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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 10 (1885) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
10 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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J:±:7A£s8Fß2rJiiJä-*' '■ ' 88 —;‘h' •. •’ i •, M m >:0- :: I-Hv. Thränen erstickten der Fürstin Stimme. Leidenschaftlich umschlang »nd küsste sic ihr Gemahl. Durch die Portiere lugten die dunklen Augen Schainyl's. Mit eifersüchtig-sehnsüchtigem Verlangen beobachtete er deS Fürsten Gebühren, der Fürstin Hingebung. „Sie liebt ihn nicht", murmelte er zwischen den weißen Zähnen, „sie liebt Niemanden so sehr, als fid); aber ich, ich liebe sic bis zum Wahnsinn, und Schamyl, des einstigen großen Tscherkcsscufürstcn Soh», darf wohl eine Fürstin lieben. Geduld, Schamyl, Geduld!" — — Da erhob sich der Fürst. Schamyl trat zur Seite. Gnädig lächelte ihn Murawieff an. Schamyl neigte sich tief ju Boden, dunkle Gluth bedeckte sein eiutlitz. Die Fürstin klingelte. Behend verschwand Schamyl hinter der Draperie. Als er der Fürstin Gemach wieder verließ, mußte er Alles, und was er nicht wußte, errieth er, das combinirte sich sein scharfer Blick. Lächelnd und gedankenvoll entfernte er sich leisen Schrittes, der Fürstin Befehlen nachkommend. Er mar — ihr Vertrauter — darum strahlte sein schönes, dunkles Angesicht, darum hob er stolz das Haupt, wie cs dem Sohn eines Fürsten gebührte. Und nur wenige Tage später befand sich Fürst Murawieff mit Samuel und dem Perlenhalsband auf dem Wege nach Petersburg. V. In Vetersvurg In seinem Palast in Petersburg ließ Fürst Murawieff Samuel ein Zimmer anwcijen, jedoch mit dem weniger höflichen, als befehlenden Ersuchen, solches ohne sein, des Fürsten, Wissen nicht zu verlassen. Zugleich iustruirte er demgemäß seine Dienerschaft. Samuel ersah in dieser Maßnahme nichts Auffälliges und betrachtete sie lächelnd, mit der Ruhe eines Wcltweise», als den Ausfluß einer Acngstlichkeit des Fürsten in Anbetracht dessen, daß er einen Juden bei sich beherberge. Unverzüglich suchte der Fürst eine Audienz beim Czar Nikolaus nach, die ihm auch in seiner Eigenschaft als Gouverneur von Odessa und hochgestellter Aristokrat, sogleich für den nächsten Vormittag bewilligt wurde. Hocherfreut kehrte er in seinen Palast zurück, in dem eine neue Ueberraschung seiner harrte. Aus Odessa war daselbst ein Courier eingetrvffen, der ihm ein Schreiben seiner Gattin einhändigte. Höflichst überrascht öffnete es der Fürst. Die Fürstin schrieb: „Theucrster Alexei! Das Glück ist uns günstig. Dein Gewissen kann sich beruhigen. Nur wenige Stunde» erst warst Du fern, als ein Brief vom Kriegsschauplatz, von dem Bclagerungsheer vor Silistria an mich gelangte. Michael Gregorvwitsch. der Sohn Deines alten Freundes, unser häufiger Gast, war dessen Verfasser. Samuel Nasarvsf und seine schöne Tochter Judith haben Türken-Spionirdicnste geleistet, das Halsband ist ein Sündeulohn. Wir können doch wohl die Aussagen des jungen Grcgvrowitsch nicht anzweifeln — also handle ganz wie ich Dir ricth. Ich schreibe und berühre Alles nur ganz flüchtig, damit Du noch rechtzeitig au. tait gesetzt bist. Bei Deiner Rückkehr dürste es geeignet sein, das Judenmüdchcn einem Verhör zu unterwerfe», resp. festzunehmeu — so meint wenigstes Michael Gregorvwitsch, der eventuell Zeugniß oblegen will. Odessa, den. 1854. In Eile, aber in Liebe Deine Katharina, Fürstin Murawieff". Schon einige Male hatte der Fürst diese Zeilen gelesen, aber seine aufgehciterteu Mienen hatten sich dabei verfinstert. Fürst Murawieff war sehr eifersüchtig und es bchagtc ihm I wenig, daß der junge Offizier au feine Gattin und nicht an : ihn geschrieben. Jetzt schüttelte er heftig den Kopf. j „Samuel Nasarvsf ein Verräther, es ist kaum denkbar", murmelte er vor sich hin. „Doch immerhin, mir kommt! dieseAnklage höchst genehm. Sonderbar, nun habe ich leichtes : Spiel, obgleich — ah, Michael Gregorvwitsch war mir nie j sympathisch," mvnvlogisirte Jec leise weiter, „aber ich muß I gute Miene zum bösen Spiel niachen, da er von dem Halsband und seiner Geschichte Kenntniß hat. Hierbei ist entweder Liebe oder Geldgier Beweggrund. Teufel, daß Eine ist mir so störend wie das Andere. Ein Glück, daß Michael Gregorvwitsch kriegsaktiv, vielleicht daß eine Kugel — o pfui Murawieff, ist das edel und fürstlich gedacht? Die verdammte Eifersucht! — Haha. Michael Gregorvwitsch. spuckt Dir nicht etwa nur das schöne Jndeumüdchen im Kopfe!? Still, Junge, still, sollst es haben und der Vater muß fallen, muß geopfert werden! Juden sind eben Juden, und keine Staaatsbürger; probatum est. — Kaicha hat Recht, ganz Recht, mein Gewissen fühlt sich schon bedeutend erleichtert." Lächelnden Angesichts schellte der Fürst. Sein Kammerdiener trat ein. Fürst Murawieff ließ sich umkleiden — zum Souper. Er schnalzte mit der Zunge im Vorgeschmack und zählte in Gedanken die Flaschen, denen er den Hals noch heut' zu brechen bereit, den» darauf verstand er sich, und auch auf anderes Halsbrechen, wenn es sein Vortheil erheischte, und die geduldige Flasche sich nur in einem Juden personificirte. Aber gutmllthig war er dennoch, und er befahl beste Verpflegung des Samuel Nasaroff, der mit Schreiben und Lesen beschäftigt, ahnungslos, ob eines Sturmes, der ihm drohen könnte, und öfter im Gebet versunken, sein, in einem ferneren Seitenflügel gelegenes Gemach, durchwandelte und hütete. Des anderen Vormittags, um die festgesetzte Stunde befand sich Fürst Murawieff im Vorsaale Sr. Majestät des Kaisers aller Reusscn. Czar Nicolaus liebte Pünktlichkeit und beobachtete sie selbst. Murawieff wurde sogleich vorgelassen. (Fortsetzung solgt.) Zur „Todtenschau pro 1884". (Ergänzung und Berichtigung.) (Schluß.) Es starben also noch hervorragende Juden im verflossenen Jahre wie folgt. Aus Deutschland: Or. Aaron Bernstein, der ausgezeichnete Publizist und Naturforscher (Berlin), Begründer der Berliner „Bvlkszeitung", eine Zierde der deutschen Publizisten. Der 72 jährige Greis war in seiner Jugend einer der thätigsten Förderer der Berliner Reformsynagoge. Ebenfalls in Berlin verschied l)r. Otto Burg, ein vorzüglicher Chemiker und längere Zeit licberaler preußischer Landtagsabgeordneter, einer der verehrtesten Mitglieder des Berliner Synagogenvorstandes, Direktor der deutsch-russische» Naphtha-Gesellschaft rc. (Leider im rüstigen Mannesalter vom Leben abberufcn). Das Herzogthum Brau »schweig sah im März v. I. seinen hochbetagtcn Landesrabbiner Prof. Or. Levi Herztcld verscheiden, einen tiefen Gelehrten und sehr produktiven Forscher der Geschichte der jlld. Vorzeit. (Zahlreiche einschlägige Werke erhalten uns seinen Namen.) — Von bedeutenden jüdischen Frauen wäre es undankbar, hier nicht zu erwähnen den Tod der edlen Baronin Lionel Rothschild (geborene Baronesse Lonise Rothschild) die ihren Namen durch eine wahrhaft fürstliche Wohlthätigkeit verewigt hat. Die großartigen Wohlthätigkeitsanstaltcn in ihrer Vaterstadt am Main bilden für sie ein „monumentum aere pereiinius.“ Eine der edelsten Töchter Israels war die Frau Johanna G o l d s ch m i d t in Hamburg, die intime Freundin Diesterwegs, eine warmfühlende Jüdin, die Begründerin des Fröbel-Bercins in Hamburg und talentvolle Schriftstellerin. Zu erwähnen wären noch von Verlusten des vorigen Jahres: der gelehrte Rabbiner Or. Hirsch selb (Gleiwitz) zugleich gediegener Talmudist, der i» Berlin verstorbene, seinerzeit Aufsehen erregende Rabbiner Chronik aus Chicago, ein eifriger Verfechter des Reformjudenthums in Amerika u. A. Von den vorigen Jahres Verstorbenen andern, u ichtdentschen Ländern und Nationen angehvrigen Juden be-

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