Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 4 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Just um diese Zeit machte ich die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der in der ganzen Stadt in gar üblem Rufe stand, ja in den Augen aller Gemeindemitglieder völlig geächtet war. Der gemeinsame Gang nach einem und demselben Gegenstand vermittelte unsere Bekanntschaft. Es war damals nämlich eine Zeit, in welcher die Nacht der Unwissenheit, die alle galizisch jüdische» Gemeinden bedeckte, nach nnd nach einer jungen Morgenröthe zu weichen anfing. Ein kleines galizisches Städtchen Zolkow war es, in welcher jene junge Sonne anfging, »nd eine kleine Schaar erleuchteter Männer wieder waren es, die sie hervorgerufen. Aber ivelch unheimliches Gekrächz ließen damals alle Nachtvögel vernehmen, die vom ersten Sonnenstrahl aufgescheucht wurden! Wie schüttelten »nd regten sie ihr schwarzes Gefieder, um jene Sonne zu verhüllen, ivelche schreckliche Bannflüche schleuderten sie herab auf das Haupt derjenigen, die dem Lichte immer breitere Bahn zu brechen suchten. Allein das war vergebliches Bemühen, die Sonne konnten sie dennoch nicht in ihrem Lause aufhalten. Kein Städtchen gab es in Galizien, wo sich nicht irgend Einer finden sollte, der einen Strahl der Aufklärung anfgefangen utkki ihn weiter zu verbreiten suchte Das Loos eines solchen war wahrhaftig kein beneidenswerthes, er war ein echter Märtyrer seines inner» Berufes. Die geblendete Menge höhnte, verfolgte ihn, warf ihn wie etwas Unreines von sich fort, oft lief er Gefahr, von der Masse gesteinigt zu werden; kurz er durfte sein Gesicht nicht zeigen. Der junge Mann, dessen Bekanntschaft ich damals gemacht habe, war ein solcher Märtyrer. Geheim schlossen wir unser» Frenndschaftsbnnd und mit ängstlicher Scheu, wie zwei Verbrecher, suchten wir jeden Tag ein geheimes Winkelchen in einem Kellerboden auf, wo wir bei spärlichem Lichischein unfern verbotenen Studien oblagen. Dort aber ging uns erst die rechte Sonne aus, die jedes Winkelchen in unserem Innern erleuchtete, nämlich die Sonne der Aufklärnng. Was waren das für genußreiche Stunden, die wir dort verlebt. Die Bibel in der deutschen Uebersetzung Mendelsohns, die wir dort studirten, offenbarte uns die Majestät der wahren, göttlichen Poesie, die in der heiligen Schrift lebt und webt. Dort machten wir auch die Bekanntschaft des großen, deutschen Dichters Schiller, jenes gottbegeisterten Sängers, der uns auf seinen Adlerfittigen mit sich forttrug in eine ideale Welt voll Dllft und sonnigen Lichtes. Alle Werke der erleuchteten Männer jener Zeit waren von uns mit wahrem Heißhunger verschlungen. Wir schwebten in höheren Sphären und vergaßen die Außenwelt ganz um uns her. Leider nur wollte die Außenwelt an uns nicht vergessen . . . In der Klaus fing man an zu munkeln, ich sei ein Ketzer, ich befaßte mich mit gottlosen Büchern. Das Munkeln ging bald in ein wüstes Gekrächz über, das alle Eule» der Klaus gegen mich erhoben. Hundert giftige Augen schossen auf mich nieder, so oft ich beim Beten erschien und bald mußte ich mich daran auch gewöhnen von Gassenjungen auf offener Straße mit dem Rufe verfolgt zu werden: „Du Apikores, ketzerischer Hund u. s. w." Kurz mein Geheimniß, das ich so sehr zu verbergen suchte, war jetzt stadtkundige Sache. Natürlich ist es, daß auch mein Onkel, der Vater Esters, es bald erfuhr, in welchen Rufe ich gekommen war. Mein Onkel war durchaus kein Chassid, sondern ein schlichter ehrlicher Kaufmann, dazu der beste Vater der Welt, der für sein einziges Kind freudig sein Leben hingegeben hätte und ein Manu, dem das Wort feiner Frau als ein Orakel galt — aber anch er konnte von den Banden der Vorurtheile seiner Zeit sich nicht frei machen, nnd was gr.b es damals Schrecklicheres als einen Aufgeklärten? Inst um diese Zeit war ich bereits in das Jünglingsalter Hera »gereift uno Ester zu einer gar holden, wunderbaren Jungfrau erblüht. Meine Tante, die Mutter Esters, fand es daher an der Zeit mit dem Onkel über unsere Zukunft zu sprechen. „Ich glaube", sagte sie ihrem Manne „es ist jetzt die höchste Zeit unsere Kinder zu verloben!" „Kinder!" wiederholte befremdet der Onkel „Du sprichst von Kinder», wir haben doch nur ein Töchterchen leben!" „Und Ahrele" widersprach die Tante „zählt der nicht zu unseren Kindern? Ist er nicht schon seit seiner Kindheit für unsere Tochter bestimmt?" „Was!" fuhr der O.ikel wie aus allen Him neln „Du willst unserer einzigen Tochter einen Apikores, einen Ketzer zum Manne geben — Nein! So lange ich lebe, gewiß nicht!" „Aber Ahrele", protestirte die Tante, die in ihrem Denken viel freier war, „aber A.zcele ist ein braoes, wohlgesittetes Kind!" „Geh", wehrte der Onkel, „ein Aufgeklärter kann ebensowenig brav und wohlgesittet sein, wie ein Lungensüchtiger gesund ltnd stark!" Die Tante sah, daß alle ihre Widersprüche an seinem Starrsinn jetzt scheiterten und nahm daher z» einer andern, sonst immer siegreichen Waffe ihre Zaflacht. „Willst Du unferm Kinde das Herz breche»?" platzte sie in Thränen heraus. Der Onkel war auf diesen Angriff nicht gefaßt und fühlte sich eine Weile wie gelähmt, aber am Ende siegte doch in ihm das eingewurzelte Vorurtheil. „Geh'", beschwichtigte er sie „ist gar nicht so geheuer, Übrigens wird Esterl statt seiner einen bessern Bräutigam bekommen!" (Fortsetzung folgt.) Ueber die „Erzähttmlst der Bibel". Aus dem Vortrage des Professor Dr. Steiuthal. Der geehrte Herr Vortragende leitete seinen Vortrag mit den Worten ein: Die Kunst sei innerhalb der Religio» entstanden, demnach habe man die heilige Schrift nicht nur auf Wahrheit, sondern auch auf Schönheit zu betrachten. Dem erhabenen Inhalt müsse auch die Form entsprechen. Wenn Gott wie ein Mensch zum Menschen redet, so muß die Bibel in absoluter Schlichtheit dem Menschen zeigen, Einfachheit wie groß und Großes wie einfach fei. Die bibl. Erzählung erscheint im einfachen Gewände, ohne Bilder, ohne Ausschmückungen; Homer ist im Vergleiche mit ihr reich an Bildern, an Schmuck, sie arm daran, darum veraltet sie aber auch nicht. Die biblischen Erzählungen tragen einen durchaus epischen Charakter, sie wollen überall auf die Stimmung des Gemüths wirken. Dem hebr. Epiker fehlt die Neigung zur behaglichen Breite; dem indogermanischen liegt es hauptsächlich an der Umschau, dem hebräischen am Ziel. Hieraus folgt, daß die Bibel langsam gelesen sein will. Redner illustrirt die Erzählweise der Bibel an einigen Beispielen. Er führt u. A. vor: Die Geschichte der Salbung Jehu's (König II. B. Cap. 9) und weist nach, daß in dieser Erzählung trotz der Prägnanz epische Breite und Leben herrsche. Homer oder ein Nibelnngsdichter hätte zu einer solchen Erzählung Hunderte von Versen gebraucht. Als zweites Beispiel führt Redner die Versuchung Hiob's durch Satan an und hebt die Pointen hervor. Als die schönste nnd rührendste aller Erzählungen stellt Redner die von Ruth hin; die Erzählung von Josef als