Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 9 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 — „Nun, cs wäre doch wohl das erste Mal, daß Fürst Murawieff mir, seiner Gattin, einen solchen Wunsch abzuschlagen für gut erachtete," erklang es ein wenig bitter. „Und hoffentlich auch das letzte Mal, wenn anders Du ein wenig Einsehen hast". „Wie meinst Du dies?" forschte die Fürstin. „Dieser Schmuck muß mir eine neue Geldquelle werden," flüsterte der Fürst geheimnißvoll. „Ah, ich verstehe," nickte die Fürstin, „Du willst ihn dem Kaiser ofseriren". „Ja, Kascha, ja! O wie klug Du doch bist!" „Weil ich Deine Gedanken errathe?" spöttelte diese lächelnd. „Hub der Preis?" „200,000 Rubel, denke ich." Die Fürstin ließ die kostbaren, birnenförmigen, großen, tadellosen Perlen durch die spitzen Finger gleiten. Sie seufzte tief auf. „Fordere das Doppelte!" stieß sie heiser hervor. „Wo denkst Du hin, unmöglich!" rief der Fürst. „Was wäre wohl hierbei Czar Nieolaus unmöglich?" ries achselzuckend die Fürstin. „Lächerlich!" — Nachdenklich senkte der Fürst sein Haupt. „Doch der Jude?" überlegte er laut. „Was ist's mit ihm?" — „Er fordert 150,000 Rubel." „Lass ihn! Was thut das!" „Du meinst?" forschte der Fürst gespannt. Die Fürstin neigte sich vor und lispelte ihrem hohen Gemahl einige Worte iu's Öhr. Entsetzt fuhr dieser empor. Scheu fast betrachtete er sein schönes Weib; doch sie lächelte ihn an, so bezaubernd, so taubeusanft strahlten ihre dunklen Augen. „Samuel Rasaroff ist ein gar angesehener Mann, Kascha," wehrte er dennoch mit schüchterner Einrede. „Ah bah, aber ein Jude!" „Lauter uud hochgeschätzt, von uutadelhaftem Charakter" — „Aber, ein Jud e," beharrte die Fürstin eigensinnig. „Es geht nicht an, Kascha, nein, nein gewiß nicht", erhob sich der Fürst Murawieff, und heftigen Schrittes durchmaß er aufgeregt das Gemach. (Fortsetzung folgt.) Zur „Todtenschau pro 1884". (Ergänzung und Berichtigung) Der in Ihrer geschätzten Zeitschrift vom 20. Jan. d. I. unter dem Titel „Todtenschau pro 1884" erschienene Artikel von Herrn M. Weinberg regt in mir eine Fülle der Gedanken an, und bestinunte mich, abweichend von dem Grundsätze, nur über mein ungarisches Vaterland Ihnen Berichte zu liefern, (Erfreuliches läßt sich ja jetzt ohiiedies wenig oder garnichts von hier schreiben), diesmal meine Ansichten und Kenntnisse einer Sache zu widmen, die das ganze Judenthuni, als solches angeht und auch meinerseits den lebhaften Wunsch auszudrllcken, es niögen die jüdischen Blätter fürderhin denjenigen Koryphäen der Gelehrten-, Künstler-, Schriftsteller¬ und Handelswelt, die Bedeutenden aus der Militärbranche, oder aus dein höheren Venvaltungskreise, aus den Parlamenten und Munizipalämtern u. s. w., welche in einem und demselben Jahre aus dem Judenthum selbst durch den Tod ausschieden, oder die, wenn auch nur von jüdischen Eltern oder Vorfahren stammend, der Raee nach wenigstens, iminerhin als uns Angehörige betrachtet werden können, eine stete Aufmerksamkeit schenken und die so zusammengestellte Namensliste zu Anfänge eines jeden Jahres veröffentlichen. Es nimint mich in der That immer Wunder, daß dies die sonst so gut redigirten deutsch-jüdischen Blätter bisher consequenl unterließen. Ganz anders die religiösen Organe unserer französischen, italienischen, englischen re. Glaubensgenossen. Der im Inhaltsverzeichnis; eines Jahrganges der „Archives Jsraelites" (Paris) vorhandene mit „Neerologie" betitelte Nachweis der verstorbenen hervorragendern Glaubensgenossen aller Nationen z. B. sollte und könnte auch in den tüchtigern deutschen Blättern, die dem Judenthum gewidmet sind, jeden fa l ls wenigstens ebenso ausführlich erscheinen. Ohne auch nur weiter auf die Wichtigkeit dieses Gegenstandes einzugehen, will ich nur noch erwähnen, daß die seit Neujahr 1884 hier erscheinende und auch in diesen Blättern schon mehrmals rühmlich hervorgehobene magyarischjüdische Revue („Magyar Jsido Szeinle) auch in diesem Jahre, ebenso wie im vorigen, unter dem Titel „Jüdische Verstorbene im Jahre 1884" eine Liste der lim vergangenen Jahre mit Tod abgegangen berühmten Glaubensgenossen aller Länder veröffentlicht, die aber sehr lückenhaft und was noch e:n weit größerer Fehler ist, ziemlich einseitig ist, da sie den verstorbenen jüdischen Theologen viel zu viel Raum gewährt, und dabei Männer, wie Otto Burg, Oberst Samuel, Minister Juda Benjamin, Professor Redlich und anderer ganz aus der Reihe der Verschiedenen vergißt, ein Vorgehen, daß ich keineswegs billigen kann. Der Umstand, daß die genannte Revue nur als Juden verstorbene Berühmheiten erwähnt, dürfte eher die Zustimmung vieler Glaubensgenossen finden, obwohl auch dagegen viele und gewichtige Gründe geltend gemacht werden könnten. Schreiber dieses, befaßt sich ebenso wie der Verfasser der „Todtenschau für 1884" in Nr. 5 dieser Wochenschrift seit vielen Jahren mit der Zusanimenstellung einer Namenelatur der bedeutenden, jüdischen, geta n sie» oder von Juden stammenden Gelehrten, Künstler, Finanziers, Schriftsteller, Staatsmänner, Abgeordneten, Publieisten, Philantropen re. und dürfte vielleicht in nicht langer Zeit mit den so gesammelten Früchten seiner seit mehr als a n d e r t h a l b Jahrzehnten eifrigst fortgesetzten Forschungen vor das litterarische Deutschland hintreten. Bis dahin hat es aber noch immerhin seine guten Wege. Es ist dies eine sehr schwere Aufgabe, die, da sie oft intimere personale Fragen berührt, unter anderen auch viele zeitrailbende und die Geduld sehr auf die Probe stellende Erkundigungen erfordert, soll sie gewissenhaft gelöst werden. Inzwischen bin ich aber dennoch in der Lage den Lesern dieser Zeitschrift die jüdische Todtenliste von 1884 des Herrn W. tit Folgendem ergänzen, resp. berichtigen zu können. Zuvörderst muß bemerkt tverden, daß eine der daselbst als im jüdischen Glauben verstorben erwähnten Persönlichkeiten, der berühmte katholische Professor Cohnhe im, getauft war. (Herr W. scheint nicht zu wissen, daß an der Leipziger Universität nicht nur kein Jude, sondern auch kein Katholik bisher ord entlicher Professor werden durfte; ob sich das wohl einmal, wie es vor nicht langer Zeit mit Oxford und Cambridge geschah, ändern wird?)—.*) Andrerseits verstarb wieder der geniale, den Seinigen und der deutschen dramatischen Litteratur so früh entrissene Dr. Carl Caro (ein Breslauer) als Jude. Der ebenfalls erwähnte Maler Rudolf Christian Bendemann war (was Herr W. auch unbekannt gewesen zu sein scheint) ein leibhaftiger Sohn des Malerfürsten Rudolf Bendemann, des (nebst Veitj größten Malertalentes, das das Judenthum bisher der deutschen Ratio» geschenkt. Der sehr jung verstorbene Bendemann-Sohn wurde aber schon gleich nach seiner Geburt getauft, wie denn auch sein weltberühmter greiser Vater, dem jüdischen Glauben schon längst den Rücken gewendet. (Er ist gegenwärtig Direktor der Maler-Akademie in Düsseldorf.) Der tüchtige Professor am Berliner Polytechnikum Siegfried Aro n hold starb ebenfalls als getaufter Jude, ebenso der verdienstvolle Direktor des königlichen Münzkabinets in Berlin, geh. Regierungsrath t)r. Julius Friedländer, lieber den Breslauer Professor E. Friedberg endlich ist mir nichts Näheres bekannt. Alle andern Persönlichkeiten sind in der gedachten „Todtenschau pro 1884" richtig angegeben. Ich gehe nun an eine, wenn auch durchaus nicht vollständige Ergänzung der gedachten Liste und freue mich, *) Der Umstand, daß, wie ich soeben in der „W.-Schr." t-se, in Leipzig bei der Besetzung der durch den Tod Cohnheims erledigten Lehrkanzel der tüchtige Assistent desselben, Prosessor vr. Weigert, ein Jude, iibergangen wurde, scheint diesbezüglich wenig Hosjnnng zu erwecken.