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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 2 (1885) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
2 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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halte», schon eine Flotte von 35 Schiffen und 2000 Geschütze» in’i schwarze Meer entsendet, und 60,000 Mann Landtruppen auf türkisches Gebiet überzusühren gedachten. Ja, der mehrjährige Krimkrieg war entbrannt, und unseren Reisenden drohten ernstere Mißhelligkeiten und Gefahren. Glücklich jedoch erreichten sie die türkische Festung Silistria, wo Samuel besonders gute Geschäfte zu machen hoffte. Doch gerade sein Aufenthalt daselbst sollte ihm und Judith doppelt verhängnißvoll werden. Die Russen hatten sich bereits der ganzen Linie des Trajanswalles bemächtigt und gleichzeitig rückte auch bei Kalarasch ein Truppen- und Belagerungseorps ein. Außerdem drang aus der Dobrudscha, am rechten Donauufer aufwärts, General Lüders mit einem CorpS von 25,000 Mann eiligst vor, um sich mit jenen bei Kalarasch zu vereinigen, und die Festung Silistria anzugreifen. Er erschien auch bald vor dieser türkischen Veste, und um sich mit ihm in Verbindung zu setzen, schlug das Corps von Kalarasch eine Brücke über die Donau. Sofort auch wurden die Laufgräben gegen das östliche Fort der Festung Arab Tabia, eröffnet, und es begann ein von beiden Seiten mit großer Hartnäckigkeit geführter Kampf. Fürst Paskewitsch, der schon in Jassy weilte, übernahm nun den Oberbefehl, General Schilder leitete die Jngeuieurarbeiten. Doch nur; langsam vermochten die Russen vorzudringen. Mit mehreren I Stürmen wurde» sie vvti deit Türken zurllckgewiesen. j Während aller dieser kriegerischen Vorgänge befanden sich | Samuel und seine Tochter tief im Innern der eigentlichen, ziemlich elend gebauten 5 ladt. Sie hatten bei einem Geschäftsfreund und Glaubensgenossen Aufnahme gefunden. Samuel, der auch hier die größte Verehrung genoß, überlegte soeben, da die kriegerischen Aktionen einigen Stillstand erfahre», nicht mehr das Feuer der Geschütze mit dröhnendem Schall jede Ruhe verscheuchte, ob er nicht besser thäte, mit Judith aus der Festung zu flüchten, da weder ein rasches Ende der Belagerung, noch deren Eutscheid ab- oder vorauszusehen war. Judith saß, ein wenig bleich, doch wunderbar lieblich und prächtig anzuschauen, da ein purpurfarbener, seidener Sarnfan ihre geschmeidige» Glieder umhüllte, an einem der kleinen Fenster des räumlich-größten Gemaches im Hause des türkisch-jüdischen Kaufmanns und Gastgebers, und schaute mit ernsten Augen hinab auf die schmutzig-enge Gasse, in der nur hier und da in ihren bunten Wafsenröcken türkische Soldaten anftauchten, eine Patrouille oder drgl. Sonst war es öde und leer, Alles hatte sich in die Häuser und Wohnungen zurückgezogen, als traute es den schweigenden Gesellen noch nicht recht, die sich noch kürzlich erst mit ihrer donnernden Sprache so furchterregend bemerkbar gemacht. Nichts fesselte da unten Judith's Blicke, und doch schaute sie unverwandt hinab. Fast schien es, als wolle sie den dunklen, versengenden Augen eines jungen Mannes ausweichen, die so forschend auf ihrem reizenden Antlitz ruhten. Dies war Jsmael, der Sohn des Freundes ihres Vaters, ein schlanker Jüngling von einigen zwanzig Jahren, von echt orientalisch-jüdischem Typus, und weniger schönen, als interessanten Zügen. Die weite, türkische Gewandung, verbarg ein wenig seine allzu große Magerkeit, doch das Bunte derselben erhöhte die brünette Tonfarbe seines Teints, der bronzeartig schimmerte. Jetzt öffnete er den zwar etwas großen, jedoch wohlgeformten Mund, und ein wenig de» schwarzen, krausen Kopf zu Judith hinabneigend, sagte er halblaut und dringend: „Schöne Judith, Tochter Samuel's, lasse sich Dein Vater allein flüchten, bleibe hier in diesem gastlichen Hause, ich bitte Dich." Judith schaute auf. Zorn, Staunen und Mißbehagen mischten sich in dem einen kurzen Blick, dem sie dem Bittenden gönnte. Dunkle Gluth stieg ihr in die zart-gerundeten Wangen bis hinauf zu den Haarwurzeln. „Ich verstehe Dich nicht; wohl Dir, Du Sohn des edlen Nathanael," versetzte sie kurz, das Wort „edlen" scharf aeeenluirend. „So meinst Du es unedel, wenn ich für Deine Sicherheit bange? Du so schön und zart und Kriegsgefahren ausgesetzt". — „Wo mein Vater ist, giebt es für mich keine Gefahr," fiel Judith dem Jüngling erregt in die Rede, „Deine Sorge ist unnöthig, und mein Math vielleicht größer, als der Deine." Wieder wandte sie sich ab, und schaute durch das kleine, runde Fenster hinab auf die Gasse. Jsmael war ein wenig bleich geworden. „Du bezweifelst meinen Muth, o Tochter Samuel's, weil ich meinen Vater nicht hinderte, mich mit 15000 Piastern loSznkaufen?! Und doch weißt Du, wie sehr ein Vater eines geschäftskundigen Sohnes bedarf, hast Du doch selbst Dich dahin geäußert, und sogar Sohnesrechte in Anspruch genommen." „Um so weniger darf ich mich dieser unwürdig zeigen", lächelte Judith ohne auszuschanen. „Wohl wahr; doch Du bist ein Mädchen, und" — — „Alle Bitten und Erwägungen der ganzen Welt werden mich nicht meiner Pflicht untreu machen, mich von der Seite meines Vaters zu reiße» vermögen", hastete Judith dazwischen. „Auch nicht die Gewalt?" „Nicht ohne mein äußerstes Sträuben!" „Auch nicht die Liebe und Ehe?" bebte nun Jsmael hervor. „Ich kenne nicht die Liebe," versetzte Judith ruhig, und — wen sich mein Vater zum Eidam erkauft, den nehme ich." „In der That?" frohlockte Jsmael. „Ich gelobte es ihm", glitt es dagegen kalt und wie herausfordernd von Judith's feinen Lippen. „So will ich mit Samuel, Deinem Vater sprechen, er ist mir schon lange zugethan, vielleicht"-— Ein leiser Aufschrei Judith's ließ ihn hier abbrechen, er that einen Schritt auf sie zu. Aengstlich, gespannt betrachtete er sie. Judith's Augen blickten auf die öde Gasse. „Was ist Dir, was hast Du?" forschte der junge Jude. „O, ich täuschte mich nicht, es war ein Eunuch, und er sah mich, und schritt auf dies Ha»s zu. Er sucht ven Vater, auch mich vielleicht. Achmeid, Omer's Gattin, schickt ihn hierher, deß bin ich sicher." Kaum waren diese Worte ihre» Lippen entschlüpft, als auch schon ein lebhaftes Stimmengewirr Jsmael aufhorchen machte, und ihn überzeugte, daß irgend etwas Ungewöhnliches das Haus seines Vaters in Aufregung versetzt habe. Er schritt tiefer in das Gemach hinein dem Platze zu, wo Judith's Vater und der seinige in tief-ernster Unterhaltung beieinandersaßen. Nathanael. älter, kleiner wie Samuel, hatte sich bereits erhoben, uni dem Lärm nachzuforschen. In diesem Augenblick öffnete sich eine Thür und im Rahmen derselben erschien in seiner prächtigen Gewandung, mit dem Turban auf dem Kopf, dem Khandiar, over Dolch im Gürtel, dem krummen Säbel an der Seite, die Gestalt des Eunuchen, den Judith erschaut. (Fortsetzung folgt.) Landrabbiuer Dr. Herxheiiner s. A. geboren den 23. Schewat 1801 in Dvlzheiin bei Wiesbaden, gestorben 25. Deccmber 1884 in Bernbnrg. Ein Veteran der alten Schule, der Nestor der Rabbinen Deutschlands, der Besten und Bravsten einer, ist dahingegangen in das Reich der Seligkeit. Der Laudesrabbiner Herr vr. Salomon Herxheiiner in Bernburg ist am Morgen des 25. December a. p., fast volle 84 Jahr alt, nach kurzem Krankenlager sanft entschlafen. Wie sein ganzes Leben, wahr, klar und sanft, so war auch sein Tod ein sanftes Entschlummern und die Klarheit des Geistes war ihm geblieben bis zu den letzten Augenblicken.

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