Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 4 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 14 — wissen können, sich und seine Tochter Judith jedenfalls den Beschwerlichkeiten einer Flucht nicht ausgesetzt hätte, sondern ruhig mit ihr in Silistrm verblieben wäre. Jedenfalls'? Wer kann es wissen? Er hatte Judith's Abneigung gegen Jsinael bald bemerkt, sowie dessen Leidenschaft, die sie quälte; er wollte sein Kind nicht verschachern, seines Lieblings Herz nicht verkaufen, daher begrüßte er im Stillen jenen Zufall, jene Wendung der Dinge' mit Freude. Er ahnte ebensowenig, wie die baldige Belagerungs-Entsetzung Silistria's, die Ereignisse, welche diese Flucht für sein und Judlth'S Schicksal herbeizuführeu bcstimint war. Und hätte er sic selbst ahnen können, er würde sie vielleicht nicht ungeschehen wünschen, seine spätere Hanvlungsweise und ihre Consequenzen wären dieselben geblieben, aber Judith's Einfluß auf letztere wäre wahrscheinlich ein imaginärer geblieben, Ei» Borherwissei, unseres Schicksals ist »ns nicht von der Vorsehung gegeben und zwar zu »nscrcm Besten, Wer würde Geist und Hände rühren, »in sein eigenes Elend hcrbeizuführen, das Glück Anderer zu untergraben, oder zu fördern? Wir können frei handeln in dem Glauben, recht zu thun, Dies oder Jenes zu erlangen, oder herbeizuführen, aber wir können nur die Folgen mit Bestimmtheit voraussetzcn, in Anbetracht der Consequenzen handeln wir völlig unwissend. Sonst würden ivir in der That „unfrei" handeln und vor lauter Ucberlcgcn, zu keinem Handeln komnicii — darum isl's besser, wir bleiben die „unwissenden Thoren", die da ewig vor verschlossenen Schicksalsthoren wandeln. Doch kehren wir zu unser» Flüchtlingen zurück. Auf Kameclen und arabischen Rossen zogen sie dahin, eine kleine Karawane, von türkischen Soldaten zu Fuß und zu Pferd umgeben. Außer deni Rauschen der nahen Donau, die vom Mond beleuchtet, hie und da hervorblitzte, hörte inan nichts. Lautlos bewegte mau sich vorwärts, nur leise wurden die Befehle ertheilt, Dunkel hoben sich die Festungswerke und nahen Berge vom monvdurchjchiinmcrten Hünmel ab; wie im tiefsten Frieden lag die feindlich umzingelte Beste, Rur in der Ferne anftauchcnde Wachtfeuer verriethen den lagernden Feind, der seine Wachtposten wie Fühlhörner weithnrausgestreckt. Vorsichtig, doch eilig verfolgte die kleine Karawane ihren Weg, Sticht aber Samuel und Judith mit ihr; sie trennten sich bald von jener. Zu Fuß, nur von einem Führer, einem Salem-Ltk oder Diener begleitetet, wandten sie sich östlich, furchtlos und unverzagt dem feindlichen Lager zu, Samuel hatte den Arm Judith's genommen, deren Gestalt in der weiten Umhüllung des Mantels kaum zu erkennen war, nur aus der über den Kopf gezogenen Kapuze lugte das feine, liebliche Gesichtchen hervor, und die mehr neugierigen als ängstlichen Augen schauten leuchtend in die Nacht hinaus, nach vorwärts spähend, oder die Unebenheiten des Bodens zu erforschen trachtend. Sand und Geröll knirschten unter den Füßen der nächtlichen Wanderer, Doch sie waren noch nicht lange so vorgedrungen, als ihnen eine rauh-gebieterische Stimme auf russisch enlgegenrief: „Halt, wer da!" Zu gleicher Zeit knackte auch ein Büchsenhahn, und nian hörte das Schnauben und Trampeln von Rossen. Es waren Kosacken des Tschernomorischen Corps, die hier Vorpostendienste verrichteten, und die Straßen nach Schumla und Varna unter Controle hielten. Auf ihren kleinen, schnellfüßigen, langmähnigen Pferden kamen sie heran gesprengt, mit gespannter Pistole und blitzendem Dolch in sicherer Hand, Wie angewurzelt standen die Flüchtlinge, und ließen sie dicht an sich herankommen, „Nicht Feinde, Freunde seht Ihr vor Euch!" rief ihnen Samuel furchtlos auf Russisch entgegen. Bei den russischen Lauten stutzten die wilde» Reiter, „Ob Freund, ob Feind, Ihr müßt Euch uns gefangen geben!" erklang es dagegen, und heran sprengten die kriegsgeübten Kosacken, Kurz vor den Flüchtlingen parirten sie die wiehernden Rosse, Schnell wie der Blitz wechselten nun Frage und Antwort, Immer noch ungläubig schüttelten die wilden Gesellen ihre bemühten Köpfe, und lachend und neugierig versuchte einer der rohen Burschen Judith die Kapuze vom Kops zu ziehen. Rasch entfernte sie Judith selbst, den türkischen Franenschlcier mit hinwegreißend, so daß die goldenen Locken fesscllos ans ihre Schultern hinabricselten. Mit blitzenden Augen schaute sic zu den, kecken Reiter empor, „Führt uns vor Fürst Paskewitsch, oder General Schilder," sagte sic mit muthiger Entschlossenheit, „ihnen wollen wir weiter Rede stehen. Gute russische Unterthanen sind wir, Czar Nicolaus ist gerecht, und duldet auch zu Kriegszeiten keine Rohheiten und Ungerechtigkeiten, Wir sind waffenlos, ein schwaches Weib bin ich, was könnt Ihr von mir, von uns begehren? Führt uns nach dem Lager, und vor Jene, die ich Euch nannte, und achtet Mädchenehre, und den Russen in meinem Vater, ob er auch nur ein Jude!" _ (Fortsetzung folgt.» Jüdische Silhonetten aus Galizien. Von Nathan Samuely. XVI Das Tüpferl auf dem I. tFortsetzung.) Er fing er mit folgenden Worten zu erzählen an: „Ich und Ester, die Sie wohl oft gesehen, sind nahe mit einander verwandt, denn unsere beiderseitigen Mütter waren Schwestern, Meinen Vater habe ich nie gekannt, da er einige Monate früher starb, bevor ich das Licht der Welt erblickte, — Ja oft tränkte uns eine und dieselbe Amme, und da unsere Eltern Thür an Thür nebeneinander wohnten, waren >, ir schon als Kinder innig mit einander Werbungen. Wir trieben zusammen unsere Kinderspielchen im Garten, aßen und tranken zusammen und waren von einander nicht zu trennen. Alle Nachbarn wußten uns auch mit keinem andcrn Namen zu nennen, als ine Unzertrennlichen, Nicht selten erzählte mir meine Mutter unter Thrünen, daß sic und ihre Schwester — die Mutter Esters — uns schon als dreijährige Kinder oft einander umarmend und küssend nebeneinander gefunden haben, wie ein kleines Liebespürchen, Das war auch Ursache, daß unsere Eltern uns chon als Kinder für einander bestimmt hatten. Die erste Zeit besuchten wir auch zusammen eines und dasselbe Cyeder, in welchem wir den Unterricht des Hcbrüischlesens genossen. Später freilich vergingen oft ganze Stunden des Tages, daß wir einander nicht sahen, denn ich mußte eine Stufe höher im Hebräischen erklimmen, während Ester häuslichen Unterricht im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache genoß. In früher» Tagen widmete man inehr Sorgfalt der Erziehung der Mädchen, als der Knaben. Die jüdische Tochter hatte ja vormals den Beruf, später ihrer Familie alles zu sein; Mutter, Amme, Wärterin, Köchin, Erzieherin, Speiserin, Verpflcgerin und Handelsfrau; kurz die Stütze des Hauses, die Ernährin der Familie, weshalb man ihr eine Erziehung fürs wirkliche Leben gab und sie im Sprechen, Lese» und Schreiben der Landessprache unterrichten ließ, damit der Verkehr init dein Außenleben ihr danir leicht komme. Der jüdische Knabe hingegen war nur für die Synagoge erzogen und nur der ausschließlichen Kenntniß des Talmuds war sein Studium gewidmet. So kam es, daß ich und Ester später stundenlang des Tages von einander getrennt waren, aber nichts konnte dafür brennender sein als die Sehnsucht einander wieder zu sehen. Wie wir uns jedesmal, als ich vom Cheder zurückkehrte, in die Arme fielen, wie wir uns herzten und küßten und was wir nicht Alles in solchen Stunden einander zu erzählen hatte»! Das war, so betheuerte mir die Mutter, eine wahre Seligkeit anzusehen. Ester konnte ja keinen Gegenstand besitzen, den sie mit mir nicht theilcn sollte und so fand uns die späte Nachtstunde nicht selten neben einander mit verschlungenen Armen und die Köpfe über ein kleines Büchlein gesenkt, aus welchem Ester mich ihre Weisheit lehrte. Dieses Büchlein war aller-