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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 10 (1885) · p. Seite 39

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
10 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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— 39 — schränke ich mich wegen Raumersparnisses nur ans die bedeutendsten. Die Juden Polens sahen im Jahre 1884 zwei der berühmtesten Künstler ihres Glaubens und der polnischen Nation ins Grab sinke», es sind dies der vortreffliche polnischjüdische Maler Alexander Lcsscr (Warschau) der auch aus der jüdischen Geschichte gerne die Vorwürfe zu seinen genialen Schöpfungen wählte, (Sein letztes Werk: „Die Deputation der Juden vor dem König Casimir" blieb unvollendet), und der in seiner Art noch bedeutendere Professor Heinrich Redlich, unstreitig der bisher bedeutendste Kupferstecher der Polen (zu Lask in Russisch Polen geboren), eine Zeit lang Professor der Kupferstechkunst an der St, Petersburger kaiserlichen Kunstakademie, zuletzt in Paris wohnend, leider schon zu 42 Jahren in Berlin verstorben und ans dem jüdischen Friedhof bei Weißeusee beerdigt. Aus Oesterreich schwand im vorigen Jahre eine der Corhphäcn des öffentlichen Lebens aus deni Reiche unserer Glaubensgenossen, auf den jeder Jude stolz sein kann, der Reichsrathsabgeordnete für Wien: Ignaz Kn ran da, als Patriot und Schriststeller, als Politiker und Publizist hochverdient um Oesterreich, ich möchte ihn den „Laster Oesterreichs" nennen. Kuranda, der 73 Jahre alt wurde, gehörte zu all' den, noch mit Leib und Seele dem Judenihum an, und war lange Jahre hindurch erster Vorstand der riesigen Wiener Israelit, Gemeinde, Seine Adoptivvaterstadl Wien veranstaltete ihm ein fürstliches Leichenbegängnis;, Cr war einer der Edelsten und Charaktervollsten in Israel. -- Nicht unerwähnt darf ich lassen den wackeren Adolf Ritter von Pollak-Rudin, der berühmte Industrielle, der, ein wahrer moderner Mäcenas, mit einein Aufwande votl fast einer halben Million Gulden in Wien das „Rudolfium", ein mit Graliswohnung und Verköstigung verbundenes Internat für arme Polytcchniker jeder Confession, grllitdete. Der Name des Wackeren wird aus ewige Zeiten aus den Lippen Hunderter von dankbaren Studenten schweben, — Eine Zierde des Judcnthuins von der Wiener Universität war der im September v, I, verstorbene Prof, Herrmann Ritter von Zeißl, aus Mähren gebürtig, der 1861, als der erste Jude an der Wiener Universität, zum Professor ernannt, eitler der Begründer der Dermatologie wurde, Professor von Zeißl war seit einigen Jahren in de» Ruhestand getreten. Sein vielversprechender Sohn ist Privatdocent an der Wiener medizinischen Fakultät, Es seien noch genannt aus Oesterreich: Der 97jährige Schriflstellerveteran Lazar Hvrowitz «Wien), mit seinen jüdischen Novellen und Erzählungen gleichsam ein Vorläufer Komperts und Lev Herzberg-Fränkel's, zugleich gewesener Lehrer der österreichischen Erzherzogin Hermiuc im Hebräischen, der hochbetagte mährische Landesrabbiner Abraham Placzek (Brünn) und andere. Aus Ungatzn nenne ich den greisen Arzt Josef Berget, der, als erster, eine „Geschichte der Juden in Ungarn" in deutscher Sprache verfaßte und den außerordentlichen Professor am kgl. Polytechnikum zu Budapest vr, Wilhelm Pillicz, dem berühmtesten O e n v l o g e n Ungarns, und auf diesem Gebiete die erste Autorität des Landes (starb blutjung, im Anfänge der dreißiger Jahre.) Von belgischen Glaubensgenossen starb 1884: Josef Oppenheim, ei» berühmter Bankier, lange Jahre Vorsitzender des Brüsseler israelitischen Cousistoriums, eine Zierde des belgischen Judenthums, wie es der im Jahre früher Verstorbene Senator R, I, Bischoffsheim gewesen, Franzosischcrseits starben: Der Oberst Abraham August Samuel, einer der ausgezeichnetsten, hochgestellten Offiziere der französischen Armee, eine Autorität iin Gebiete des militärischen Fortificationswesens, zuletzt Chef des „Burcau's für geheime militärische Information" im französischen Kricgsministerium, ferner den Crösus: Armand Heine, dessen Reichthum aber mit seiner echt jüdischen Wohlthätigfett gleichen Schritt hielt (Paris), endlich der berühmte Historienmaler Benjamin Ullmann, der hochangesehenen gleichnamigen Elsässer Familie angehörend, Ritter der Ehrenlegion, einer der bedeutendsten Künstler des historischen Faches, dessen Ruhm die großartigen Wandmalereidn des neuen Palais de Jusfcice in Paris, ferner seine Gemälde in Luxemburg immerdar verkündet werden, Italien verlor im Professor Lattes (Sohn eines Rabbiners), einen seiner vielversprechendsten jüngeren Gelehrten (Der junge Universitätsprofessor verunglückte bei einer kühnen Bergbesteigung in den Alpen.) Endlich erwähne ich noch von amerikanischen Glaubensgenossen den aus Ungarn gebürtigen berühmten New-Aorker Rabbiner Adolf Hübsch, und den Staatsmann. Judah Benjamin, der in der Geschichte seines amerikanischen Vaterlandes als Senator später als Minister der consöderirten Südstaaten eine bedeutende Rolle spielte, so daß er im amerikanischen Bürgerkriege (1860—64) die rechte Hand Jeffersvns Davis genannt wurde, und der, wenn es galt, in seinen hohen Stellungen immer wieder für Juden und Judcnthum eintrat. Um so trauriger mußte es wirken, als man las, daß dieser überzeugungsvolle jüdische Exminister — nach katholischem Ritus beerdigt wurde. Sollte Benjamin wirklich sich gegen Ende seines Lebens auf katholische Einflüsterungen hin in Paris getauft haben? . , Dies bedarf jedenfalls noch einer Aufklärung und wäre eine solche sehr erwünscht. Ich muß noch bemerken, daß der oben erwähnte Armand Heine, ein ebenfalls guter Jude (auf die Minirarbeit seiner katholischen Gattin!!) aus — dem Todten bette (!!) getauft ward. Doch dergleichen darf den Kenner der ähnlichen gar häufigen Folgen, besonders katholischjüdischer Mischehen nicht frappiren. Ich schließe diese jedenfalls sehr erweiterte Todtenliste mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß alle hier vcrzeichneten Berühintheiteli (mit Ausnahme des einen Armand Heine, und auch dieser sozusagen, bis zu seinem letzten Tage) dem Glauben ihrer Väter treu blieben. Vielleicht dürfte ich später genug Muße finden, die Liste auch ans ausgezeichnete Verstorbene jüdischer Geburt oder jüdischer Abstammung auszudehnen. Es wäre aber ungerecht, zweier im verflossenen Jahre ebenfalls dahingegangenen bedeutenden dänischen Glaubensgenossen hier schließlich ganz zu vergessen, es sind dies: Hofralh Melchior, der eine Zeit lang Mitglied des dänischen Oberhauses war und der königl, dänische Staatsralh Jjaac Wolf Hey mann, beides Leuchten der Bürgertugetidcti, ans die ihre nordischen Glaubensgenossen mit Recht stolz waren. Der greise Obcrrabiner Kopenhagens, Prof, Wolff hielt über sie die Trauerrede. Möge es mir gestattet sein, zu hoffen, daß die israelitische Todenlistc von diesem Jahre, von 1885, keine so lange und Namen solch e d c l st c n Klanges enthaltende sein wird. Budapest im Februar 1885. Prof, L, P.*) Allerlei für den Familientisch. Jüdische Wohkthätigkeil. In Szered (Comitat Preßburg) starb vor einigen Wochen Leopold Akwir, und hatte folgende letzwillige Verfügung hinterlassen: 1. Sein ganzes Vermögen, in Höhe von 1,200,000 Fl. öst, W„ soll an Arme, ohne Unterschied der Confessio», vertheilt werden, und zwar sollen 2, 50,000 Fl. unter den armen Inden Palästinas zur Bertheilung gelangen, dagegen 3) das ganze übrige Vermögen zinstragend angelegt und die Jirteressen jährlich den Szereder Ortsarmen, ohne Utiterschied der Confession, gegeben, und 4. nach 25 Jahren das Capital selbst unter diese Ortsarmen vertheilt werden. Man hat berechnet, daß jeder^Arme in Szered durch dieses Vermächtniß eine jährliche Subvention von 250 Fl, öst, W, erlangt. *) In »origer Rr, muß es heißen: katholischer Professor Cohuheim.

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