Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 1 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Hier schluchzte das geäugstigtc Weib laut auf, und umklammerte krampfhaft den einen Arm Samuel's. „Rebecca, Mütterchen," lächelte dieser beschwichtigend, „Du siehst Gespenster, was ficht Dich au? Ungewohnt bin ich Deiner Furcht, Hat ein Traumbild Dich heut' Nacht erschreckt?" Verneinend schüttelte Rebecca ihr Haupt; sie wollte sprechen, aber eine sanfte, wundersllße Stimme kam ihr zuvor. „Sorge Dich nicht, Mütterchen, ich werde den Vater begleiten, man wird mir und ihm sicher kein Haar krümmen." Die Stimme, die diese Worte mit einer gewissen Energie und Bestimmtheit äußerte, kam aus dem reizenden Munde eines bildschönen Angesichtes, von einem Mädchen, dessen schlanke Gestalt der reizvollen Fülle nicht entbehrte, deren sich die Oricntalinueu schon meist sehr früh zu erfreuen haben. Dies schöne Geschöpf war die erst k 6 jährige Judith, das älteste Kind Samuel's. Das schlanke Köpfchen, auf schlankem, schneeigen Halse, ein wenig vorgebcugt, schaute sie mit lächelndem Ernst auf ihr Elternpaar. Ein hellblauer Sarafan von feinstem Wollstoff umschmicgte in weichen Falten und Linien ihre vollendeten Formen, und das goldige Haar verhüllte zum Theil eine Kokoschnik, d, h. ein Mützchcn von hellblauem Sammet mit Goldborten und Flittern besetzt und verziert. Doch am Hinterkopf quollen aus demselben die sonnig schimmernden Locken in üppiger Fülle hervor, und ringelten sich hinab bis zur feinen Taille, während die schmale alabastcrwciße Stirn ein Kranz von goldigen Löckchen umrahmte, die sich nicht zurückdrängcn ließen, und sich zuweilen hinunterschlängelten bis zu den dunklen Brauen, ivic um auf den auffallenden Contrast um so mehr aufmerksam zu machen. Und nicht nur ausfallend, gar wunderbar war dieser, den die braunen Gazellcnaugen mit den lange», dunklen gebogene» Wimpern noch erhöhten und vervollständigten. Doch der Zauber dieser brauneu, mandelförmigen und halb verschleierten Äugen war ebenso unwiderstehlich, als unbeschreiblich, „Judith Du?" fragte fast kreischend vor maßlosem Erstaunen Mutter Rebecca, Judith nickte. „Väterchen hat schon oft davon gesprochen mich einmal mit auf Reisen zu nehmen, da ich ihm als ältestes der Kinder," — hier stockte sie einen kurzen Augenblick — „Tochter und Sohn zugleich seien muß, und" — fügte sie hastig hinzu, „da auch, die schöne Sultanstochter Achmeid, die jetzt die Gattin von Oman Pascha ist, schon so oft den Wunsch geäußert, mich kennen lernen." „Wahr ist es, und nicht unklug sprächst Du, meine Tochter, wenn nicht drohende Kriegeswolken den .fernen Horizont zu umdüstern begönnen, dem wir entgcgenzueilcn genöthigt wären," Lächelnd sagte dies Samuel, denn Judith war sein Alles, sein Liebling, und voll unendlicher Liebe ruhte sein Blick auf ihrem erregten Antlitz, „Du glaubst also an den Krieg, Vater?" bebte es von Judith's vollen Purpurlippen, während ihr leuchtendes Auge erwartungsvoll an Samuel Rafaroffs Munde hing. „Ich halte ihn für unvermeidlich, mein Kind." „Dann bleibe daheim, oder nimm mich mit Dir!" flehte Judith leidenschaftlich, „Keins von Beiden kann geschehen, Judith," wehrte Samuel sanft, „So wird Judith, Deine Judith, Vater, keine Ruhe finden, nicht Tag noch Nacht, klagen ihre Angst und Noch der Hellen Sonne, den mitleidig-zuckenden flimmernden Sternen, dem blassen Mond; bleicher werden die Rosen ihrer Wangen und sich entblättern, zu Silberfäden sich wandeln die goldigen Seidcnfransen ihres Gelvck's, schleichend werden ihr leichter Tritt, ihr behender Gang, hohl blicken ihre Augen, und groß und glanzlos, wie stumme Fragezeichen des Todes, wie ein welkes Blatt, das jeder Luftzug irreleitet, dahinflattern, verwehen, denn Niemand wird sie Widerstand und Thatkraft, Muth und Ergebung und all' die schönen Dinge und Sprüche lehren," —-r 'Y „Judith, was denkst^ was trän»,st Du, wohin führt Dich Deine erregte Phantasie!" rief Frau Rebecca fast entsetzt, und auf sie zueilend. Doch Samuel hielt sie zurück, „Lasse sie. Rebecca, ich bitte Dich. Echt orientalisch ist der Schwung ihrer Gedanken, Sie ist das Kind meines Geistes, die Tochter meiner Seele. Sie liebt mich, schwärmerisch fast"- „Ja schwärmerisch fast, wie einen Geliebten," spottete die zürnende Gattin einfallend, „ein Uuglück ist's für das Mädchen!" „Ein Unglück, daß es seinen Vater liebt, Rebecca?" fragte Samuel sanft, doch vorwurfsvoll, „Daß sie ihn so liebt, ja," beharrtc Erstere, „bei ihrem leidenschaftlichen Temperament, Was wird sie fühlen, thun, denken, wenn erst d i e Liebe in ihr junges Herz einzieht, die sie dein Geliebten und Gatten cntgegenzubrtngcu hat. Oh, mir bangt daoor!" „Weib, Rebecca, ich bitte Dich, bange nicht vor ungeschehenen Dingen, und sprich diesem Kinde noch nicht vom - Heirathen," mahnte Samuel lächelnd „Judith mein Kind?! Gott, Gerechter — scchszchn ' Jahre zählt sie und ist also heirathsfähig!" Judith erhob abwchrend die weißen schmalen Hände, „Mutter nicht davon sprich mir, nicht davon!" „Gerade davon", ereiferte sich Frau Rebecca, „O, ich kenne Deinen Eigensinn, in den Dich leider der „Herr", unser Vater, noch bestärkt. Keiner aus unserem ganzen Stande ist Dir gut, sein und klug genug. Eine» Ehristcnmcuschen möchtest Du haben, einen studierten, gelehrten Herrn, der D>ch allen Fesseln und Knechtschaftskcttcn entrückt, die der allmächtige Gott i» unerforschlichcm Rathschluß seinem Volke für lange Zeit auferlegt, O, er wird klug sein, der christliche Herr, so klug, daß er Dir, um Deiner Schönheit Willen, Dein Herz sichten und j brechen, und Dich dann Deinem Schicksat übcrtasjc» wird," Ein wenig schwer tegtc sich Samuet's Rechte auf die eine Schulter seines Weibes, doch sein mitdes Auge hastete auf die bleichgewordene Tochter, die gesenkten Auges und mit \ zuckenden Lippen ihrer Mutter gegeiiüberstand,; „Hemme den wilden Strom Deiner Worte, Rebecca, und vergiß Dich nicht. Nun erst sehe ich ktar, und verstehe ich ganz Judith's Bitten uud Reden. Du quätst sie mit Hcirathsprojekten" — „Mich quäle ich, mich, Samuel, nicht sie," vertheidigte sich Rebecca mit einiger Hastigkeit, „Hat mir der Herr ein so schönes Rind gegeben, damit ich es solle verblühen lassen und verdorren, wie ein schädlich Gezweig, wie überflüssig wucherndes Unkraut? Sinne ich nicht Tag und Nacht für; Judits's Bestes, halte ich nicht schon im Schrein verwahrt köstliche Linnen, seidene Stoffe aus Smyrna, indische 4-ywals, Gold und Edelsteine, um sie zu schmücken zu des Bräutigams Ehre und ihrer eigenen, den Werth ihrer Schönheit erhöhend? Soll ich nicht Dank, nicht Freude dafür ernten?" - „Gewiß, sollst Du das," beschwichtigte sie Samuel, \ „doch auch nichts überhasten, Rebecca,"; „Vater, liebster Vater, o laß mich mit Dir gehen,"; flehte nun Judith mit erglühtet,, Angesicht und flammenden V Augen, „und ich verspreche auch, daß ich, wenn ich zurückkehre, der Mutter" — „Versprich nichts, was Du vielleicht doch nicht zu halten im Stande", mahnte Samuel sanft. Dann liebkosend der schönen Tochter heiße Wangen streichelnd, und ihr tief in die strahlenden Augen blickend, fügte er hinzu: „Du wirst dessen Hand nicht von Dir stoßen, die Dein Vater segnend in die Deine legt, das weiß ich, und das gilt mir mehr, als ein Versprechen Dir abgerungen, der Jugendlich- Unerfahrenen! Und, Judith, ich werde Dich mit mir nehmen. Geh', mache Dich bereit mein Kind; ehe der feurige Sonneuball ■ noch zweimal dort hinabgetaucht ist," er wies mit der Hand r