Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 7 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1885. J«7. Jüdisches Jur Mtthnltllilg «.Kklehrnng für die israklitischr Jugend, Inhalt: „Ich Hab auf Adlcrsflügclu euch getragen/' Bon De. I. G o ldschmi d r-Weilburg. — Judith oder das Perlenhalsband. Erzählung, l,Fortsetzung). - Jüdische Lilhouettcn aus Galizien. Das Tupfer! ans dem I. Von Rathan Samnely. (Fortsetzung). — Allerlei für den FaNlilienIisch: Das Weihnachtssest. — So mnsi es kommen. — .Oleine jüdische Eharakterziige. l!>. Leiser Ncugajj. — Räthscl-Slitfgaben und Üläthscl-Löjungen. „Ich Hab ans Adlersflügeln euch getragen."*) (,'?»>» Wochena bsch»i tt .J ithi-o.-Exod. I!h 1.) Wenn die Vogel ihre Junge» Aus des Nestes engem Kreise 2» des Himmels Lüfte heben, Trugen fie sie mit den Kralle». Nur der Adler, er, der König, Der sich über allen Vögeln Mit der starken Schwing' erhebet: Auf die Flügel, die ihn trage», Letzt er zärtlich seine Jnngen. Denn Gefahr droht alle» ander» Ans der .0 öhc vor dem Adler Mit de», höchste» Himmelsfchwnnge. Nur der Adler — aus der £> öhe Kann Verderben ihn nicht treffe», Ans der Tiefe, nur vom Bogen Gincs mörderischen Jägers Kan» ein Angriff ihn bedrohen. Darum trägt er nicht die Jungen Mit de» Füßen, daß der Jäger Mit dem Pfeile ans der Tiefe Ihne» nicht Verderben bringe. Nein, er trägt sic auf de» Flügeln, Den» er spricht i» feinem Herzen: „Besser, dasi der Pfeil mich treffe, Als die vielgeliebten Kinder"! — So sprach Gott: „Auf Adlersflügeln Habe ich euch aus Egypten, Kinder Israels, getragen, Hüllte ein euch in die Wolke Meiner Herrlichkeit zum Schutze, Und wenn auch die wilden Pfeile Der verfolgenden Ggyptcr Gegen euch gerichtet waren, Konnten sic euch nicht erreichen, Trafen mich, nicht eure Schaaren!" — Aus der Höhe, wo die Wahrheit Und die Liebe herrlich thronet, War Israel nie bedrohet: Denn die Wahrheit und die Liebe Lind in Israel ja heimisch; Ist doch Israel der Priester Stets der Wahrheit und der Liede, Ihm gegeben in dem heil'ge» Worte seiner Eotteslehrc, Und die Wahrheit und die Liebe Sind die Schwingen, die cs trage» Auf zur Höh' des Rdlcrflnges. . . . Aber in de» dunkeln Tiefe», In de» Abgründen des Lasters, I» dem Pfuhle schnöder Selbstsucht, Lauern tückisch wilde Jäger, Die nach ihm de» Bogen spannen. Doch die Adlerschwinge» müßten Sie, die Wahrheit und die Liebe, Und die Lehre seines Gottes Lähmen erst mit ihren Pfeilen, Wollen Israel sie stürzen. — Nun sie wollen's, sie versuchen'«, Suche» Makel, suche Flecken An der Sonne, deren Flamme Vor Jahrtausenden der Völker Nächtlich Düster hat zerstreuet, *) Nach dem Midrasch. Suchen Makel, suchen Flecke» An der Sonne aller Sonnen. Ja, man will mit wen'gen Strahlen, Die man dieser Sonn entnommen, Diese Sonne ganz verdunkeln. . . . . Ja die Jägcrschaar der Tiefe Zielet mit de» Mörderpfcilen Nach Israels Adlcrschwingen, Zielt nach Gott und seiner Lehre. . . . Doch der Herr spricht: „Besser ist cs, Daß den Kamps »ach mir sic richte», Als daß mit vereinte» Pfeile» Sie allein »ach euch hinzicle». Ihr seid Menschen, Schmerzen fliehend, Seid verwundbar und seid sterblich; Doch das Göttliche ist ewig, Unbezwinglich, »»verwundbar, Siegreich in dem Weltgewirre. Drum steht auch ohne Zage», Steht nur ruhig, ohne Sorgen, Bis sie mich besiegt nicht habe» Seid ihr sicher vor Vernichtung: Israel, zu alle» Zeiten „Trag' ich dich auf Adlcrsflügeln"! I)r. I. Goldschmidt,Wcilbiirg. Judith, oder das Perlenhalsband. Erzählung ans dcm russisch-jüdischen Leben. Von Emilin P.r. IV. Mieder in Ädeffa In ihrem, mit allem Luxus damaliger Zeit ausgestatteten Boudoir, saß. augenscheinlich nicht in die angenehmsten Gedanken versunken, die schöne, stolze, ehrgeizige, prunksllchtige Fürstin Mnralviefs. Sic achtete nicht der herrliche Aussicht, die sich ihre» Blicken darbot, da der große, prächtige Palast ihres hohen Gemahls, des Fürsten und Gouverneur's auf einem der höchsten Punkte des hochgelegenen Odessa erbaut, einen weitesten Auslug nach allen Seiten gestattete, sondern hielt das Auge auf Briefe und Papiere in ihreli feinen Händen gesenkt. Sie knisterten zwischen ihren Fingern und machten sie taub gegen das nicht allzuferne Rauschen des schwarzen Meeres. Düstere Falten hatten sich der schönen Frau um Rase und Mund gezeichnet, und die helle Stirn krausgezogen, so daß die dunklen Brauen sich trafen, wie zwei verhängnißvolle Gewitterwolken, im Zusammenstoß ihren ganzen Groll entfallend. Ein weißes buntgesticktes, loses Kaschemirmorgengewand umhüllte ihre imposante Gestalt, schmiegte sich schmeichelnd au die vollen Glieder, und von dein gesenkten Haupt fielen in langen, seidenen Strähnen die kohlschwarzen Haare, so lebhaft contrastirend, daraus nieder. Ein Aussatz von weißen Spitzen bedeckte nur den Scheitel, und war init farbigen Schleifen, >vie von bunten Schmetterlingen umflattert. Sie >var ein prunklicbendes Weib, die schöne Fürstin Murawiefs, ihre ganze Umgebung bewies dies, sie war jung und eitel, erregte Bewunderung und wollte sie erregen, wollte stets schöner sein und glänzender, als alle anderen Damen der hohen russischen Aristo-