Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 6 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches 188S. irt-ßli// Jur Wlrrtialtuilg u. Kelehrung für dir israelitische Jugend. Inhalt Himmlische Speise. W»chenabschnin B«sch-llach.-Exod. 1V. 4). - Judith »der das LerlenhalSband. Erzählung - Jüdische ' aus dem I. Po» Nathan Samuely. — Tie Entstehung des Namens „Eongo". — Alterte: sur den ,yomtlienti|cf)- Ein Zeichen * der Zeit. — Riithscl-Ansgabcn n»d Räthsci-Lösungen. Himmlische Speise. (Zum Wochenadschititt IZsseÜLttaod.-Itxoä. ll», 4.) Heist brannte die Tonne hernieder auf's Land, Es glühte wie Kohle der Wüstensand; Kein Baum, kein Halm reicht atzende Frucht, Und Israel hungert auf feiner Flucht Aus Egypten, und murrend es Gott versucht. . . Doch der Vater ruft aus des Himmels Kreise: „Ich lasse euch regnen himmlische Speise!" Sie zieh» an den Sinai, de» Hügel so klein, Den hüllet ein mächtig Gewölkc ein, Es donnert, es blitzt mit gewaltigem Strahl, Und Israels Stämme vernehmen zumal Vom Berge herab da drunten im Thal Die Zehugebotc i» göttlicher Weise . . . Da regnet herab ihnen „himmlische Speise". Und ist, o mein Bruder, dir öde und wüst Das Lebe», durch das du verzagend ziehst; Bliek' auf zum Vater, Er läfit dich nicht, An Boten und Mittel» Ihm nie es gebricht, Ans dem nächtlichen Himmel bricht Sternenlicht Und ans des Herzens Tiefe» quillt tröstend leise Und aus dem Himmel herab dir „himmlische Speise". Und auch du, mein Kind, mit zärtlichem Geist: Wenn der Vater, der Lehrer, dich unterweist Don Gott, Aller Vater, de» Augen verhüllt, Von der Seele, dem göttlichen Ebenbild, Von dem Gotteswort, das die Leidenschaft stillt, D öffne dein Herz mit willigem Fleiste: Es regnet hernieder dir „himmlische Speise!" Ur. I. Goldschmidt-Weilbnrg. Judith, oder das Perlenhalsband. Erzählnng aus dem rnssisch-jndischcn Leben." Von Eniilia P.r. (Fortsetzung.) Hieraus berichtete sie ihm Alles, in fliegender Hast zwar, aber mit dem ganzen Schmelz ihrer süßen Stimme, dem Zauber ihrer phantasiereichen Beredlsamkcit und kindlicher Unschuld. Nichts verschwieg sic, nicht die ihr lästige Bewerbung Jsmael's, seine Anbetung, vor der flüchten zu können, ihr sehr lieb gewesen, daß sic furchtlos der Flucht und ihren Gefahren entgegensetzen unv trotzen zu können geglaubt. Der Graf lächelte. „Armer Jsniacl, wer kann es ihm verdenken, daß er sein Herz an Dich, Du schönes Kind, verlor!? Doch sprich, bist Du immer so grausam?" Verwirrt ob dtescr Frage senkte Judith rasch den Blick zu Boden. *) Nachdruck Vorboten. Wieder beugte sich der Graf zu ihr nieder, doch jetzt hob er sie vom Boden auf, so sanft, so leicht, als hätte seine Hand noch nie des Krieges rauhe Sitte geübt. „Und sprich, wie alt bist Du, meine tapfere, grausame, kleine Landsmännin?“ „Sechszehn Jahr!" bauchte Judith fast unhörbar. Der Graf hielt ihre kleine Hand, sie ließ sie ihm, wie im Traume. Michael Gregorowitjch bebte innerlich vor Wuth. Da näherte sich Samuel den Beiden. „Darf ich Ew. Gnaden jetzt meine Papiere zur Einsicht reichen, meinen Paß u. s. w.," fragte er ruhig und ohne jede Ostentation, indeni er dabei seinen einen Arm um Judith schlang. Hastig wandte sich der Graf zu ihm und griff nach den Papieren. Eiligst durchflog er sie. „Alles in Ordnung, Kamerad," wandte er sich zu Michael Gregorowilsch, „das Halsband hat der Jude ehrlich gekauft, es gehört ihm. Ich verstehe genug türkisch, um den Schein, gefertigt ob dieses Kaufes, lesen und deuten zu können. Verlasse Dich daraus. Einen Rath möchte ich Dir noch geben," fügte er lächelnd hinzu, „lasse Dich nicht wieder durch ein hübsches Müdchengesicht zu solch einem Jrrthum verleiten, es könnte Dich leicht mehr gereuen, als heut', Michael Gregorowilsch." Dieser biß sich auf die Lippen und wurde dunkelroth, doch sagte er nichts, nnr seine rollenden Kohlaugen warfen häßliche, stechende Blicke auf den Graten und die erglühende Judith. „Samuel Nasaroff," trat der Graf aus dieseir zri, „kommt, folgt mir urit Eurer schönen Tochter nach meinem Zelte. Ich will Euch anbieten, was ich habe, vor Allem Zurückgezogenheit und Ruhe. Ich übernehme nun auch gern alle ettvaige Verantwortung und tverde Sorge tragen, daß Ihr sicher und ohne Unheil, ohne Störung Euren Heimathsort Odessa erreichen könnt." „Wir werden Ew. Gnaden dies nicht vergessen", sagte Samuel ernst und feierlich „ob Ihr auch die Dankbarkeit eines Juden wenig schätzen solltet, und obgleich wir ja Russen sind, auch nichts Strafbares begangen hatten." Der Graf nickte freundlich, Judith aber ergriff in der Ueberwallung ihres Gefühls seine Hand und küßte sie. Rasch entzog sie ihr der Graf, und hauchte einen Kuß auf ihre alabastcrweiße Stirn. „Daß Sie mich nicht vergessen, darum bitte ich sogar," sagte er dann, Samuel, dessen Wesen und Erscheinung auch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben, die Hand reichend, wieder aber zu Judith sich wendend, die noch wie betäubt dastand und zu Boden starrte, flüsterte er leise und dringend bittend; „Vergeht mich nicht, schöne Judith, nie, niemals! Wollt Ihr mir dies versprechen, fest geloben?" Judith hob die wimperbeschleierten Augen zu ihm aut. „Meine Dankbarkeit ist so unverbrüchlich, wie ein Gelöbniß, Herr Graf," bebte sie hervor.