Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 1 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gehe!" (Fortsetzung folgt,) Vom jüdischen Gottesacker in Berlin. Einem in der Berliner Beamtcn-Vereinigung im Jahre 1880 gehaltenen trefflichen Bortrage des verstorbenen Geh, Regierungs-Rath und Rcichstags-Abg, L. Jacobi-Liegnitz „Von den Friedhöfen Berlins", abgedruckt in der Monatsschrift für deutsche Beamte, eiitnehme ich folgende Notizen über den dortigen jüdischen Friedhof: „Der jüdische Gottesacker — (eine schöne Bezeichnung, erinnernd an Klopstocks Worte: „Saat, gesäet von Gott, dein Tage der Garben zu reifen!") — enthält durch die vielen hochragende» schwarzen Sienit-Grabmäler mit goldenen Inschriften ein sehr vornehmes Ansehen, Auf schwarzem Socket eine schwarze hohe Sänlc, gekrönt von weißer Marmvrurue, weiche ein hcrabhängendes Thränentuch halb umhüllt, macht insbesondere einen vorzüglichen, einfach erhabene» Eindruck, — Im klebrigen ist es bemerkenswerth, daß die Juden, deren viele im Leben — wie ihre vvrurtheilsfreien Mitglieder selbst zugestchcn — von dem Streben nach Acußcrtichkcilen, nach Glanz und Ehre nicht wenig beherrscht sind, diese Eigenschaft und Lcidenschafl am Grabe ablegcn. Der gleiche Sarg, das gleiche Sterbekleid umschließt Reich und Arm, — letzterem auf Gemeindekvsten geliefert", — dieselben Gebete werde» Allen gleich gespendet. So sucht man auch auf ihrem Gottesacker vergeblich nach vielen Beispielen außergewöhnlicher Prunkstcllung der Millionäre oder nach künstlerischer Verherrlichung der geistig hervorragenden Gemeindemitgliedcr. Der Tod hat die irdischen Unterschiede wesentlich beglichen. Der Reiche wählt nur den theuren Granit oder Sieiiit, Einige säulcntragende Grabkapellen von strenger Würde, nicht gerade in reicher oder farbiger Ausführung, ziehen unsere Blicke auf sich; eine derselben, ganz aus weißem Marmor, mit schönster Rosette, ist ein reizend keusches Erinnerungsmal, Auch der Blumenflor tritt auf dem jüdischen Friedhose zurück und fängt erst neuerlich an hervorzubrechen, Epheu, sempervivum, Lebensbäume und anderes ernjleres Grün sind hauptsächlich der Pflanzenschmuck, hochragende Bäume beschatten den Plan, — Durchaus löblich ist cs, daß der Jude den Titelkram mit dem Tode abstreift. Mit äußerst seltenen Ausnahmen bleiben alle Kommerzicn-, Sanitäts-, Kommissions- und Geheimen Räthe, alle Dvctoren, Hoflieferanten u, s. w. auf den Grabsteinen ungenannt. Es wird diese demokratische Gleichstellung und herrnhuterische Einfachheit wohl übertrieben, wenn man selbst z, B. auf Traube's, des großen Arztes, Denkstein nur diesen seinen Namen liest, — während uns bei dem schon erwähnten Epitaph unter v, Gräve'S, des jüngeren, Namen die Aufschrift: „Lehrer der Augenheilkunde", gar wohlgefällig war. Ebenso ungern vermißt man die irdischen Gesichtszüge großer Todten. Stur ein einziges Menschenbildniß ist mir auf dem jüdischen Friedhofe aufgestoßen. — Freilich gebührt es sich, daß die Denktafel von Michael Beer (gest. 1813) meldet: „Ihm reicht die Dichtkunst ihre Götterrechte, — Schwingt sich mit ihm den ewigen Sterne» zu. Auch die Ausnahme ziemt sich, daß David Friedländer (gest. 1834) bezeichnet wird als „treuer Schüler und Freund Moses Mcndelsohns." — Wo ruht denn aber dieser edle Weltweise, der die Israeliten in Deutschland zu jüdischen Deutschen erhoben hat? —Es ist ein sehr stiller, verborgener, nur Wenige» bekannter Fleck Erde, mitten in der Weltstadt, dieser geschlossene, älteste jüdische Begräbnißplatz, ein bejahrter Beamter des in derselben Straße befindlichen Polizeiamts hatte nie davon gehört. Dort ward dem ersten Gaste im Jahre 1672 und dem letzten Gaste im Jahre 1827 die Schlummerstädte bereitet Sehr erfreulich ist auf diesem wohlbehüteten baumreichen Friedhofe die pflegliche Erhaltung der Gräber, deren Denkmäler — wenngleich damals alle nur von Sandstein gefertigt — dennoch überraschend wenig von dem Zahn der Zeit gelitten haben — vielleicht in Folge der versteckt geschützten Lage, Ein Stein aus dem Jahre 1708 zeigt das Namensbild seines Schläfers wohlerhalten: einen-Hirs'ch im Relif, eine vortreffliche Arbeit, Man sühlt sich gegenüber der hier waltenden respectvollen Bewahrung des Gedächtnisses der Vergangenheit an jene Eigenschaften erinnert, welche unsere jüdischen Mitbürger vorthcilbast auszeichnet, an die Pietät, und von Neuem steigt der Wunsch hervor, daß die modernen Semitenschildcrcr neben der Beleuchtung jüdischer Fehler auch jüdische Vorzüge ans Licht ziehen sollten. In nicht erfreulichem Gegensätze zu der jüdischen Sitte wird auf den christlichen Kirchhöfen die Eitelkeit der Titulatur vielfach sehr laut; selbst die rothcn Adlcrorden mit und ohne Schleife, die Hoflieferanten, die Rouleaux- und andere Fabrikanten, der Büchcr-Auctions-Commijsiorius, der Ehrenbürger der Stadt AschcrSlebcn u. f. w. werden verewigt." Sv weit Jacobi, Wen muthete cs nicht anheimelnd an bei dieser Pietät- und verständnißvollen Schilderung des vorurtheilslvsen trefflichen Mannes und wen von uns erfüllte es nicht mit berechtigter Wehmuth, wenn bei dem Gedenken Eduard Gans', Neandcr's, Felix Mendelssohn - Bartholdy's, Fanny Hensel's, Benary's, Rott's die Stätte, die ihre irdische Hülle umschließt, ihn daran erinnert, daß auch diese Sterne auf jener vorher geschilderten Grabstätte ihres Volkes hätten prangen und ihren Glanz hätten erhöhen können. Doch sie haben der Menschheit gelebt, ihr genützt und gedient und zur Zier gereicht, und das soll jeden störenden Gedanken von uns fortscheuchen. Jndeß noch einen zweiten Gedanken drängt es mich hier anzureihen. Erst vier Jahre sind verflossen seit jener beschaulich beschauenden Fußwanderung Jacobi's. Wie steht es heute um die Wacht jener tausendjährigen Tugenden der Pietät, der Gleichheit und Prunklosigkeil im Tode? Unsere Ankläger haben sich seitdem vertausendfacht, unsere Veriheidigcr sich gewiß nicht vermehrt. Wollen wir es denn wirklich verschulde», daß ein künftiger Besucher unserer Grabstätten vergeblich auch nach diesen Tugenden unserer Väter suchen soll? Lasset uns prunklos und einfach bleiben im Tode und prunklos und einfach tverden im Leben, — Max Weinberg, Allerlei für den Familientisch. Raphael Golbsteiu. Das Kuratorium eines jüdischen Krankenhauses kam vor einiger Zeit auf den Gedanken, seine Kasse durch eine Lotterie aufzuhelfen. Die Genehmigkeit der Obrigkeit mar rasch verschafft, Jetzt galt es, jüdische Männer auszufinden, die die Loose unter die Leute bringe». Da fanden die findigen Herren in einem Adreßkalender einen Stadtrath Raphael Goldstein ausgezeichnet, der in einer Stadt des Königsreichs Sachsens auf dem kurulischen Sessel sitzt. Das war ein seltener Fund; flugs wurden ihm zwanzig Loose zugeschickt, mit der Bitte, sie unter seinen Glaubensgenossen abzujetzen. Das Loos kostete drei Mark, Nach einiger Zeit erhielt das Kuratorium 75 Mark mit dem Bemerken, daß er noch fünf Loose mehr als verlangt war, verkauft habe. Er und seine Glaubensgenossen hätten diese 25 Loose gern für den guten Zweck übernommen. Unterzeichnet aber war der Brief: „Raphael Goldstein, Mitglied des evangelischen Kirchenvorstandcs." Schwäbischer Humor. Der Kantor der israelitischen Gemeinde Eichberg in Stuttgart feierte, wie wir meldeten, am 13. d. Mts. sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum, Der König ehrte ihn durch