Flammenden Auges schaute Judith zu ihr aus, doch ruhig uud todesmuthig entgegnete sie: „Ob auch nur eine Jüdin, so bin ich doch eine ebenso treue Untcrrhanin Sr. Majestät des Kaisers Nicolaus, als Jener, und steht ihm das Recht zu mich anzuklagcn, so steht auch mir das Recht zur Verthcidigung zu. Höret niich, ich bitte." „Juden haben keine Rechte!" zischte die Fürstin. „Bor Kaiser RicolanS gewiß", trotzte Judith. „Kecke Dirne!" rief die Fürstin zornentbrannt. Der Fürst legte seine Hand auf ihren Arm. „Still, Kascha, hören wir sie an," interveairte er, denn die Hineinziehung des Kaisers machte ihn unbehaglich, auch hatte er ja von Anfang an der Anklage kein rechtes Vertrauen entgcgengebracht. Sein Gewissen mahnte ihn und machte ihn kleinmüthig und nachgiebig. „Kein Wort mehr will ich hören! Hinter Schloß und Riegel muß dieses unverschämte Indent,nd," zürnte die Fürstin weiter, denn sic glaubte dem Michael Gregorowitsch, wollte ihm glauben. AuS der Tasche ihres golddnrchwirkten, violetten sammetgcwandcS langte sie sein Schreiben hervor. „Dieser Brief besagt Alles, »nd wahrlich deutlich genug. Ihr Lärvchen benutzte dieseElcnde zu ihre» niedrigen Spionagediensten. Die Befriedigung ihrer Eitelkeit und jüdischen Habsucht stand ihr höher, als ihr Patriotismus, sich mit kostbarsten Perlen zu schmücken, war ihr alleiniger Begehr," rief die stolze Frau, mit schneidendem Hohn dem jungen Wesen ihre Anklage cntgegcnfchleudernd. Unbeweglich stand Judith. Ihre Brust wogte stürmisch unter den über ihr gekreuzten Armen, aber kein Ausdruck des Zornes überzog gleich einem Schatten ihr liebliches Antlitz, faltete ihre reine, weiße Stirn. Sie öffnete nur mühsam die fest aufeinander gepreßten Lippen und wiederholte leise : „Höret mich an, ich bitte!" „Lasse sie uns hören, Kascha," begütigte Murawieff abermals und leise flüsterte er der erzürnten Gemahlin einige Worte in's Ohr. Abwehlend schüttelte sie das dunkle klassische Haupt. «Fortscpnng folgt.) Jüdische Silhouetten au» Galizien. Von Nathan Zamnely. XVII. Zwei Denkmäler. (StljluB.) Wie kommt es jedoch, daß dieser Maler, der zur Zeit, als er dieses Bild beendigt, in seiner Jugendblüthc kaum in seinem zweiundzmanzigsten Lebensjahre sich befand, so ernst an den Tod gedacht und in jener Inschrift sich zu den Dahingeschiedenen gezählt hat? Das hat seine eigene Geschichte, die er mir selber etwa acht Monate vor seinem Tode, als ich das erste mal seine Bekanntschaft machte, mitgethcilt hatte. Es war an einem Frühlingstage. Die Maisonne lachte ihren ersten Gruß zur Erde nieder, die neuverjüngt in ihrem Blüthenschmucke alle ihre berauschenden Düne dem Himmel zum Gegengruß hinaufsandie — ja, es war an cincin solchen Wonnentage, das ich das erste Mal die Bekanntschaft dieses genialen Malers machte, dem sein Ruf überall hin wie ein Siegcsherold voranlief. Er selber, in seiner Jugendkraft strotzend, stand vor mir ein lachendes Bild des Frühlings. Nie werde ich das feine Profil vergessen, den genialen Ausdruck seines Gesichtes, de» lechzenden lcbensdurstigen Mund, der immer wie ein Blumenkelch geschwellt war, und die großen schwarzen träumerischen Augen, die unruhig umherschwciften und ewig nach etwas zu juchen schienen. Wovon ich mit ihm sprach? Natürlich von seinem Bilde „Die Inden am Versöhnungstagc." Wer sprach denn damals nicht davon? Welches größere Blatt füllte nicht damit ganze Spalten aus? Ich sagte ihm viel Schmeichelhaftes und betonte, daß ihm seine Glaubensgenossen viel Dank wissen, daß er seine so geniale Kraft einem jüdischen Stoffe zugewcndet und mit solchen beredten fcnerigc» Farben der Welt erzählt, wie der Jude fühlt und wie er an seinem heiligsten Tage alles Ungemach vergißt, daß ihm die Mitmenschen zugefügt und sich selbst mit seinen Feinden, mit seinen Peinigern und Quäler», inr Herzen aussöhnt. „Dieses mein erstes Debüt" erwiderte er, „welches auch meinen Glaubensgenossen von Heil und Nutzen ist, verdanke

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