Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 6 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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Ich weis; nicht, mich trieb es zu Dir, zu Dir, den ich durch meine Verblendung so schwer verletzt — es will mir immer scheinen, das, Tu' mir in der großen Roth Hilfe bringen wirft," — Es brauchte wahrlich nicht erst solcher rührenden Worte mich zu ermuihigen, alles für Ester aufzubieten. Ich machte, mich sofort auf und reiste mir dem Onkel zu ihm nach Hause, Wenn es überhaupt noch einer Ermuthigung für mich bedurfte, sogar mein Leben, wenn es nölhig fein sollte, für die Rettung der armen Ester hinzugeben, so war es ihr Anblick, so war es sie selbst, die ich so traurig, so gedrückt wieder wor mir sah und die mit dem wehmülhigen Zug in ihrem Gesichte, noch anmuthiger, noch schöner, noch verklärter in meinen Augen erschien , , , Keine Sache ivar mir zu schwer. Ich trat größere Reisen an, um die Spur des Verschwundenen zu finden. Ich bot große S.nnmen aus, forschte und suchte, doch alle Mühe war vergebens, — von dem Verlorenen war kein Lebenszeichen auszusinden. Da leitete mich das eivige Grübet» und Nachdenken, wo doch enien Ausweg zu finden, auf einen Gedanke», von dem ich mir manche Hilfe versprach. In der Stadt R. nämlich, weilte damals eine der bedentenbsten rabb, Capazilüten, die ihren Einfluß überall hin erstreckte, Ivo überhaupt jüdische Gemeinden vorhanden waren. Ich beschloß, diesen Rabbiner mit der Bitte anzugehen, daß er uns in dieser Roth mit seinem mächtigen Einfluß beisteye. Der Onkel, dem ich meinen Entschluß mitgeiheilt, klammerte sich mit beiden .Händen an denselben und so traten wir auch an demselben Tage die Reise zu jenem Rabbiner an. Der Rabbiner in N,, in dessen Stube wir unS TagS darauf befanden, war Talmudist btS auf den Knochen, so zu fügen ein versteinerter Schulchan Aruch-Mann, ein Mann, dessen Jdvl der tobte Buchstabe des jüdischen Gesetzes war und bei dem alle Gefühle, alle menschlichen Regungen, alles Denken und Enipfinden in dem todten Buchstaben erstarrten, in dem todten, vvrgeschriebenen Worte des Gesetzes, das er mit aller Kraft seiner verknöcherten Seele blind und rücksichtslos anbetete. Vor diesem Rabbi, aus dessen Augen wilde, unheimliche Blitze schossen, standen wir nun beide — ich und der Onkel, „Run was wollt Ihr? Ein Din Tora*), eine Schaale**), oder sonst was?" fuhr uns der Rabbi barsch an, der sich beim dünnen und spitzigen Barte faßte und sich dessen arg zerkauete Ecke in den Mund langte, „Nein, kein Din Tora" fing der durch diese Ansprache verblüffte Onkel mit bebenden Lippen an, „So redet tvas — mir kurz, kurz!" drängte der ungeduldige Rabbi, einige Mal mit der Hand in der Luft h'erumfahrend, wie wenn er Fliegen sänge. „Meine arme Tochter . . begann der noch mehr verlegene Onkel. „Arme Tochter!" schnitt ihm der Rabbi scharf das Wort ab, der vor Aufregung die Barlspitze aus seinem Munde fahren ließ — „Arme Tochter — was geht mich Eure arme Tochter an? Keine langen Einleitungen — nur kurz, kurz, kurz!" *, Eine Streitsache. **) Eine rituelle Frage. „Meine arme Tochter —" rang der erschrockene, ganz fassungslose Onkel vergebens »ach Worte, „Arme Tochter!!" schnellte der Rabbi wie ein Gummiball empor, indem er wllthend mit seiner knöchernen Hand aus den Tisch schlug, daß alle die verschiedenen, auf demselben sich befindlichen Folianten gleich ihm in die Höhe fuhren. „Wieder arme Tochter und wieder arme Tochter und kein Ende mehr! Wie oft muß ichs denn hören? Was geht mich Euere arme Tochter an? Kurz, was wollt Ihr — machts kurz!" „Seiner Tochter ist der Man» durchgegangen". griff ich jetzt ein, indem ich mit einem Athemzuge die Worte hervorstieß, so daß der fromme Mann nicht einmal Zeit hatte, den Mund zu öffnen, „Der spricht wie ein Mensch", äußerte der Rabbi seine Zufriedenheit „bester noch wäre, wenn er kurz gesagt hätte: sie ist eine Aguue*>, „Ja Agune", stimmte jetzt auch der Onkel, dadurch ermuthigt, ein, „Also eine Agune!" wiederholte der Rabbi, sich bedächtig den Bartsglättend, „das ist eine ganz andere Sache — Aufbinden eine Agune ist Gebot und nach der Behauptung des Alfcs wiegt dieses alle andern auf — also nochmals eine Agune" näselte er mit einer talmudischen Melodie „Eine Agune , , , eine Agune!" (Fortsetzung folgt.) Die Entstehung des Namens „Conga" i Ungefähr um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts j lebte in Lissabon ein Jüngling, abstammend aus einer jüdischen Familie, die sich hatte taufen lassen, um der damals üblichen religiösen Anfeindung zu entgehen. Er entsagte den gewöhnlichen Lustbarkeiten der Jugend, warf sich vielmehr mit Eifer und ganzer Kraft aus das Studium der nautischen Wissenschaft in der es damals noch so viele Räthsel zu lösen gab. Dieser Jüngling hieß Jacob Eoh» oder, wie die Portnj giesen ihn nannten, Diogo Eao», Obgleich es ihm selbst j nicht gelang, eines der große» Probleme der Schifffahrt zu j lösen, erwarb er sich durch unablässiges Forschen in der nautischen Wissenschaft gründliche Keuntniß aller Hilfsmittel damaliger Navigation, ja seine Kenntnis; darin war so groß, daß, als er sich, um seinen Beruf festzustellen, auf der Marineakademie von Lissabon zur Prüfung gemeldet hatte, nach deren Ablegung von den Professoren einstimmig zur Promotion unter der Gunst des Königs empf»hlen wurde, Alphvns V., genannt der Afrikaner, gewann den Jüngling bald lieb, nicht allein seiner Kenntnisse im Seewesen halber, die damals, in der Glanzperivde des portugiesischen Reiches, über Alles geschätzt waren, sondern auch wegen seines stillen und dabei entschlossenen Charakters, Nachdem Jacob Cohn den Dienst an Bord der Kriegsschiffe in kurzer Zeit gelernt hatte, ward er Seeoffizier und lhat sich als solcher im Laufe der Jahre dermaßen hervor, daß er schon im Jahre 1480 Admiral war. Zur selbigen Zeit hielt sich in Lissabon, angezogen durch die Bestrebungen Portugals auf dem Gebiete der Geographie und nautischen Wissenschaft, Martin Behaim auf, ein junger Gelehrter aus Nürnberg und Schüler des Regiomontanus. Er empfahl der Admiralität das Astrolabium seines Lehrers, und dieses fand denn auch auf den portugiesischen Schiffen Eingang. Bei dieser Gelegenheit war Behaim mit dem Admiral Cohn bekannt geworden, und zwischen beiden entstand rasch Freundschaft, vertieft durch ihr beiderseitiges Bemühen, der Wissenschaft und damit der Menschheit zu dienen. Wenn Cohn nicht eingeschifft war, konnte er sich von Behaim nicht trennen, aber bald sollte er Gelegenheit bekommen, ihn auch auf der See bei sich zu haben und sich an seiner geistvollen Arbeit und seinen lustigen Einfüllen zu erfreuen. Im *) Eine vom Manne Verlassene.