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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-24 · N° 52. (24.12.1885) · p. Seite 400

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 52. (24.12.1885)
Date
1885-12-24
Page
Seite 400 (sequence 6)
Language
German
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— 400 — stuhl für die jüdische Theologie nicht besitzt. Um den jungen Leuten das Studium im Lande zu ermöglichen, wurde, auf Beranlassung des israelitischen Obcrconsistoriums, der Privatdocent an der dies. Universität Dr. Landauer für den Religionsunterricht und die Rabbiner Dr. Aron von hier und Ury von Brumath für die Unterweisung im Talmud berufen. Die Ernennung des letzteren, schreibt das „Elf. Journ.", ist gegenwärtig der Regierung zur Genehmigung unterbreitet. Als was Herr Ury ernannt werden soll, schreibt das genannte Blatt nicht- Ob man beabsichtigt, einen Lehrstuhl für die jüdische Theologie hier zu errichten und Herrn Ury darauf zu berufen, dürfte zu bezweifeln sein. Meiningen Jsr. Lehr er v ersammlung. (Schluß.) Zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung übergehend, entsteht eine längere Debatte darüber, welche Lehrbücher beim Unterricht des Hebräischen, ganz besonders beim T hora-Uebersetzen, zu benutzen seien und wie weit in diesem Fache das Lehrziel sich erstrecken könne. Es wird von Allen anerkannt, daß der Unterricht in den erwähnten Fächern immer schwieriger werde und von immer geringerem Erfolg begleitet sei. Der Grund sei darin zu suchen, daß es zunächst überhaupt ein Zug der Zeit sei, alles Alte über Bord zu werfen, daß der Elementarunterricht sodann zu viel Zeit beanspruche und das auch sehr zu berücksichtigen sei, welcher Geist in einer Gemeinde herrsche. Wir in unserem Ländchen haben drei Klassen von Schulen, welche unter ganz verschiedenen Verhältnissen bestehen, und es ist wohl nicht möglich einen einheitlichen „Normalplan" unter diesen herzustellen, dasselbe kann man ja auch an den erfolglosen Bestrebungen des deutsch-israelitischen Gcmeindebundes wahrnehmen, der auch ein einheitliches Lehrziel anbahnte, aber noch zu keinem befriedigendem Resultate gelangt ist. Jeder Lehrer wird es aber gewiß als seine Aufgabe ansehen, das möglichste zu leisten. Der Herr Landrabbiner will aber trotz dieser ungünstigen Lage der Dinge doch einen ungefähren allgemeinen Plan für dieses Fach aufgestellt haben. Ohne Plan keine gedeihliche Arbeit. Unsere Konferenz, sagt er, ist ja zum Meinungsaustausch da, und wir müssen versuchen, einen Modus zu finden, wonach für jede Schule doch ein Maximal- oder Minimalpcnsum festgesetzt werden kann. Wohl ist dem Geiste der Zeit Rechnung zu tragen, doch muß die Schule ein Bollwerk bleiben gegen die Pfeile von rechts und links, gegen die allzuhoch geschraubten Forderungen, wie gegen den rationalistischen ins Leere und Hohle ziehenden Geist; nach den Meinungen der Einzelnen können wir uns nicht richten. Es muß, wie das ja auch in jeder guten Schule, etwa bei der deutschen Sprache geschieht, ein Lehrziel festgehalten, eine Minimalforderung gestellt und auch erfüllt werden können. Darauf nimmt Lehrer Roscnthal das Wort und weist das Tempel von der deutschen Sprache zurück, denn diese ist eine lebende Sprache und hat die Macht. Auch ist. wenn nicht auf jede Familie Rücksicht zu nehmen sei, manches zu bedenken, damit nicht Haus und Schule in zu großen Widerspruch gerathen. Es ist als ein Unglück für das Judenthum anzusehen, daß man überall die jüdischen Elementarschulen abschaffen will. Im Allgemeinen darf man sich von den Conferenzen nicht zu viel versprechen. Hierauf giebt Herr Holländer eine Auswahl von Versen an, die er als Minimalpensum für einen 3jährigen Cursus angesehen haben will, wobei er aber gerne zugiebt, daß noch Aenderungen getroffen werden können, auch es recht gerne sehe, wenn etwaige Bedenke» gegen eines oder das andere von den Herren vorgebracht würden. — Darauf verliest Herr Mühlfeldcr seine hierzu gelieferte Arbeit. (Die wir in einer späteren Nr. bringen werden, ebenso die ausgewählten Verse. Red.) Die Spezialdcbatte findet erst nach einer 1 '/,stündigen Mittagspause statt. Herr Rosenthal giebt seine Zufriedenheit über H.'s Auswahl kund und sagt, daß die Gesichtspunkte, wonach eine solche zu treffen sei, erstens der Gang vom Leichten zum Schweren und zweitens die Rücksicht auf den Inhalt ziemlich festgehalten sind. Doch fragt es sich„ ob nicht ein Auszug, d. h. ein kleines Merkchen sich dann besser eigne, als das viele Springen in dem Pentateuch. Lehrer Hof mann spricht dagegen fein Bedenken aus, weil dann möglicherweise den Kindern der Begriff „Chumesch" ganz abhanden kommt, oder sie doch keine richtige Vorstellung von der Gesetzsammlung, speziell den fünf Büchern Moses haben.*). Auch Herr Landrabbiner vertritt die ähnliche Ansicht, indem er sich dahin äußert, daß auch der Ritus beachtet werden muß. Das Kind soll, wie schon Lehrer Mühlfelder gesagt, für die Synagoge gebildet werden; man darf nicht das ohnehin schon lockere Band noch mehr lockern, was geschehen würde, wenn man die Thora im Originaltext aus der Schule verbannte.**) Lehrer Lang verficht seine entgegengesetzte Meinung und geht sogar so weit, vorzuschlagen, die Pentateuchübersetzung überhaupt, weil sie so oft resultatlos bleibt, fallen zu lassen und nur deutsches Bibellcsen an ihre Stelle zn setzen. Doch kommt man zum Beschlüsse, es einmal versuchsweise vorläufig auf 3 Jahre bei der Anordnung des Referenten bewenden zu lassen. Ad 3 beantragt der Herr Landrabbiner, etwas hebr. Grammatik in den Uebersetzungsunterricht einzuflechten, doch spricht sich Herr Rosenthal dagegen aus, und zwar aus folgenden Gründen: In höhere» Schulen, wo fremde Sprachen gelehrt werden, sind ca. 36 Stunden wöchentlich angesetzt, wir dagegen haben nur 32. Auch aus pädagogischen Gründen muß er sich dagegen verwahren. Die hebr. Sprache ist arm, sie ersetzt Alles nur durch Formen, die so schwer sind, daß. sie nur durch viele Mühe und viel Zeit zu erlernen sind. Man kann dabei nicht nur analytisch verfahren, sondern man muß auch, wenn der Unterricht Werth haben soll, Uebungen im Uebersetzen vom Deutschen ins Hebräische vornehmen. Herr Landrabbiner entgegnet, daß Lehrer Rosenthal zu weit gegangen, das wäre auch nicht seine Absicht, wirklich ausführliche Grammatik treiben zu lassen, sondern nur die Kinder mit den Leseregeln, den leichten Formen des Hauptwortes, des Zeitwortes und des Fürwortes, den Suffixen und den Präfixen bekannt zu machen.***) Lehrer Hoffmann erkennt ebenfalls die Möglichkeit der Erfüllung dieser Forderung an. Zum Schluffe äußert Herr Landrabbiner den Wunsch, daß einer der Herren Lehrer sich der Mühe unterziehen möge, für eine spätere Conferenz ein Referat über den obligatorischen oder sacultativen Charakter des hebr. Schreibunterrichts und ein anderes über den biblischen Geschichtsunterricht in. den ersten Jahrgängen zu liefern. Darauf wird die Conferenz geschlossen. G. Hofmann. Oesterreich-Ungarn. im December. (Or. - Corr.) An den Bericht Ihres Prager Corrcspondenten, betreffend den Sturm gegen einen Rabbiner, der in Ermangelung der Chaliza die Trauung nicht vollziehen wollte, erlaube ich mir, einige allgemein interessirende Bemerkungen zu knüpfen. Nach dem Gesetze vom 21. April 1877 giebt es in Böhmen nur 25 zu Trauungen berechtigte Rabbinate, die nicht einmal alle besetzt sind. Die Insassen des einen Bezirkes darf der. *) Der „Auszug" soll sich ja nicht aus ein B. M. beschränken, sondern alle 5 B. M. extrahiren; da wird der Begriff „Chumesch" besser conservirt, als wenn in den verschiedenen Klaffen nur je ein B. M. tractirt wird. (Red.) **) Die Thora im Originaltext >oll durchaus nicht aus der Schule verbannt werden, aber in den untern Klassen ist ein geeigneter „Auszug" aus jedem der 5 Bücher Moses durchaus nothwendig, in der obern die ganze Thora. So hat cs sich auch beim Gebetbuch — durch unsere Tefilla kezara, die ja auch in der oberen. Klasse den Siddur nicht verdrängt — praktisch bestens bewährt. Wir sind mit einem solchen metho diich en Auszug aus der Thora schon seit längerer Zeit beschästigt, und sehen Vorschlägen aus Lehrerkreiscn gern entgegen. (Red.) ***) In vollster Uebcrcinstimmung mit dieser berechtigten Forderung, des Herrn Landrabbiners haben wir den beiden Curscn der Tefilla kezara „grammatische Vorbemerkungen" beigefügt, die das gewünschte Maaß von Grammatik nicht überschreiten. Was an Zeit und Mühe hierau; verwendet wird, kommt ja dem Uebersetzen reichlich zu gute. (Red.)

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