Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 5 (1885) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
5 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585089--0283-9585091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

18 — und ein, trotz der unsicher-flackernden Beleuchtung des Wachtfeuers, beirlich-schimmerndes Perlenhalsband um den feingebogenen Hals, während die goldigen Locken in wirrem Durcheinander ihre Schultern bedeckten und die braunen Gazellenaugen blitzten und funkelten. Das flackernde Licht ließ ihre Züge nur um so bewegter erscheinen, die Weiße ihrer Haut, der Perlen Glanz hoben sich leuchtender ab uon der Schatten Tiefe, Ein „Ah" des Staunens und der Bewunderung glitt von der umstehenden Soldaten Lippen, dem bald noch andere Worte wie: „eine Türkin, eine Odaliske, eine Kadine!" folgten, und das warnende „Judith!", daS Samuel anSgestoßen, ungehört vorübergehen machten. Doch rasch trat er ihr zur Seite. Sie bemerkte es kaum. Hastig wogte ihre jugendliche Brust und wieder theilteu sich ihre seinen,, rosigen Lippen zur Gegenrede. Aber Samuel faßte ihre Hand und flüsterte ihr zu: „Judith, mein Kind beruhige Dich, oder Du reißest uns in's Verderben, Fasse Dich, ich bin bei Dir," Ruhig, und mit der ganzen Würde seines Wesens, die ihn so unnachahmlich auszeichnete, trat er bis dicht an den jungen Offizier heran, und bat ihn, dieser Scene ans Rücksicht für seine Tochter ein Ende machen, sie wenigstens beim Adjutanten des Fürsten melden zu wollen, „Meine Geschäfte", fügte Samuel sanft vorstellend hinzu, „haben Eile, Ew, Gnaden, ich muß nach Odessa zurück, muß mein Kind den Gefahren und Belästigungen entziehen, die ihm überall im kriegüberzogenen Laude drohen". Doch der junge russische Aristokrat sah und horte ihn nicht. Sein Blick hing an Judith, ihrem lieblichen Angesicht, ihren reizenden Formen mit verzehrender Leidenjchaftlichkeit, Wie eine Schlange ihr kostbares Opfer, so betrachtete er Judith, und feine kohlschwarzen, brennenden Augen hafteten auf ihr und bohrten sich in sie herein mit erbarmungslosem Verlangen. Und Judith zitterte auch unter diesem Blick. Endlich öffnete er den dunkel-überbarteten Mund: „Sie ist eine Spionin und Diebin zugleich!" zischte er in grausamer Anklage hervor, „Führt sie hinein in mein Zelt!" befahl er kurz, zu zwei Kosacken sich wendend. Doch da stand hoch aufgerichtet neben ihr die Gestalt Samuel's. Die eine Hand schirmend auf ihr lockiges Haar gelegt, die andere einen feinen, mit Edelsteinen besetzten Dolch umspannenv rief er mit lauter entschiedener Stimme: „Wer sie berührt ist des Todes!" Ein tückischer Blick des jungen Offiziers traf ihn, wie tödtlich, ob dieser Kühnheit, „Entreißt ihm die Waffe, und bindet ihn!" befahl er wüthend und ohne Besinnen. Judith stieß einen durchdringenden Schrei aus und schlang die weißen, vollen Arme um des Vaters Hals, Doch gleich wieder hob sie das schöne Haupt, und mit trotzigem Munv und kühnem Blick rief sie dem jungen Offizier zu: „Nicht die Waffe ihm, nicht den Vater mir, darfst Du entreißen, grausamer Barbar!" „Wer, junges Mädchen, ist ein Barbar?" fragte da plötzlich eine tiefe, klangvolle Männerstimme. Judith wandte das Haupt, Ihr staunender Blick traf auf ein wunderbar-edelgeschnittenes Antlitz mit leichtgebogener Nase und dunklen, melancholischen Augen, Der schöne Kopf ruhte auf einer hohen, kräftigen Gestalt, und der dunkelgrüne, goldgestickte Waffenrock zeigte und hob veren Eleganz und Geschmeidigkeit, Bewundernd hing Judilh's Blick an dieser edlen Erscheinung. Dann senkte sie tieferröthend die immer größer gewordenen Augen, zeigte stumm auf den Offizier, und barg ihr Gesicht an der Schulter ihres Vaters, „Graf Urugiewo, der Adjutant des Fürsten!" murmelte dieser ein wenig betroffen, Judith hatte es dennoch erlauscht. Hoffnungsfreudig schaute sie wieder auf. Der Graf stand nun vor ihr, noch schöner und edler. Schweigend schauten sie einander an. Die melancholischen Augen des Grafen tauchten sich hinein in die leuchtenden Sterne der schönen Judith, und während diese sich verschleierten, flammten jene auf, als hätten sie im schnellen Wechsel sich vertauscht, oder doch ihre Eigenthümlichkeiten, „Fürchten sie nichts, schönes Kind," sagte der Graf gütigen Tones, nicht für sich, nicht für Ihren Vater," Dabei streifte er die hohe Gestalt, die feinen, durchgeistigten Züge Samuel's, Dann wandte er sich mit einem unmerklichen Lächeln ab und dem jungen Offizier zu,, „Michael Gregorowitsch", hob er ernst zu diesem an, „warum nennt Dich dieses Mädchen einen Barbaren? Warum sandtest Du nicht zu mir, da sie und ihr Vater mich doch sprechen wollte», wie man mir sagt?" „Sie ist eine Diebin und Spionin", grollte dieser hervor. „Woraus schließt Du das, da sie doch eine Russin ist?" fragte der Graf weiter, „Eine russische Jüdin ist sie, eine Landesverrätherin," eiferte Michael Gregorowitsch, „Betrachtet sie Euch doch, das kostbare, türkische Gewand, und das herrliche Perlengeschmeide. das ihr Hals und Busen schmückt. Gestohlen hat sie Beides, ich wette, oder ein Sündenlohn ist es für schon verübte Nerrätherewn, Laßt auch den Kerl da," hier zeigte er auf Samuel, „der sich ihren Vater nennt, nur hübsch visitiren, wer weiß, was er noch alles an Gold und Kleinodien bei sich trägt. Verrätherei ist ein gar einträglich Geschäft!" fügte er verächtlich hinzu, „Er lügt, er lügt, o glaubet ihm nicht!" schrie Judith außer sich, und indem sie sich dem jungen Grafen zu Füßen stürzte. Flehend hob sie die kleinen, weißen Hände zu ihm empor, doch Kopf und Angen hatte sie zu Boden gesenkt, so daß die seidenen, schimmernden Locken fast diesen berührten und Gesicht und Schultern mit goldenem Mantel umhüllten, Graf Urugiewo beugte sich zu ihr nieder, und berührte leicht ihr Locken-umhülltes Haupt. „Stehe auf, Mädchen, und fürchte Dich nicht. Sprich, erzähle, berichte mir Alles der Wahrheit gemäß," sagte er dabei sanft und eindringlich. Mit unnachahmlicher Grazie warf Judith die wirren Locken zurück, hob den zierlichen Kopf und schaute zu dem Grafen empor. Ein unendlich süßes Lächeln der Dankbarkeit umspielte ihre feinen, vollen Lippen und leise sagte sie: „Nein, knieend hört mich an, edler Graf, und wenn ich geendet, und Ihr mich und meinen Vater als schuldlos erkannt, dann will ich mich erheben, als Eure Landsmännin, wenn auch nur — eine Iüdi n." (Fortsetzung folgt.) Jüdische Silhouetten aus Galicien. Bon Nathan STatnueli). XVI. Das Tüpferl auf dem I. (Fortsetzung,! In einem Städtchen wie S,, wo die Heirathsvermittler in den Gaffen herumwimmeln, fehlt es in der That auch nicht an Bräutigamen in allen beliebigen Fapons, je nach Bestellung, Und so kam es, daß der Onkel eines Tages seine Tochter mit der Mittheilung überraschte, daß er bereits für sie einen Bräutigam herausgesucht habe, wie er sich ausdrllckte „ein feines, seidnes Lehrnjüngel." Ester fühlte, daß es ihr bei dieser Mittheilung wie ein Riß mitten durchs Herz ging, doch sprach sie kein Wort dagegen. Welche jüdische Tochter hätte es zur damaligen Zeit gewagt, nur durch ein einziges Wort vem Vater zu wiversprechen? Auch später, als man sie für den Berlobungsabend schmückte, ließ sie wie ein stummes Opfer mit sich alles geschehen, ohne durch eine Bewegung Widerstand zu leisten — nur bedeckte eine auffallende Blässe ihr Gesicht, Aber an diesem Abend hatte der Onkel, der glücklich war, seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.