Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 8 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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— 30 — „3(1), nichts von Bedeutung," cntgcguetc der Fürst ausweichend, „Mittliciluugeu vom Kriegsschauplatz" — „Und daS nennst Du nichts von Bedeutung?" patriotisirte die Fürstin lebhast cinfallcnd. „Die Mittheiluugen waren cs in der That nicht". „Du weichst mir ans, ich glaube Dir auch darin nicht," zürnte das schöne Weib in neckischer Weise. Fürst Murawicff lächelte und schwieg. „Sage mir, was er Dir mitthcilte!" flehte die Fürstin. „Nein, nein, es kann Dich dies nicht weiter intercssiren," wehrte ihr hoher Gemahl, „und durch Dein Ersuchen wurde er so wie so in seinen Mittheilnngen gestört. Lasse mich gehen, und weiter davon nüt ihm reden, vielleicht, das; ich Dir dann später die wichtigen Geheimnisse anvcrtrauc", vollendete er mit leichter Ironie, und zugleich sich erhebend. „Was treibt den Inden aus den Kriegsschauplatz?" forschte die Fürstin, seine 'Absicht ignorirend. „Sein Gewerbe, nichts weiter". „Ah. und sicher brachte er reiche Beute heim?!" „Beule? Samuel Nasaroff ertzandelt Alles, Kascha." Die schöne Frau zuckte, wie als 'Ausdruck leisen Zweifels mit den vollen Schultern. „So frage ihn, was er erhandelt, vielleicht irgend einen schönen Schntuck, von irgend einer reichen, jetzt kricgSbedrängte» Türkin, einer Snltanin!" Der Fürst zuckte sichtbar zusammen, und sein blühendes Angesicht färbte sich noch ein wenig höher. „Ich werde nicht verfehlen, ihn auch darüber auszuhorchen", versetzte er schnell, „denn Deine Wünsche sind mir Befehle, Kascha, Du weißt es." Damit schritt er dem Ausgange zu. „Bald bin ich wieder bei Dir". Sinnend schaute ihm die Fürstin nach. (Fortsetzung solgt.) Jüdische Silhouette» aus Galizien. Bon Aathan Samuel». XVI. Das Tüpferl auf dem I. (Sei,In».) Was war das für ein Jubel, für eine Heiterkeit, für ein glückliches Leben, die mit diesem Briefe in unsere Familie einzogen! Jetzt konnten wir ernstlich an unsere Zukunft denken und eifriger dra» gehen uns für unser baldiges Ehcleben cinzurichten. Es war gerade damals der Wonnemonat und wie in unser Herz zog Jubel, Duft und Herrlichkeit in die sonnige Welt ei». Wir micthetcn ein Häuschen außerhalb der Stadt, umfriedet von einem Garten, so daß es selber mit seinen blanken Fagaden, seinem schönen blinkenden Dachthürmchcn, wie mitten unter Blumen hervorgeblüht zu sein schien, während cs um und um von sprießendem, saftigem Grün, von Guirlandcn und von duftigen Acazienbüumcn cingehllllt tvar. Auch fehlte cs nicht an einer lauschigen Jasminlaube, um welche die junge Maisonne, die zwischen grünem Laub hervorblicktc, einen prachtvollen Teppich von Licht und Schatten nmhcrwob — just ein Plätzchen für zwei liebende Seelen. Wir richteten diese Wohnung, die wir bald nach unserer Hochzeit beziehen sollten, ein, und Ester schmückte sic mit allen Reizen ihrer liebevollen Seele. In rosigem Lichte schimmerten die Gardinen über den Fenstern, die blüthcnweiße Decke prangte auf dem kleinen Tischchen, von dem großen, schöngeschnitzten Kredcnzkastcn. nickte, unter verschiedenen neckischen Ntppsachcn, eine holde Liebesgöttin. — Alles lachte und leuchtete in diesen trauten Räumen und auf alles, was hier zu sehen war, lag, so zu sagen, die Marke einer träumerischen, liebesseligen Stimmung. — In dem Uebcrschwall seiner Gefühle fiel mir der Onkel jeden Augenblick um den Hals und nannte mich feinen Retter, seinen Beglücker, die Freude seines Alters. Die Tante vergoß gar viele Freudethränen und meiner Ester wollte das beseligende Licbeslächeln, das deutlich jedem zurief: „ich bin glücklich!" nicht mehr von den schönen Lippen weichen. Und der heißersehnte Tag war endlich da. Rechtzeitig fanden wir uns in dem Städtchen N. beim Rabbiner ein. Wir sahen de» Bote», der all unser Lebensglück mit sich führte von Angesicht zu Angesicht. Ich hätte ihn um den Hals fallen möge», Auch zeigte er mir den schcivebrics — das Document, das mir die Pforte aller paradiesischen Wonnen erschließen sollte. Der Rabbiner bestimmte den Nachmittag für die Uebergabe des Schcidebricfes. Der Vormittag gab uns viel Freudiges zu schaffen. Wir waren nämlich entschlossen, daß der Rabbiner in N. uns bald nach dem Vollzüge des Scheideactes trauen solle und da galt es alle »öthigen Papiere vorzubereiten und Anstalten für das Hvchzcitsmahl zu treffen. Endlich nahte die weihevolle Stunde der Uebergabe des Scheidebriefes Hera». Alle standen wir vor deni Rabbiner, der an der Spitze der Tafel thronte, umgeben von vielen dickleibigen Folianten, die von allen Seiten vor ihm anfgeschlagen waren. Nach der vorgeschriebenen Satzung hat der Bote, in einem Fall wie der unscrc, in Gegenwart des Rabbiners und zweier Zeugen den Schcidcbricf von dem Manne mit der Ermächtigung zu übernehmen, diesen seiner Frau in seinem Namen überreichen zu dürfen. Der Bote wieder hat den Scheidebrief ganz unter denselben Ccremonien der Frau zu übergeben. Bevor die Frau den Scheidebrief, der nicht mehr und nicht weniger als zwölf Zeilen ausfüllen darf, übernimmt, legt der Rabbiner ihr eine ganze Anzahl sorgeschricbener Frage» vor, wie z. B. „Bist Du bereit, gutwillig Dich von Deinem Manne scheiden zu lassen? Ist nicht auf Dich ein wie an h immer gearteter Zwang ansgeübt worden? Hast Du nicht irgend welche nnehrtiche 'Absicht vor?" Und nachdem sie alle diese Fragen theils mit ja, thcils mit nein beantwortet, wird ihr vom Boten der Scheidebrief ausgcfolgt, worauf der Rabbiner den Scheideact für rechtsgiltig erklärt und sie im Namen der Religion von dem frllhern Abhangigkeitsverhältniß losspricht. Vor dem Beginne des Schcideactes muß der Schcidebricf vom Rabbiner revidirr werden, ob er nach allen Vorschriften abgefaßt und geschrieben ist. Der Rabbiner schlang nun de» Gürtel um seine Lenden, setzte seinen „Spodik" aus, verproviantirte seine Nase mit einer tüchtige» Prise und nachdem er mit dem Schnupstuche sein Augenglas reingewischt hat und dasselbe sich auf die Nase gedrückt, ging er an die Revision des Scheidcbriefcs. Langsam und bedächtig las er Wort um Wort, manches zwei und dreimal wiederholend, nahm jedesmal das Augenglas herunter, um cs rcinzuwischen und fing dann nochmals von Vorne an, über jedes Wort, über jeden Buchstaben Musterung haltend. Bereits zweimal war von ihm in geschilderter Weise der Schcidcbries zu Ende gelesen und jetzt schon das dritte mal, näherte er sich den letzten zwei Zeilen. Da schlug plötzlich der Rabbiner mit seiner knöchernen Hand auf den Tisch, daß dieser in allen Fugen krachte. „Rabbi, was ist?" fuhr ich erschrocken empor. „Alles umsonst!" erwiderte der eiserne Gesctzesmann. „Was umsonst?" schrieen wir alle schreckensbleich auf. „Der Scheidebrief ist ungiltig, total ungiltig!" lautete die schneidige Antwort. „Rabbi, Sic tödten.nns!" kreischte ich verzweiflungsvoll. „Um Gottcswillcn, Rabbi, Erbarmen!" flehete der unglückliche Vater. „Nehmen Sie aus sich kein Menschenleben!" jammerte die bleiche Mutter. „Rabbi her, Rabbi hin" gab der Rabbiner zurück, der eine jühllvsc Schulchsnaruch-Maschine vor uns dastand, „der Scheidebrief ist einmal ungiltig!"