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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 7 (1885) · p. Seite 27

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
7 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Entgelt für eine Mizwe gicbts nicht hienicden — heißt es im Talmud. Kommt Dir eine Mizwe zu Händen, heißt es wieder an einer andern Stelle, greife schnell zu, laß sic nicht sauer werden. Aufbinden eine Agune, p's, ist eine große, heilige Mizwe!" Wie gehoben durch diese Worte, drehte er mit munterem Griff den Deckel seiner runden Tabaksdose aus, die dabei einen schrillen Ton vernehmen ließ, und langte mit Daumen und Zeigefinger tief in dieselbe, aus wetebcr er eine ganze Ladung Schnupftabak hcrvorholte, die er sich in die Nase stopitc. „Aber die von Ihnen gemachten Spesen?" wagte der Onkel mit zaghafter Stimme. „Das ist was anderes", gab der Rabbi zu, „daß muß ich nicht tragen. Auch meinem Schamesch**) dürfen sie nach unscrm heiligen Gesetze was zurücktaffen!" Selbstverständlich waren wir nur froh, daß uns der Rabbi diese kleine Eonzession gemacht hat. Mit eigenthümlich gemischten Gefühlen verließen wir diesen jo sonderbaren Rabbi. Gewiß wir habe» unsrerseits alles Mögliche aufgebvten und unsere Nachforschungen durchaus nicht eingestellt, aber dem Rabbiner zum Lob muß es gesagt werden, daß er einen 1 fast noch größeren Eifer als wir entwickelte. Wie Fäden liefen von ihm die Briefe nach alle» Weltgegenden aus, wo nur Juden! zu finden waren — er alarmirte alle möglichen Gemeinden, j setzte ein ganzes Heer von Federn in Schwung, denn er trug; jedem Rabbiner auf, mit dem Ortsrabbiner seiner Nachbarl fchasl sich in Fühlung zu setzen und diesen wieder zu bitten, die Fäden »ach Möglichkeit weiter fortzuspinnen. Mit kurzen 1 Worten gesagt, er entwickelte die Flinkheit eines Vogels, den i Fleiß einer Biene und die Geduld eines Lastthieres. > Und diesem großen Eifer, vereint mit solchen Mitteln, 1 »ne sic nur jenem Rabbiner zu Gebote standen, konnte auch s der Erfolg nicht ausbleibc».! Eines Tages nämlich — es war drei Monate nach i unserem Dortsein — erhielten wir von dem Rabbiner in N.! eine» Brief, worin er uns mittheilte, daß laut einem! Schreiben, welches er von einem Rabbiner in einen, Städtchen in Amerika erhalten, der Flüchtling sich dort mit einem verdächtigen Gesindel herum treibe; er befindesich in einem höchst verwahrlosten Zustande und^eS ist daher zu hoffen, daß er durch Geld sich zu einer Scheidung seiner Frau herbeilassen werde. — Beglückt von dieser Nachricht eilten wir wie auf Flügeln zum Rabbiner nach N., um alles weiter zu veranlassen, denn wie leicht könnte nicht dieser saubere Vogel uns tvieder entwischen! AlS wir beim Rabbiner anlangten, war er aber auch schon in der Lage, uns noch einen zweiten Brief von jenem Rabbiner in Amerika vorzuzeigen, der schon etwas Bestimmteres enthielt. Der Flüchtling, besagte nämlich jenes Schreiben, verlangt für die Ausfolgung des Scheidebriefes, achttausend Gulden, keine» Heller weniger, er wolle in dieser Angelegenheit Antwort abwarteu, sollte eine solche nicht rechtzeitig einlreffen, werde er ganz gewiß nicht so leicht wieder zu finden sein. Achttausend Gulden waren allerdings für die zerrütteten Vermögcnsverhältnisse meines Onkels eine unerschwingliche summ, aber dafür befaß ich von der Erbschaft meiner Mutter ein Vermögen von beinahe vierfacher Höhe und für *) Ein Gebot, religiöse Pflicht. **) Diener. Ester hätte ich ja mein Leben freudig hingegeben, geschweige denn mein Geld. Ohne nur eineu Augenblick zu überlegen, bot ich den, Onkel zu diesem Zwecke den verlangten Betrag an. Hierauf empfahl uns der Rabbiner einen seiner vertrauenswürdigsten Leute, der auch bald darauf mit diesem Betrage abreiste, um diesen den Verschwundenen dort zu übergeben und dafür von ihm nach allen rituellen Vorschriften in Gegenwart des dortigen Rabbiners und zweier Zeugen den Scheidebrief in Empfang zu nehmen. Die Reise nach Amerika hin und zurück, erforderte zur damaligen Zeit, in welcher das Dampfroß noch nicht erfunden war, einen Zeitraum von wenigstens drei Monate». Mit der Abreise des Boten zog daher so mancher Zweifel in unser banges Herz. Wird der Bote ohne alles Mißgeschick diesen großen, l.uigen, gefahrvollen Weg zurllcklcgen? Wird diese bedeutende ihm anvertraute Summe ihn nicht gar zu einer Veruntreuung verleiten? Wird er überhaupt den Verschwundenen noch in jenem Städtchen in Amerika antrcffen? Alle Sehnen, alle Fasern meines Herzens brannten in glühender, ängstliehcr Erwartung — aber mitten unter den Quälgeistern des Zweifels erschien auch die süße Hoffnung und zeigte uns einen Himmel voller Geigen, eine Zukunft , die wie in Sonnengold getaucht war, ein rosiges Leben voller Liebe und Glückseligkeit! Ganze Tage sagen wir Ohr an Ohr neben einander, ich und Ester, und was hatten wir uns nicht alles zu sagen, es waren ermuthigende, beseeligendc, trostreiche Worte — o, welche herrliche Pläne wurden da nicht für die Zukunft entworfen, welche verklärten, zauberhaften Liebesträume! Und die Hoffnung schien diesmal kein Trugbild. Bevor noch drei Monate vorüber waren, langte an uns vom Rabbiner in N. ein Schreiben an, in welchem er uns benachrichtigte, daß laut einem Briefe, den er soeben von dem Boten erhalten, derselbe bereits alles geordnet, die achttausend Gulden dem Flüchtling übergeben und von ihm, entsprechend allen religiösen Vorschriften, den Scheidebrief übernommen habe. In kaum noch einem Monat werde er mit dem Scheidebrief anlangen, schloß der Rabbiner und ermahntc uns, ja um diese Zeit bei ihm einzutreffen, damit er die von ihm begonnene Sache auch glücklich zum Abschlüsse bringe, wie es da im Talmud heißt, schloß er: Wer eine Mizwe beginnt, dem sagt man auch: endige! (Schluß folgt.) Allerlei für den Familienlisch. Da» Wrihnachtsfest. 1. Zu den jüngsten Notizen im „Familien-Batt", betreffend das Weihnachtsfest, sei noch meinerseits als Begründung dafür, daß dasselbe, wie andere christliche Feiertage, nicht nur in heidnischem, sondern auch entschieden in jüdischem Boden wurzelt, hinzugefügt: Der Name Weihnachten entspricht dem Chanucka, jenes wird am 2 5. December, dieses am 25. Kislew gefeiert; Weihnachten beginnt, wie Chanucka, in; echt jüdischer Weise schon am Vorabend des Festes beide charakterisiren sich als Lichtfeste*); allerdings ward die jüdische Idee des Chanucka: der Sieg des religiösen Geistes über die rohe Gewalt in die specifisch christliche: die Geburt des Welt he ilan d es umgewandelt. Kroner-Brandenburg. 2 Die Bemerkung in Nr. 4 des „Familien-Blattes" über den Geschichtsschreiber David Müller, daß Karl der Große den Anfang des Jahres 800 mit Weihnachten, also den *) Obige Bemerkungen sind von unbestreitbarer Wahrheit. Paulus Casiel schreibt: „Bei Weihnachten zweifelt mau hostentlich nicht metir, daß cs von Chanucka herriihrt." — Wir möchten zu Obigem noch hinzustigcn, daß die „Menora" der (Leuchter im Tempel) mit ihren aus einem Stücke getriebenen Knospen und Blüthen und ihren von beiden Seiten dem mittleren Schaft zugewandten Röhren die Gestalt eines „ Licht b a u m e s" hatte; darauf spielt vielleicht auch der Prophet Secharja (3,8 u. 6,12) an mit den Worten: nvde P3S PIX X'3I2 ’JJn, daß er den König. Messias, das Licht der Welt, mit dem st>mbolischen Rainen eines Baume» bezeichnet. —

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