Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 7 (1885) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
7 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585099--0293-9585101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 26 kratie ihres Kreises, und war es in der That auch bisher gewesen. Sic hatte enorme Summen verschleudert, um diesen maßlosen Aufwand zu bestreiten, und ihren Gatten immer gefügig gefunden, immer, außer in der letzten Zeit, denn da hatte er erst stirnrunzclnd ihren Forderungen Gewahr geleistet, dann aber zu Warnungen und Vorstellungen die Lippe» geöffnet, die sie nicht achtlos entgegen zu nehmen vermochte. Und nun'?—- Ru» lagen wieder Rechnungen über Rechnungen vor ihren Augen, Sic mußten bezahlt werden, aber wie und wodurch? Nicht den Zorn ihres Gatte» fürchtete sie, nein, nur seine Zahlungsunfähigkeit, die ihr bekannt geworden. Schon hatte sie ihren l,ohen Gemahl zu Dingen' verleitet, die nur der Czar, der Kaiser aller Renssen, genehmigen und entschuldigen konnte. Sie war ihres Gatten schöner Dämon geworden, und Ehrgeiz und Eitelkeit hatten sic dazu gemacht Ter Fürst liebte und vergötterte sic, und zum Dank dafür, führte sie ihn aus die krummen Wege der Uureellität, aus denen das Unkraut ihrer Fehler wucherte, die in üppiger Umarmung die besseren Regungen ihres Herzens, die zarten Pflanzen des Edelsinns, der Aufrichtigkeit und Klugheit erstickten. Ihre Klugheit war nur Raffinement, ihre Offenheit nur List, und mit diesen beiden Verbündeten eroberte sie, was ihr willig nicht mehr gewährt werde» konnte, Jetzt hatte ihr Nachdenken ein Ende gefunden. Hastig schellte sie mit silberner Klingel, die neben ihr auf einem Malachittischchen stand. Ein Diener erschien sofort, ei» stattlicher, schöner Tscherkesse in der malerischen Tracht seiner Hcimath, Der Fürst hatte mehrere dieser leibeignen Tscherkesse», Pschilto genannt, in seinen Diensten, I» ehrerbietiger Entfernung stehen bleibend, harrte er stnnnn der Befehle seiner Gebieterin „Ist der Fürst noch zu Hans?" fragte diese schnell, „Mein hoher Gebieter iveilt noch in seinen Gemächern," lautete die Antwort. „Allein?" „Nein," jungen Tscherkessen weder entgangen, noch unangenehm, noch ihren Stolz verletzend. Und eS war ein schöner Jüngling, und seine Leidenschaft, sein Gefühl so ursprünglich und natnrwahr, „Wirklich nur ich allein?" fragte sic fast eoguettirend, „Wenn nicht unsere allergnädigste Kaiserin wäre", stotterte der Gefragte, Die Fürstin blitzte ihn an. „Du sagst das Richtige", nickte sie. „Jetzt gehe zu meinem hohen Gemahl, dem Fürsten, und melde ihm, daß ich ihn bitten ließe, mich unverzüglich auszusuchcn. Der Jude soll warten, vielleicht befehle ich ihn selbst zu mir. Geh', beeile Dich, Schamyl!" Dieser stürzte hinweg. Kaum hatte sich die schwere, seidene Portiere hinter ihm geschlossen, so sprang die Fürstin auf. Nun zeigte sich ihre hohe, junonische Gestalt in ihrer ganzen Majestät, Sic durchmaß mehrmals das prniikvolle Gemach, Lautlos glitt ihr seiner Friß dahin aus dem persischen Teppich feinster Arbeit, auf dem auch ihre zu Boden gesenkten Blicke hasteten. Wie verschlungene Pfade und krumme Wege leuchteten ihr die farbensatten Arabeskcnmuster entgegen, und fanden gleichsam ein Spiegelbild in ihrer Seele, denn bunt und irrgängig waren die Pläne, mit denen ihr lebhafter »nd ehrgeiziger Geist sich beschäftigte. Leise Tritte hießen sie stillstehcn. Die Portiere theilte sich, der Fürst stand auf der Schwelle, Auch seine Gestalt war hoch und vom kräftigste» Baii. Sein Antlitz, von einem schwarzen Vollbart umrahmt, zeigte unverkennbar den russischen Typus, Doch es war ei» hübsches, männliches Angesicht, ein gutmüthiges Lächeln umspielte fast sterotyp den vollen Mund, und nur irr den kleinen Angen flackerte es bisweilen unheimlich auf, aber cs flackerte eben nur, denn Geistesstarke war dein Fürsten nicht allzuviel verliehen, und seine stärkste Leidenschaft war die Liebe zu seiner schöne», stolzen, herrschsüchtiqen, ihm geistig überlegenen Gattin, (Fortsetzung folgt.) „Wer ist bei ihm?" „Ein Jude," „Ein Jude?" Erregter fragte dies die Fürstin, indem sie hinzufügtc: „Sahst Du ihn, kennst Du ihn?" „Es ist Samuel Nasaroff, der Juwelenhändler." „Ah!" stieß die Fürstin aus, Sic stützte den schönen Kopf in die schmale Hand, Sie sann nach. Sie lächelte. Als sie ihre dunklen Angen erhob, blitzten sie. „Der reiche Nasaroff," äußerte sie, wie fragend, „Sein Ansehen ist größer noch, als sein Reichthum, sein Edelmuth und seine Weisheit haben ihn berühmt gemacht, weit auch außerhalb Odessa's," berichtete der junge Tscherkesse, Die Fürstin hörte nur mit halbem Ohr, sie lauschte der inneren Stimme und Sprache ihrer Gedanken, denen sic Ausdruck gab, indem sie murmelte: „Was er wohl wollen mag?! „Wenn meine gnädige Gebieterin es gestattet, würde ich vielleicht im Stande sein, sie ob des Grundes aufzuklärcn." „Rede!" befahl die Fürstin kurz. Der junge Tscherkesse verneigte sich. „Samuel Nasaroff, der fromme, weise Jude kommt unmittelbar vom Kriegsschauplatz aus der Türkei —" „Der Türkei!?" rief die Fürstin dazwischen. „Und sicher mit reicher Beute, Juwele» und Kostbarkeiten beladen," vollendete der Tscherkesse. Der Fürstin Augen funkelten, leuchteten wetteifernd mit den Edelsteinen, die die Knöpfe ihres kostbaren Morgengeivandcs bildeten. „Und Du glaubst?" forschte sie sinnend weiter. „Daß er sic meinem hohen Gebieter zum Kauf anbieten gekommen, für Euch, o Fürstin, die Ihr allein nur würdig, sie zu tragen", fügte der Jüngling mit leisem Erröthen hinzu. Die Fürstin lächelte, lächelte gnädig und wohlgefällig, denn ihrer nie befriedigten Eitelkeit war die Anbetung des Jüdische Silhouetten ans Galizier». Von Nathan Samuel», XVI Das Tüpferl auf dem I. (Fortsetzung^ „Rabbileb, Sie werden sich an meine unglücklicher Tochter . . . ," vergaß sich wieder der Onkel in seinem überströmenden Gefühle, „Wieder unglückliche Tochter!" sprang der Rabbi wllthend aus. „Kommen Sie mir schon wieder mit: unglücklicher Tochter, Kein Wort mehr! Meinen Sie etwa mich kümmert Ihre unglückliche Tochter? Mich kümmert nur das Gebot — „Aufbinden eine Agune", betonte er mit obenbezeichnctcr singender Stimme, „ist Gebot, vorgeschriebenes Gebot , , , das genügt!" „Weil man dadurch eine Unglückliche vom Verderbe», rettet", wagte ich erklärend einzustreuen. „Was will der dort!!" schäumte der Rabbi auf, mich mit seinen stechenden Blicken durchbohrend, „der will gar ein Gesetz mit dem Verstände erklären — das riecht mir nach Freigeisterei. Das Gebot ist Sache Gottes und steht über dem menschlichen Denkvermögen — wir müssen es halten, weil es vorgeschrieben ist — Punktuni! — Doch jetzt genug davon. Es handelt sich um Aufbinden einer Agune, — Wie also heißt Ihre Tochter?" wandte er sich darauf mit einer vielsagenden Handbewegung zu meinem Onkel, „wie der entlaufene Mann? Wie hat er ausgesehen? Welche besonderen Merkmale?" Der früher so ungeduldige Rabbi zeigte von diesem Augenblicke an die Geduld eines Lammes, seine frühere Auffahrenheit wich einer unglaublichen Beharrsamkeit, Er wurde nicht müde zu fragen und zu forschen, nahm alle kleinsten Details auf, diktirte stundenlange Briese und grübelte, wie wenn es ihm selber um das Leben ginge. — i f

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.