Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 6 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 — X „Nur die Dankbarkeit?! Ah, schöne Judith, als ich Euch da vor mir erblickte in dem ganzen zauberischen Reiz Eurer Anmuth und Lieblichkeit, umfluthct von dem Gold Eurer Locken, durchlodert von edlem Zorn, bebend vor Furcht in ahnungsvoller Unschuld, da war cs ein anderes Gefühl, das mich erfaßte, mich durchschanerte, ein Gefühl des tiefsten Mitleids und der Liebe" . . . vollendete er innig. „Der Liebe?!" lispelte Judith, und schlang die schmale» Hände ineinander, und sah nach ihrem Vaters, der einige Schritte vor dem Grafen und ihr dahinwandelte, zum Zelte des Fürsten Paskcwitsch. Wie ein geängstigt Vöglein wollte sie zu ihm eilen, als schützenden Fittig seinen Arm ergreifen. Doch der Graf hielt sie zurück. „Höre mich, Mädchen," sagte er und der melancholische Ton seiner Stimme corrcspondirte wunderbar mit dem sanstdüstcrnen Ausdruck seiner schönen Augen, „wer weiß, ob >vir uns je wieder begegnen, jemals Wiedersehen. Der Krieg ifl ein wilder Geselle, aber Dein Bild wird leuchtend in meiner Seele stehen. Unauslöschlich ist der Eindruck, den Deine süße Schönheit, Dein cigenlhütnlich Wesen auf mich ausgellbt. Wie ein Strahlenblitz süßester Erkenntniß durchzuckte mich bei Deinem Anblick das Gefühl rcitisler Liebe. Raube es mir nicht, liebliche Judith, lasse mich Deiner gedenken, wie > der blauen Wunderblume, die inan erschaue», aber nicht j pflücken darf. Lasse mir die Jllussion, daß Du mich lieben; könntest, wirklich liebst, versprich mir, mich als Deinen besten Freund zu betrachten, der in aller Roth und Gefahr Dir beizustehcn stets bereit sein wird, so lange — er lebt," vollendete er letsc seufzend, wie von banger Ahnung erfaßt. Judith zitterte. Er zog ihren Arm in den seinen. Sie duldete es. Er sah ihr in das erglühte Gesichtchen. Sic lächelte, wie ein glückliches Kind. „Könntest Du mich lieb haben, Judith?" forschte er. „Mehr noch als meinen Baler, und das ist mehr, als die ganze Welt!" cntgcgncte Judith mit der begeisterten Einfachheit eines innigen Wonnegefühls der Liebe und dem ganzen Stolz ihres Glückes. Graf Urugicwo wollte sie in seine Arme schließen, doch er besann sich. Er zog nur ihre kleine Hand an seine Lippen und küßte sie heiß und leidenschaftlich. „Süßes, liebes Kind!" flüsterte er zärtlich. „Und Du, wirst Du Dich meiner erinnern, und eingedenk bleiben, daß ich Dein Freund, mich rufen, Dich an mich wenden, wenn Roth und Gefahr Dir drohen sollten, wenn man Deine Hand, Dein Herz begehrt?" — „Ich verschenke »reine Hand nicht ohne mein Herz und dies — gehört Euch!" unterbrach ihn Judith mit lächelnder Entschiedenheit und heißem Erröthen. „Und wenn wir uns nie Wiedersehen sollten, Judith?" fragte der Graf mit tiefbewegter Stiinme. „So wird mein Herz todt und wer dann meine Hand fordert mir gleichgültig sein," versetzte Judith voll hochgradiger Erregtheit. „Aber nein, nein, es kann, es darf nicht sein," fügte sie angstvoll hinzu und mit thränenumflorten Augen schaute sie zu ihm auf. Er faßte ihre Hand und schloß sie fest in die seine. „O, Judith, und könnten wir denn je einander angehüren?" „Ich glaube, nein," sagte sie tonlos. Dann aber hob sic das zierliche Haupt und lächelte ihn an. „Sv gabt Ihr mir zu gleicher Zeit das höchste Glück und das tiefste Elend; ich kann Euch deshalb nicht loben, noch tadeln, denn ich kan» Euch eben nur lieben." Sie waren vor dem Zelte des Fürsten angelangt. Die Gegenwart erforderte ihre beiderse>tige Aufmerksamkeit. Judith hing sich an den Arm ihres Vaters. Der Graf winkle seinen Schützlingen ihm in's Innere des Zeltes zu folgen. Er wies ihnen Raum und Lagerstatt an. Doch Vater und Tochter fanden nicht Ruhe noch Schlummer. Judith war still und träumerisch, Samuel tief-nachdenklich. Ihm, dem scharfen Beobachter und Menschenkenner waren des Grafen und Judith's Regungen nicht entgangen. Seufzend gedachte er der ahnungsvollen Worte seines Weibes Rebecca. Seine milden Augen hefteten sich fest auf der Tochter Antlitz. Sie sah glücklich, ach so glücklich aus, nur an de» langen Wimpern glänzte es feucht, wie von Thränen. Was Samuel dachte und fürchtete, er sprach es nicht aus, er fragte nicht, er kannte sein Kind, dies Kind aber schwieg, und nur die zunehmende Zärtlichkeit, mit der sie ihn später überhäufte, bestätigte ihn>, was er ahnte. Der Graf hielt Wort, er sorgte in umfassendster und bester Weise für die Rückbeförderung Samuel's und Jndilh's nach Odessa, in ihren, Hauptthcil zu Wasser. Der Avschicd war warm-freundschaftlich von der einen, tief-dankbar von der anderen Seite. Und von Judith? „Judith, süße Wunderblume, geliebtes Mädchen, lebe wohl; gedenke mein, und verzeihe mir," flüsterte der Graf ihr zu, Judith aber lächelte ihr lieblichstes Lächeln und verhüllte dann rasch ihr Angesicht mit den Türkenschleiern Achmeid's. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouetten aus Galizien. Bon Nathan Samnely. XVI. Das Tüpserl aus dem I. (Fortsetzung.! Während dessen — es waren beinahe vier Jahre verstrichen — erwarb ich mir in meinem neuen Wohnstädtchen einen sehr guten Namen, wozu aber leider etn sehr trauriger Umstand beigetragen hat — meine theucre Mutter nämlich starb mir. Dadurch auf mich selber jetzt angewiesen, kam ich in öftere Berührung mit den Leuten der Stadt, die bei dieser Gelegenheit in nur meine humane Gesinnung, meine Ehrlichkeit und Biederkeit in Handel und Wandel schätzten, ja auch mein bischen Wisse» erwarb sich ihre Achtung in hohem Maße. Die Jahre, die unterdessen verstrichen, kühlten jedoch nicht im mindesten die Licbesgluth in mir, die ich für die Ester empfand, ja, ihr trauriges Loos ging mir so zu Herzen, daß es nuch oft ganze Nächte nicht schlafen ließ. Ich suchte aber alles zu erfahren, ivas Ester betraf und;o geschah cs, daß ich eines Tages die traurige Wahrnehmung machte, daß über das HauS des armen Onkels und besonders über das Haupt der unglücklichen Eiter eine gar traurige Katastrophe herangebrochen ist. Das saubere Schwicgcrsöhnchcn nämlich entlockte unter einem Vorwände seinem Schwiegervater eine hohe Summe von mehreren tausend Gulden und verschwand spurlos mit derselben aus seinem Hause. Mit dieser Zeit fand ich keine Ruhe mehr, so sehr erfaßte mich das traurige Schicksal der unglücklichen Ester, und ich weiß nicht, etwas auch wie ein Strahl von Hoffnung stahl sich mir ins Herz, daß Ester vielleicht doch mein sei» werde, wenn cs mir nur gelingen könnte, die Spur des Verschwundenen aufzufindcn. Freudigen Herzens hätte ich alle meine Kräfte dem Onkel angcdoten — denn ich erbte auch ein namhaftes Vermögen von meiner Mutter — aber wird der Onkel nicht meine Hilfe verschmähen? Wird er mich nicht derb von sich zurückweisen, wenn ich mit meinem Anerbieten vor ihn hintrcten werde? Durfte ich es wagen, mich ihm jetzt zu zeigen? Würde er es nicht gar von mir als eine Art Schadenfreude ansehen? Ueber alle diese Fragen, die in mir stürmten, brachte mir bald Einer die beste Lösung und dieser war kein anderer als der Onkel selbst. Eines Tages nätnlich erschien dieser bei mir in der Wohnung — doch war das mein früherer Onkel? Nein, kaum einen Schatte» sah ich von ihm, einen gebrochenen Menschen, mit tief gesenktem Haupte, furchenreichetn und von Gram verzerrtem Gesichte — und wie er vor mir dastand, mein armer Onkel, gebückt, gebeugt und