Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 8 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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Die arme Ester brach in Ohnmacht zusammen — allein der Rabbi beachtete en nicht und gab sich mit seinen Folianten zu schaffen, die er wirr durcheinanderblätterte. Mitten jedoch, da ich mich um die Wiederbelebung der armen Ester abmühte, stieß er auf mich zu und faßte mich beim Rocklappen, mit dem Rufe 1 „Komm' nur her!" Hochklopfenden Herzens folgte ich ihm, denn die Hast, mit welcher er mich nach sich zog, ließ mich eine erfreuliche Aenderung ahnen. Als ich jedoch mit ihm beim Tische anlangte, drückte er mir mit seiner knochigen Hand den Kopf in eines der aufgeschlagenen Folianten. „Lies selber!" sagte er mir, mit . dem Finger auf eine Stelle deutend „da hast Du den Tiw ■ Gittin**) lies!" Und da las er selber den hebräischen j Text langsam und jedes Wort scharf betonend. „Wenn in! einem Scheidebrief nur das Kuze schel Jnd, das heißt da§ Tüpferl auf dem Jod fehlt, ist derselbe nngiltig — ha!!" triumphirte er „Siehst Dn's jetzt schon selber ein, daß ich Recht habe — ha?" „Rabbi, um Gotteswilleu!" stammelte ich „Schauen Sie hin, dieser Frau kann es den Tod bringen!" „Kann nichts dafür, das Tüpferl fehlt!" „Das gilt nicht für einen solchen Fall" schrie ich verzweifelt. „WaS!!" fuhr der Rabbi empor und bohrte sich beide Zeigefinger in die Ohre» — ich kanns nicht hören — Gewalt! Ich kann'S nicht höre»! Wie nur ei» Jude so gottlos reden kann! Fall? Der spricht gar von Fall! Das heilige Gesetz kennt keine Ausnahme. Ich erkläre Euch, daß jeder, der diese Frau heirathet mit einem fremden Eheweibe lebt. Sie ist nicht geschieden. Soll mir Jemand sagen, daß hier nicht das Tüpferl auf dem Jnd fehlt?" Wir weinten, wir flehete», wir rasten und drvheten — der Rabbi achtete nicht darauf. Er vergrub sich mit dem Kopse in eines der Bücher, er war steinern und fühllos wie einer der Folianten, der vor ihm aufgeschlagen lag. All sein Denken, Sinnen und Fühlen lösten sich in ein — Tüpferl auf. Mit lodtbitterer Verzweiflung im Herzen verließen wir den eisernen Gesetzesmann, den blinden Buchstabensklaven, während die arme Ester halb leblos nach Hanse gebracht wurde. — Ich versuchte es dann mit andern Rabbinen, allein alle setzten sie ihre Brillen auf und entdeckten das fehlende Tüpferl auf dem i. llcbrigeii» hätte es auch keiner von ihnen gewagt nur um Haaresbreite von dem Ausspruche des Rabbiner in Sk. abzuweichen, weil er ja im rabbinischen Wissen die größte Autorität war. Wir schrieben nach Anterika in der Hoffnung jenen Mann dort noch zu treffen, auch der Rabbiner ans R. sandte aufs Neue die Fäden der Eorrespondenz nach allen Weltgegenden aus, weil er sich ja eine solche Miztve nicht entgehen lassen wollte — Aufbinden eine Agune ist doch geschriebenes Gesetz. Allein , alle Mühe blieb diesmal vergebens — von jenem Manne war kein Lebenszeichen mehr zu finden. Seit jener Zeit wandeln wir stille und vereinsamt unsere Lebenswege. Allein trotzdem, daß wir so grausant auseinander gerissen wurden, blieben wir durch das heilige *) Der heb». Buchstabe „Jud" entspricht dem deutsche» i. *) Das Hiiekchen an dem Buchstabe»: **) Jüdischer Codex über die Abfassung des Scheidebrieses. Gefühl der Liebe stets im Geiste vereint und noch jetzt in unserm hohen Alter, ist jener göttliche Funke in unserm Herzen nicht verglommen — er lodert und wird lodern bis wir einst für immer die Augen schließen, in ungetrübter Reinheit, in großer, heiliger Selbstlosigkeit. —" Biele Jahre sind seit jener Zeit verflossen, daß mir Reb Ähren Bochur seine traurige Geschichte erzählte. Sie weilen beide lange schon in der Welt der Wahrheit, wo Gott, dem der lebend ige Geist mehr als der tobte Buchstabe gilt, ihre reinen Seelen gewiß mit milder Vaterhand vermählt hat — ich aber muß immer und immer an jenes Tüpferl denken, welches bas Glück zweier Liebenden auf Erden zertrümmerte, an jene traurige Geschichte von dem fehlenden Tüpferl auf dem i. Die Entstehung des Namens „Congo" (Schluß). Merkwürdigerweise gelang es dem Admiral und seinem Freunde „Goi", den König von Zaire sammt dessen Uuterthanen zum Christenthnm zu bekehren, und zwar so rasch, daß ein einziger Priester an einem Tage fünftausend Schwarze taufen mußte. Dem Geistlichen wurden die Arme vom Taufen müde, und man mußte sich damit begnügen, die Täuflinge in Colonnen am Ufer sich aufstellen zu lassen und sie mit der Schiffsspritze zu befeuchte», wobei der Priester von Bord aus den Segen über sie sprach. Dem König von Zaire war damals der Beistand des portugiesischen Commandanten und dessen Freundes Martin Behaim sowie die über alles Lob erhabene Tapferkeit der Flottenmannschaft von höchstem Werth, und seine Dankbarkeit kannte keine Grenzen. „Er tvußte gar nicht, welche Ehre er dem Divgo Caon erweisen solle," heißt es in dem portugiesischen Bericht aus jener Zeit „und war so eifersüchtig, daß er ihn Niemand anders anvertraute." Wo Martin Behaim, der damals erst fünfundzwanzig Jahre alt war und seiner blonden Schönheit halber wie ein Gott angestaunt ward, sich zeigte, lief das Volk zusammen und jauchzte ihm zu: „Es lebe der Go!" Den Namen „Goi", unter welchem der Admiral ihn vorgestellt hatte, vermochten weder der König noch seine Leute auszusprechen und sagten einfach „Go". Cohns und Behaim» erste Expedition hatte neunzehn Monate gedauert, v e zweite von 1484 bis 1486. Es sind also seitdem gerade vierhundert Jahre verflossen. Als der Admiral die Flotte zur Abfahrt rüstete, gab der König ihm und „Go" zu Ehren herrliche Feste, gebot auch, für ihr Heil in den Kirchen zu dem neuen Fetisch zu beten. Am Morgen des letzten Tages aber erließ er ein Maitifest an seine Völker, worin er diesen kuudlhat, daß in Anbetracht der kriegerischen Dienste, welche die Portugiesen gegen die Dkundequetes ihm dergestalt geleistet, daß deren Angriff zurückgeschlagen ward, ferner in Anbetracht der vorzüglichen neuen Religio», welche ihm und seinem Volke zu Theil geworden, seine Provinzen Bmnba, Batba, Sogav und Pemba zu Ehren seiner Freunde Co h n und G 0 den Gesammtnamen „Cvngo" führen; daß auch der Fluß Zaire und die Landeshauptstadt für ewige Zeiten „Congo" heißen sollten. Gerührt von so viel Güte, nahmen der Admiral und sein Kosmograph von dem König Abschied und kehrten nach Lissabon zurück, begleitet von den Segenswünschen des Volkes, welches die Portugiesen für die Würdigsten aller Menschen und das Christenthum für die sanfteste der Religionen hielt. Allerlei für den Familierrtisch. Magdeburg. Dem prachtvollen Werke Max Rings: „Die deutsche Kaiserstadt Berlin und ihre Umgebung" (5. Lieferung) entnehmen wir folgendes: „Ein ganz besonderes